Selbstbestimmt leben – trotz Demenz

Selbstbestimmt leben – trotz Demenz
Plön
Kartoffeln schälen, Tiere füttern und Blumen pflanzen – Auch Menschen, die an Demenz erkrankt sind, können mitten im Leben stehen. Ein entsprechendes Betreuungskonzepts entwickelte Jukka Heymann. Vor einer Woche eröffnete der Hamburger Unternehmer offiziell die Senioren-Wohngemeinschaft Koppelsberg, in der die Bewohner den Alltag aktiv mit gestalten können. „Die Pflege wird ganz nebenbei praktiziert, während das eigentliche Leben im Vordergrund steht“, erläutert Jukka Heymann die von der Diakonie ambulant betreute Wohngemeinschaft.

Das selbst bestimmte, gemeinsame Leben löse eine hohe Motivation bei den Menschen aus. „Sie werden aktiver, wenn sie an allem beteiligt sind, sei es beim Kochen, Tisch decken, abwaschen, oder bei der Gestaltung der Mahlzeiten.“

Rund 50 Prozent des natürlichen Tagesablaufs seien an die Küche gekoppelt – entsprechend großzügig sei die offene Wohnküche angelegt. Auch ihren spontanen Bewegungsdrang könnten alle beliebig ausleben, denn selbständige Spaziergänge sind auf dem Gelände möglich. Mit Weideflächen, Erlebnispfaden im Bruchwald, Stein- und Kieswegen ist die umfriedete Anlage vielfältig gestaltet, um alle Sinne anzusprechen. In Zusammenarbeit mit der Arche Warder, sei die Idee entstanden, hier Ziegen, Kaninchen, Pferde und Schafe weiden und Hühner scharren zu lassen. Auch zwei kleine Kater leben schon mit den Senioren unter einem Dach und genießen liebevolle Zuwendung. Die Hundehalter unter den derzeit 14 Mitarbeitern dürfen ihre Vierbeiner mitbringen. Dabei verrichten die Supernasen ihren eigenen „sozialen Dienst“ auf der Anlage, sind stets bereit für die „kleine Pirsch“, fordern die Bewohner zum Spielen auf oder gehen auf Schmusekurs.

„Tiere erreichen die Menschen irgendwie“, ist Jukka Heymann überzeugt und erzählt von seinen Schlüsselerlebnissen. „Ich beobachtete, wie ein Mann, der schon lange Zeit nicht mehr geredet hatte, erstmals ein Pferd striegelte – und es plötzlich ansprach.“ In einem weiteren Fall habe ein Kaninchen für Überraschung gesorgt: „Sobald man das Tier auf den Schoß des Demenzpatienten gesetzt hatte, glitten die Hände entspannt auf das Fell herab – keinem Menschen war es zuvor gelungen, die stark verkrampfte Armhaltung des Erkrankten zu lösen.“ Vor diesem Hintergrund habe er überlegt, wie Tiere in das Konzept einzubinden wären. Die Lösung: Die Arche Warder nutzt die Wiesen am Plöner See als „Außenstelle“, während die Senioren von der Anwesenheit der Tiere profitieren. „Die Menschen werden aktiviert, sie laufen und sprechen wieder, eventuelle Aggressionen verschwinden – und Freude und Lebensqualität kehren zurück.“

Für die Umsetzung dieses ganzheitlichen Konzepts benötigte Heymann ein geeignetes Gelände, das er 2006 an der Hintersten Wache entdeckte. Nach einer fünfjährigen Planungsphase erwarb Heymann die ehemalige Förderschule für Spätaussiedler und brachte die Anlage mit insgesamt 900 Quadratmetern Wohnfläche auf „Neubaustandard“. Neun Senioren haben hier bereits ein Zuhause gefunden. Weitere Bewohner werden folgen, denn schon Ende Juli soll die zweite Wohngruppe eröffnet werden.

Bild: Jukka Heymann (v. re.) präsentierte mit Birthe Willsch, Pflegedienstleitung, Jutta Mutschinski, Leiterin der Wohngemeinschaft und Michael Steenbuck, Geschäftsführer der Diakonie Preetz, seine neu errichtete SeniorenWohnGemeinschaft Koppelsberg mit speziellem Betreuungskonzept. Foto/Text: Schneider