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Urlaub der besonderen Art

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In regelmäßigen Abständen müssen Nadja und Achim Gimbel durch das Fernglas spähen, um dokumentieren zu können, was sich am Adlerhorst alles ereignet.

In regelmäßigen Abständen müssen Nadja und Achim Gimbel durch das Fernglas spähen, um dokumentieren zu können, was sich am Adlerhorst alles ereignet.

Rathjensdorf (los). Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Ähnlich hartgesotten: Aktive Seeadlerschützer. Anders ist es wohl kaum zu erklären, wenn Natur- und Vogelfreunde sich auch bei lausigen Temperaturen für österlichen Campingurlaub an der Seeadlerbeobachtungsstation der Projektgruppe Seeadlerschutz „oben“ in Rathjensdorf entscheiden. Nadja und Achim Gimbel haben den langen Weg aus Hardthausen (Kreis Heilbronn) auf sich genommen, um wieder einmal eine Frischluftkur der besonderen Art zu genießen. Die rund neuneinhalb Stunden Fahrzeit einschließlich einiger Baustellen müssen sich lohnen.
 
Abgesehen vom Blick auf das brütende Adlerpaar locke die Einsamkeit der Natur und die faszinierende Aussicht aufs Schloss, sagen die Feriengäste. Seit vielen Jahren zieht es die Vogelschützer regelmäßig in den Norden. „Angefangen hat alles in den 70-er Jahren in einer Aktionsgemeinschaft für Wanderfalkenschutz“, sagt Achim Gimbel. Seeadler gab es damals in seiner Jugendzeit kaum zu sehen, erinnert er sich. „Gerade eineinhalb Paare lebten noch in der Bundesrepublik.“ Weitere 30 Paare gab es in der DDR – schlechte Aussichten für ein Überleben der Art. „Einen Seeadler habe ich zum ersten Mal 1980 in Norwegen gesehen“, blickt er zurück.
 

Die Seeadlerstation in Rathjensdorf bleibt kontinuierlich besetzt. Der regelmäßige Blick durchs Fernglas ist zur Dokumentation Pflicht. Viele Besucher nutzen die Möglichkeit, von hier aus die Tiere beobachten zu können und sich zu informieren. Einer der Vögel sitzt derzeit stets auf dem Horst, derweil der Partner für sich auf Futtersuche ist. Seit dem fünften März brütet das Paar. Der Schlupf wird nach rund 38 Tagen erwartet.
 

Was am Nest geschieht, werde genau protokolliert, erzählen die Urlauber: Die Ablösung beim Brüten, wer wie lang auf dem Gelege sitze, wann die Adler rufen oder ob ein Störenfried, zum Beispiel ein nah vorbei fliegender Bussard auftaucht. Achim Gimbel weiß, worauf er achten muss, wenn Bewegung in den Wald kommt. „In der Nähe brütet auch ein Kolkrabenpaar“, erzählt er, „wenn der Adler kommt, geben die Alarm.“
 

Auch sonst ist einiges los in der Feldflur, wo sich Fuchs und Hase „gute Nacht sagen“. Schon am ersten Tag: „80 Graugänse und 40 Kormorane sind heute vorübergeflogen“, hat der Naturschützer gezählt. Außerdem wurde ein Mäusebussard beobachtet, eine Goldammer, ein Fuchs, ein junger Seeadler und ein Kranichpaar, das in der Nähe grad auf den Auwiesen gelandet ist.
 

Die Gimbels genießen die Natur aus vollen Zügen, gerade um diese Jahreszeit. „Diese Aufbruchstimmung, wenn zum Beispiel die Kraniche durchziehen ist einfach toll“, finden sie. Manchmal könne man hier auch durchziehende Fischadler beobachten. Ein Spezialist in Sachen Nahrungsbeschaffung. „Der Fischadler taucht zum Fischfang ganz ein, während der Seeadler den Fisch an der Oberfläche ergreift“, erklärt Achim Gimbel.
 

Ehefrau Nadja genießt die entspannten Urlaubstage in der Holsteinischen Schweiz nicht minder. Ein Buch in der Hand lässt sie sich die ersten Sonnenstrahlen auf der windgeschützten Seite des stationierten Wohnwagens ins Gesicht scheinen. Zumindest, wenn grad nichts los ist und kein Besuch kommt. „Ich liebe den Norden“, sagt sie. Dabei kennt Nadja Gimbel ganz andere Dimensionen, als das liebliche Hügelland rund um Plön: Das sibirische Krasnojarsk in der Taiga sei ihre frühere Heimat, berichtet sie. Seit 22 Jahren lebt sie in Deutschland. Doch ab und zu zieht es sie in Heimat.
 
„Wenn ich meinen Vater besuche, geht der Flug drei Stunden über Europa, fünf weitere Stunden über Russland und dann muss ich noch 12 Stunden mit dem Zug bis Krasnojarsk weiter fahren“, beschreibt sie die Größenverhältnisse. Distanzen, die denen der Zugvögel vergleichbar sind. So können Kraniche auf der Durchreise bis 2000 Kilometer durchfliegen (Tagesstrecken von 10 bis 100 Kilometer sind allerdings eher die Regel) und erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 65 Stundenkilometer. Selbst junge Seeadler streifen auf der Suche nach einem eigenen Revier weiträumig kreuz und quer durch Europa. Die Seeadler Sibiriens und Nordrusslands sind sowieso Zugvögel.
 

Info: Die Projektgruppe Seeadlerschutz leitet Volker Latendorf, Kreuzfelder Weg 1, 23701 Eutin Neudorf.


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