Der Bedeutung dieser zwei Sätze von Erich Kästner wird man sich bewusster, wenn man die Arbeit der Partner des Kinderschutzbundes Ostholstein in Severodvinsk, Russland, kennen gelernt hat. Ich habe schon einige Orte und Städte der Welt kennen gelernt, die abseits der normalen Handelsmetropolen lagen. Doch im Unterschied zu jenen Plätzen, war die Hoffnungslosigkeit hier im Nordwesten Russlands, direkt am Weißen Meer, wesentlich spürbarer.
Das große Ziel der Jugendlichen in Severodvinsk heißt: Lernen, um wegzukommen. Weg aus dieser Stadt, die ein einziger Trabant mit rund 190.000 Einwohnern am Ende der Welt ist. Dort, wo man nicht eben mal zum Bummeln in die nächste Stadt fahren kann, wo es an Vergnügungsstätten für Jugendliche mangelt, aus dieser von Meer, Moor und Tundra umschlossenen Stadt, will man einfach nur weg, weit weg.
Mindestens das 1.000 Kilometer entfernte Moskau möchte man erreichen, am liebsten aber noch weiter; bis nach Mitteleuropa reichen die Sehnsüchte. Severodvinsk besteht aus 2 Werften, wo etwa 50.000 Mitarbeiter beschäftigt sind und ungezählten Vielfamilienhäusern, die an quadratisch angelegten Straßen liegen. Nur ganz selten sieht man Häuser, die einen frischen Farbanstrich haben und Freundlichkeit ausstrahlen. Einfamilienhäuser gibt es hier gar nicht. Eintönigkeit überall graue Straßen, fast 9 Monate im Jahr. Die älteren Bewohner haben sich arrangiert mit dieser Trostlosigkeit, die jungen streben nach Veränderung. Und sie glauben nicht, dass sie diese hier erreichen können.
Das Schulsystem ist hier vorbildlich und für die Bildung der Kinder wird sehr viel Gutes getan. Vom Kindergarten bis zum Gymnasium sind die Häuser zwar baulich lange nicht auf unserem Standard; mit Ausnahme der Schule Nr. 1. (die Schulen wurden hier nicht mit Namen versehen, sondern nummeriert). Insgesamt gibt es etwa 30 Schulen und eine Universität in der Stadt. Die Schule Nr. 1 ist die erste hier gebaute Schule, wurde in den vergangenen neun Jahren renoviert und präsentiert sich nach westlichem Standard.
Die Partner des Kinderschutzbundes in Severodvinsk betreuen mit ihrem „Warmen Haus“ Kinder und Jugendliche aus sozialschwacher Herkunft oder mit Lernschwierigkeiten. Und das relativ erfolgreich. Vor Jahren hat man auffällige Kinder einfach weggesperrt. Sie wurden auf dem Schulweg von der Staatsbehörde festgenommen und kamen in ein mehrere hundert Kilometer entferntes Internat. Bei uns würde man dazu Gefängnis sagen. Auch jetzt sitzt ein erst neunjähriges Kind wegen Mordes in diesem Haus...!
Dem „Warmen Haus“ ist es gelungen, mit der angrenzenden Schule ein Konzept zu entwickeln, das die Kinder frühzeitig auffängt und betreut. Selbst eine Zusammenarbeit mit der Polizei wurde erreicht. Hochqualifizierte Psychologen und Sozialarbeiter bemühen sich unter widrigen Umständen um die Kinder. Das „Warme Haus“ gehört zu jenen Organisationen, die ohne große Unterstützung der Stadt arbeiten müssen, eben ehrenamtlich. In den vergangenen Jahren hat der Kinderschutzbund in einem Projekt diese Unterstützung geleistet. Doch das Projekt läuft 2011 aus.
Zur Aufgabe der diesjährigen Delegation gehörte es unter anderem, die städtischen Behörden davon zu überzeugen, diese Finanzierung zukünftig zu leisten. Ob das gelungen ist, wird sich erst zeigen. Unsere Delegation hatte das große Glück, das für Ausländer eingeschränkt zugängliche Stadtgebiet Severodvinsk im Sonnenschein zu erleben. Auf den Werften wurden die russischen Atom-U-Boote gebaut. Heute dient die Werft zur Abschrottung der Boote, für Neubauten von Ölplattformen oder Reparaturen. Nur wenn es der Werft gelingt, sich als international konkurrenzfähiger Partner der Schiffsindustrie zu etablieren, besteht überhaupt eine Hoffnung für die Stadt.
Ein Mittelstand oder Handwerkersfirmen, die willens und in der Lage sind, neue Häuser zu bauen, existieren schlichtweg nicht. Andere Industrien, neben der Werft, gibt es ebenfalls nicht. Die ganze Stadt war auf die Versorgungskultur des Sozialismus ausgerichtet. Der Umstieg auf eine marktwirtschaftliche Gesellschaft erscheint daher als eine Mammutaufgabe. Da ist es ein Lichtblick, einen der wenigen freien Verleger Russlands gerade hier kennen gelernt zu haben. Dieser Mann verdient Anerkennung, strahlt Zielbewußtsein aus. Immerhin hat er einhundert Mitarbeiter beschäftigt, und es herrscht ein freundliches Betriebsklima. Sehr freundlich, fast wie gute alte Bekannte, wurden wir von allen empfangen.
Einen schönen Abend erlebten wir mit der Folkloregruppe Belmorje, die erst 2010 zum Folklorefestival in Neustadt war. Wiedergetroffen haben wir die Folkloregruppe Sewernaja Swonnitsa, sie war 2007 in Neustadt. Anzustreben und für Jugendliche beider Städte fruchtbar, wäre ein dauerhafter Schüleraustausch zwischen Neustadt in Holstein und Severodvinsk. Noch Deprimierenderes erlebten wir während der 24-stündigen Zugfahrt nach Moskau. Doch das wäre ein neuer Artikel.
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