„Wir brauchen mehr Menschen, die aus der Deckung kommen“

„Wir brauchen mehr Menschen, die aus der Deckung kommen“
Griebel
Neujahrsempfang des Amtes Ostholstein-Mitte. Das Dorf fast zugeparkt, das Mehrzweckhaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Griebel in der Gemeinde Kasseedorf stand im Fokus des Amtes Ostholstein-Mitte, das dort seinen Neujahrsempfang, jährlich abwechselnd in einer der fünf Gemeinden, ausrichtete. Und es ist auch schon eine gute Tradition, dass nicht nur Bürger der veranstaltenden Gemeinde, sondern eine Vielzahl Interessierter auch aus den Nachbargemeinden, in diesem Jahr Schönwalde, Sierksdorf, Altenkrempe und Schashagen, einfinden, um das neue Jahr gemeinsam zu begrüßen. Einen fröhlichen Auftakt bereitete den Zuhörern der Posaunenchor der Kirchengemeinde Schönwalde sowie Kinder des Kindergartens „Flohkiste“ in Kasseedorf mit musikalischen und unterhaltsamen Beiträgen. Neben seinen vier Bürgermeisterkollegen Niels Schwarz (Kasseedorf), Bodo Willert (Sierksdorf), Detlev Behrens (Schashagen) und Hans-Peter Zink konnte Schönwaldes Bürgermeister und Amtsvorsteher Hans-Alfred Plötner unter anderem die Bundestagsabgeordneten Bettina Hagedorn und Ingo Gädechens sowie die Landtagskandidaten Rasmus Vöge und Lars Winter begrüßen. Plötner Blickte zunächst auf die weltweiten Ereignisse zurück und nannte den Atomunfall in Japan, den Amoklauf in Norwegen sowie neue Staatsformen in Afrika. Regional sieht er die Hinterlandanbindung im Zuge der Fehmarnbeltquerung sowie den geplanten Bau einer 380 kv-Leitung als Schwerpunktthemen. Zudem kündigte er an, mit den Bauarbeiten für das Projekt „Erlebnis Bungsberg“ (der reporter berichtete) Ende 2012 beginnen zu wollen. Hans-Alfred Plötner mahnte auch an, das Ehrenamt weiter zu stärken, um Nachwuchs für Vereine und Verbände zu gewinnen. „Hier müssen wir noch mehr die Werbetrommel rühren“, so der Amtsvorsteher. Die Neujahrsansprache gebührt jeweils dem Bürgermeister der gastgebenden Gemeinde, diesmal also Niels Schwarz aus Kasseedorf. Er knüpfte mit seinem Konzept nahtlos an seine Worte von 2007 an und berichtete weniger über Geschafftes und Erreichtes in seiner eigenen Gemeinde, sondern stellte grundsätzliche Fragen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Mit einem Beispiel aus seiner Familie widmete er sich zunächst dem Thema „Heimat“ und sagte: „Nur, wer feste Wurzeln in seiner Heimat hat, kann offen für die Welt sein.“ Weiter ergänzte Niels Schwarz: „Heimat ist nicht Zustand, sondern ein sich ständig wandelnder Prozess. Hier müssen wir unsere Einwirkungsmöglichkeiten suchen, um ein Umfeld zu schaffen, in dem die jungen Menschen ihren Platz finden und die älteren sich geborgen fühlen.“ Schenkt man den Prognosen der Demographen glauben, wird in den ländlichen Räumen die Überalterung der Bevölkerung das größte Problem werden. Prognosen für Ostholstein gehen allerdings davon aus, dass der Kreis nur geringfügig von einem Bevölkerungsschwund betroffen sein wird. Der dramatische Rückgang an Geburten soll nach allen Voraussagen durch Zuwanderung von älteren Menschen aus Ballungsgebieten ausgeglichen werden. Demnach soll Ostholstein schon im Jahr 2020 zu den am stärksten überalterten Kreisen in Deutschland gehören. Kritik erntete die Bildungspolitik der vergangenen Jahre, die nach Meinung von Niels Schwarz einen großen Teil dazu beiträgt, dass junge Familien zunehmend zurück in die Städte und größeren Gemeinden ziehen. So haben die Gemeinden Schönwalde und Kasseedorf noch vor wenigen Jahren große Anstrengungen unternommen, um die von ihnen gemeinsam getragene Grund- und Hauptschule Schönwalde auf einen modernen Stand zu bringen. Inzwischen ist das eingetreten, was Schwarz bereits 2007 ankündigte. Die Hauptschule ist ausgelaufen. Die Schule, die einmal für 430 Schüler gebaut wurde, wird nur noch von 150 Grundschülern besucht. Die Hauptschüler, die in einer hervorragend ausgestatteten Schule unterrichtet werden könnten, besuchen die Gemeinschaftsschulen in den umliegenden Städten und größeren Gemeinden. Die für diese Schüler geforderten Schulkostenbeiträge belasten beide Gemeinden mit zusätzlich 120.000 Euro. Eine Schlüsselrolle für bürgerliches Engagement und funktionierendes Sozialleben sieht Bürgermeister Schwarz auch weiterhin bei Vereinen und Verbänden. „Wir brauchen mehr Menschen, die aus der Deckung kommen und sich der Verantwortung stellen. Allerdings braucht die Demokratie nicht Wutbürger, sondern Mutbürger, die sich fragen, was sie zum Zusammenhalt der Gesellschaft und zu ihrer Zukunft beitragen können.“