Reporter Eutin

Verstehen, warum jemand tickt, wie er tickt

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Eutin (ed). „Barriboxen“ heißen die großen Plastikboxen mit der Aufschrift „Hören“ oder „Sehen“ oder „Bewegung“ oder „Autismus“ – gefüllt sind sie mit dem unterschiedlichsten Material zum Ausprobieren, Anschauen, Anfassen, Lesen, Verstehen. Sie sollen Kindern und Jugendlichen helfen zu verstehen, wieso jemand so tickt, wie er tickt. Wenn er nicht so gut sehen oder hören oder sich bewegen kann wie alle anderen – oder wenn er eine Form von Autismus hat und den Alltag einfach nicht mal so eben bewältigen kann wie viele seiner MitschülerInnen. Die Boxen wurden im Rahmen des Projektes „Barrierearme Schule“ des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQ.SH) entwickelt und können von Schulen ausgeliehen werden – jetzt auch in Ostholstein. Hier sind sie am zuständigen Förderzentrum der Region, der Albert-Mahlstedt-Schule angesiedelt. „Wir haben eine Fortbildung zur barrierearmen Schule gemacht“, erzählt Schulleiterin Antonie Schwirz, „und sind darüber ins Gespräch gekommen, dass es diese Boxen gibt. Die fanden wir eine sehr gute Idee und haben uns damit an den Schulrat gewendet.“ Bei Schulrat Manfred Meyer rannte Antonie Schwirz mit der Idee offene Türen ein. „Die Kinder werden immer unterschiedlicher“, erklärt Manfred Meyer, „bringen ihre Päckchen mit in die Schule – und darauf können wir als Lehrer mit diesen Boxen ganz praktisch eingehen.“ Und eben dieses Praktische, die Möglichkeit, sich zumindest ein bisschen in den anderen hineinversetzen zu können, das war auch der Ursprung der Barriboxen – Barri kommt natürlich von Barriere. Die gilt es zu überwinden und im besten Falle einfach niederzureißen. Durch gegenseitiges Verständnis, auch wenn der oder die Andere ein bisschen anders ist als man selbst – zu verstehen, wieso er oder sie genau so verhält. „Wir kamen zu dem Schluss, dass wir etwas Praktisches brauchen, um die Kinder dafür zu sensibilisieren, dass da jemand ein bisschen anders ist“, erzählt Inken Schnaase, die zuständige Projektleiterin. „Weil erst die Erfahrungsebene es spannend und interessant macht. Angefangen haben wir mit Hören und Sehen, weil es am einfachsten nachzuvollziehen ist.“ Kopfhörer dämpfen die Geräusche wie bei jemandem, dessen Gehör eingeschränkt ist, der Weg durch die Schule in einem Rollstuhl zeigt ungeahnte Barrieren auf, spezielle Brillen machen deutlich wie es ist, nur hell und dunkel oder nur Schemen sehen zu können. Wie viele Kinder es gibt, die unter solchen Handicaps leiden, zeigt oftmals erst die schulärztliche Untersuchung vor der Einschulung: „Vor allem starke Fehlsichtigkeit oder Probleme beim Hören kommen erst dann zutage“, so Manfred Meyer, umso froher sei er, dass der Jugendärztliche Dienst des Kreises so gut aufgestellt und so umsichtig sei. Das gilt auch für andere Barrieren, mit denen Kinder in ihrem Alltag konfrontiert sind, die aber für die anderen nicht so offensichtlich sind – wenn zum Beispiel das Gehirn bei der Verarbeitung von Reizen anders arbeitet, wenn eine Form von Autismus vorliegt, die man schlicht nicht sehen kann. Der Autismus liegt Inken Schnaase besonders am Herzen, einfach weil man ihn nicht so leicht verstehen kann wie eine eingeschränkte Seh- oder Hörfähigkeit. Um nicht autistischen SchülerInnen Autismus zu erklären, gibt es die verrückte Blinke-Brille, zwei Hörhörnchen, an denen mit einer Spülbürste geschrubbelt wird. Manfred Meyer probiert es aus: „So, und jetzt: Drei mal 17“, fordert ihn Inken Schnaase zum Rechnen auf, während die Brille blinkt und das Geräusch auf ihn einprasselt. Der Schulrat schüttelt den Kopf: „Das geht nicht“, sagt er. „Und so fühlen sich Autisten oftmals im Alltag“, erklärt Inken Schnaase. Die Übung heiße „Totaler Wahnsinn“: Komplette Reizüberflutung durch Geräusche, visuelle Reize, schulische Anforderungen – so scheitern intelligente Kinder schon an einfachsten Aufgaben, am Alltag und bekommen ihren Stempel. Weil sie ausflippen, wenn es ihnen zuviel wird, schreien, sich bewegen müssen oder sich unterm Tisch verkriechen. Zu verstehen, wieso sie das tun, dabei hilft das Material zum Autismus – und auch zu verstehen, wieso gerecht manchmal ungerecht aussieht. Wenn jemand nach seinen Möglichkeiten arbeiten darf, einfach weil es nicht anders geht, sieht das für den andern manchmal ungerecht aus. Sehr schön zeigt das Die Schule der Tiere, ein Bild, auf dem benotet wird, wie die Tiere auf einen Baum klettern. Und dass das für den Affen und den Vogel deutlich leichter ist als für Goldfisch oder Elefant. Die Barriboxen helfen zu verstehen, wieso jemand ist, wie er ist – und dass er gut so ist. Das IQ.SH holte die Sparkasse Holstein als Sponsor mit ins Boot, die von der Idee, spielerisch, anschaulich und ganz praktisch Barrieren auch unter den SchülerInnen abzubauen, begeistert war. So ermöglicht es jetzt die Sparkasse Holstein, dass im Kreis Ostholstein Boxen zur Verfügung stehen. „Als Förderzentrum haben wir den Auftrag, Regelschulen bei der Umsetzung von Inklusion zu unterstützen“, sagt Antonie Schwirz, „Mit den Barriboxen können wir unsere Angebotspalette deutlich erweitern. Die Wege für interessierte Lehrkräfte werden deutlich verkürzt, Schul- oder Klassenprojekte können anschaulich durchgeführt und Verständnis für den anderen geweckt werden.“
„Der Weg zu einer gemeinsamen Schule für alle Kinder mit und ohne Behinderungen beginnt mit dem Verständnis für den Anderen“, erklärt Inken Schnaase. „Und dabei hält manche Barriere im Kopf mehr auf als zum Beispiel eine fehlende Rampe.“ Und Barrieren im Kopf abzubauen, das klappt nur, wenn man weiß, wieso der andere tickt, wie er tickt.
Die Barriboxen können von Ostholsteiner Schulen sehr gern telefonisch unter 04521-3007 oder per mail an albert-mahlstedt-schule.eutin@schule.landsh.de für eine Ausleihe angefragt werden.


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