Tiefe Einblicke in Schicksale auf hoher See

Tiefe Einblicke in Schicksale auf hoher See
Eutin
„Seemanns Braut ist die See“ – die Zeile aus dem Lied „La Paloma“ beschrieb trefflich die Flagge, unter der die 7. Matinee der Freunde und Förderer Eutiner Landesbibliothek am Sonntagvormittag segeln sollte. An Deck der Eutiner Sparkasse hatten sich rund 200 Gäste versammelt, um eine neue Perspektive auf die Geschichte der Seefahrt, ihre Tücken, den harten Alltag der Matrosen und das fabelhafte Seemannsgarn zu erhalten. „Ich hoffe, dass sie seefest sind“, begrüßte Klaus Schöfer, Vorsitzender des Fördervereins – und hielt augenzwinkernd eine Papiertüte für den Fall bereit, dass doch jemanden die Seekrankheit ereile. Darüber hinaus warb Schöfer dafür, das Angebot der Landesbibliothek mit einem kostenlosen Leseausweis in Anspruch zu nehmen. „Haben Sie weder Scheu noch Berührungsängste“ ermutigte er die Anwesenden, sich auch künftig für die Welt der Bücher zu begeistern. Zudem machte Schöfer auf Pläne aufmerksam, womöglich bald eine Stiftung für die EutinerLandesbibliothek ins Leben zu rufen.
Dr. Martin Lüdiger, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Holstein, äußerte sich positiv zu diesem Vorhaben, das im Rahmen der Sparkassen-Bürgerstiftung profitieren könnte. Zum Jahresbeginn erst seien – der guten wirtschaftlichen Entwicklung sei Dank – 4,5 Millionen Euro an diverse Stiftungen geflossen. Auch Kreispräsident Ulrich Rüder lobte die Bedeutung der Sparkasse als maßgeblicher Förderer der sozialen und kulturellen Einrichtungen in der Region. Die Matinee selbst hob er als „den ersten kulturellen Höhepunkt“ des Jahres hervor. Gerne hätte er selbst ein Seemannslied dazu beigetragen, scherzte Rüder – nur wäre das der Qualität der Veranstaltung nicht gerecht geworden. Mit einer weiteren Anekdote wartete Dr. Frank Baudach auf. Der Leiter der Eutiner Landesbibliothek erzählte, er habe im September vergangenen Jahres aus dem Mund eines Grundschülers erfahren, in welches Zeitalter eine Bibliothek heutzutage gehörte. Ob die Menschen denn früher „gar keine Onlinespiele“ gehabt hätten, hatte der verdutzte Junge während eines Projektes zur Geschichte des Buchdrucks wissen wollen. Für die Kinder des Computerzeitalters seien Bibliotheken so weit entfernt wie das Mittelalter, räumte Dr. Baudach ein. Dennoch – und dem Trend zur Digitalisierung alter Texte zum Trotz – wolle man am Buch als einem handfesten Informationsträger festhalten, versprach er. Schließlich gäbe es – von urzeitlichen Steintafeln abgesehen – kein zuverlässigeres Medium als das Buch, um Informationen weiterzugeben. Begleitet von in den Vortrag eingeflochten Shantys legte dann das Hamburger Schauspiel-Duo Sabine Schindler und Michael Bideller los. Mit einem von Bibliotheksmitarbeiterin Dr. Susanne Luber recherchierten Text zur Geschichte der Seefahrt entführten die einprägsamen Stimmen den Saal in eine Welt zwischen stürmischer See und madigem Schiffszwieback, shanghaiten Leichtmatrosen und wagemutigen Weltumseglern, wackligen Einbäumen und pompösen Luxusdampfern. Dabei versank die Seefahrerromantik, wie sie sich die Landratten erträumten, schnell in der harten und beschwerlichen Realität des offenem Wassers, mit Sterblichkeitsraten von 10 bis 20 Prozent auf alten Ostindien-Seglern und lakonischen Gedanken zu Krankheit, Enge, Drill und Hunger, wie sie authentische Quellen wie die Aufzeichnungen des von holländischen Seelenverkäufern betrogenen Seemanns Johann Gottfried Manski Ende des 18. Jahrhunderts boten. Erst rund 100 Jahre später kamen dann die ersten Kreuzfahrten zum reinen Vergnügen auf – wenngleich auch diese, von Titanic bis Costa Concordia, nicht von den Gefahren des Meeres verschont blieben.