Reporter Eutin

Eine Insel der Musik im Demenz-Alltag

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Eutin (aj). Früher hat Ingrid Rodenberg im Chor der Eutiner Festspiele gesungen, 15 Jahre lang stand sie auf der Bühne im Schlossgarten: „Singen“, sagt sie strahlend, „löst mir alles von der Seele.“ Sie sitzt in der ersten Reihe im Übungsraum der Kreismusikschule in der Waldstraße. Vor ihr stimmt Chorleiterin Yvonne Crössmann die vertrauten Lieder an, neben ihr sitzt Ehemann Wolfgang Rodenberg. Er hat im Oktober 2018 von dem Chorprojekt des Pflegestützpunktes gelesen und gleich gewusst: „Das ist etwas für meine Frau!“ Von der ersten Stunde an sind die beiden dabei. Es ist eine Zeit der Gemeinsamkeit, für die Rodenbergs wie für die übrigen 16 Singenden.
 
„Ihr Kurzzeitgedächtnis ist nicht mehr gut, aber sie kennt all die alten Texte noch genau“, erzählt der Ehepartner. „Unser Ansatz ist es, mit einem gemeinsamen Singen die Beziehung zwischen dem demenzerkrankten Menschen und seinem Angehörigen zu stärken“, erläutert Friederike Joppich, Projektleiterin vom Pflegestützpunkt. Sie ist bei jedem Treffen dabei, steht als Ansprechpartnerin zur Verfügung und singt – natürlich! - auch selbst mit. Dass in der Gruppe das Miteinander stimmt, beobachtet auch Chorleiterin. Yvonne Crössmann hat ihre musikalische Ausbildung um eine Fortbildung in Geragogik erweitert. Dieser Bereich der Pädagogik legt den Schwerpunkt auf Bildungsangebote für ältere Menschen. Der Unterschied zu anderen Chören liege im Leistungsanspruch, es geht nicht darum, sich auf Auftritte oder Konzerte vorzubereiten: „Hier wird einfach gern gesungen“, sagt Crössmann. Zur Begrüßung hat sie „Dat du min Leevsten büst“ am Klavier begleitet, der Klang ist voll, die Gesichter sind froh. Später werden bunte Tücher geschwenkt, die Singenden lassen es auf Handtrommeln regnen. Andreas Brons zeigt seiner Mutter Barbara, wie sie mit der Hand den Klang erzeugen kann: „Ich lerne von ihm und mit ihm“, meint die alte Dame. Auch dieses Paar ist seit der ersten Stunde im Chor dabei. Der Sohn holt seine Mutter dafür aus dem Wohnpark ab, in dem sie jetzt zu Hause ist: „Es ist etwas Besonderes, der einzige gemeinsame Termin, den wir haben“, berichtet Andreas Brons. Auch Barbara Brons hat früher im Chor gesungen, im Kirchenchor: „Und manchmal beim Spazierengehen fallen ihr die Lieder wieder ein. Musik, das ist eine Ressource“, ist Sohn Andreas überzeugt. Möglich wird die Auszeit auch durch großzügige Unterstützer: Die Karl-Gustav-Jürgensen-Stiftung gibt 1400 Euro, vom Inner Wheel Club kommen 850 Euro. Den größten Teil der Kosten übernimmt der Pflegestützpunkt.
 
Dank dieses Engagements kann die Teilnahme am Chor im ersten Jahr kostenfrei angeboten werden. Nach Rücksprache ist auch die Organisation eines kostenpflichtigen Fahr- und Begleitdienstes möglich. Derzeit besteht der Chor aus 18 Singenden mit und ohne Demenzerkrankung: „Wir möchten gern wachsen und laden daher gern weitere Interessierte ein“, sagt Friederike Joppich. Auskünfte und nähere Informationen erteilen das Büro der Kreismusikschule Ostholstein unter Telefon 04521 – 788-560/-550, www.kreismusikschule-oh.de sowie der Pflegestützpunkt im Kreis Ostholstein unter Telefon 04521 – 8306630, www.pflegestuetzpunkt-ostholstein.de. Gute Gründe für das Singen in der Gemeinschaft gibt es reichlich: So werden durch die Musik die kognitiven Fähigkeiten vorübergehend gestärkt, Erinnerungen aktiviert und Unruhe gemildert. Gleichzeitig bauen die Melodien eine Brücke zwischen den Menschen mit und denen ohne Gedächtnisstörung. Oder wie es Wolfgang Rodenberg in einem Satz auf den Punkt bringt: „Es tut meiner Frau gut, also tut es auch mir gut!“


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