Marlies Henke

Gedenkwort der Stadt Neustadt anlässlich des 75. Jahrestags der Cap-Arcona-Tragödie am 3. Mai

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Am Sonntag eine kleine Delegation stellvertretend die Kranzniederlegung vornehmen.

Am Sonntag eine kleine Delegation stellvertretend die Kranzniederlegung vornehmen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
 
schweren Herzens wurde die Gedenkfeierlichkeit zur Würdigung des 75. Jahrestags der Cap-Arcona-Tragödie am Sonntag, dem 3. Mai 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt. Unter Federführung der Amicale Internationale KZ Neuengamme, der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme und der Bürgerstiftung Gedenkstätten Schleswig-Holstein war eine Gedenkfeier mit knapp 600 Gästen geplant. Überlebende, Hinterbliebene, Angehörige von Opferverbänden und Glaubensgemeinschaften sowie Vertreter von Bund, Land und Kommune wollten in einem ehrwürdigen Rahmen den Opfern der Schiffskatastrophe vom 3. Mai 1945 gedenken.
 
Nun steht das öffentliche Leben nahezu still. Verursacht durch eine Pandemie, deren Ausmaß wir uns vor Kurzem kaum hätten vorstellen können. Wie also erinnert man anlässlich dieses besonderen Jahrestags, wenn man dies nicht gemeinsam vor Ort tun darf? Indem wir uns auf diesem Weg an Sie richten: Lassen Sie uns gemeinsam und gleichzeitig jeder für sich der Katastrophe gedenken, die sich nur wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs in der Lübecker Bucht ereignete.
Aus dem Konzentrationslager Neuengamme wurden im April 1945, als sich die Front der Alliierten näherte, Tausende Gefangene auf einen Todesmarsch geschickt. Verbracht wurden sie auf die in der Lübecker Bucht vor Anker liegenden Schiffe. Etwa 7.000 Häftlinge wurden auf die Cap Arcona, 2.500 bis 3.000 Häftlinge auf die Thielbek verbracht. Zusammengepfercht auf Schiffen, die schwimmenden Konzentrationslagern glichen.
 
Am 3. Mai 1945 bombardierte die britische Luftwaffe die Schiffe in der Annahme, es handele sich um deutsche Truppentransporte. Während die Thielbek in kürzester Zeit versank, wütete auf der Cap Arcona Feuer. Die meisten Häftlinge ertranken oder verbrannten. Die Häftlinge, die sich aus den Schiffswracks befreien konnten, wurden im Wasser von englischen Flugzeugen beschossen. Konnten sie sich an Land retten, wurden sie dort von Männern der deutschen SS und Jungen der Hitlerjugend beschossen. An diesem Tag verloren in der Lübecker Bucht über 7.000 Menschen ihr Leben.
Wir schulden es den Opfern, dass ihr Leid nicht in Vergessenheit gerät. Wir tragen Verantwortung, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf. Den Frieden, die Freiheit, die Solidarität, die wir heutzutage hier erleben dürfen - sie sind nicht selbstverständlich.
Daher kommt der Zukunft des Cap-Arcona-Gedenkens eine große Bedeutung zu. In diesem Jahr wird uns durch die Corona-Pandemie und die Absage der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Cap-Arcona-Tragödie umso bewusster, welche hohe Bedeutung gemeinsames Erinnern und Gedenken für uns hat. Die Begegnung mit den Opfern anlässlich der Gedenkfeier am 3. Mai jeden Jahres ist wichtig, gibt sie doch den Anstoß, uns immer wieder mit unserer unrühmlichen Vergangenheit auseinander zu setzen.
 
In wenigen Jahren werden wir ohne die eindrücklichen Schilderungen der Überlebenden auskommen müssen. Wie funktioniert Gedenken ohne Zeitzeugen? Die Jugend macht es uns heute vor: Sie beschäftigt sich intensiv mit dem Thema und schafft Raum für die Erinnerung. In Form eines Films, eines Gedenksteins, einer Wanderausstellung. Sie gibt dem Gedenken einen virtuellen Raum und trägt die Geschichte über eine #-Kampagne in die Welt.
Durch Unterstützung des Landes Schleswig-Holstein wird die Stadt Neustadt in Holstein einen weiteren, wichtigen Teil zur Erhaltung einer lebendigen Gedenkkultur beitragen können. Die Cap-Arcona-Ausstellung soll neu gestaltet werden, mit einem neuen pädagogischen Konzept und dem Einsatz moderner Medien. Auf diese Weise können wir unserer Vergangenheit und unserer Zukunft ein Stück gerechter werden und zum gemeinsamen Erinnern beitragen.
Die Ereignisse vom 3. Mai 1945 müssen uns dauerhaft Mahnung bleiben. Lassen Sie uns gemeinsam in Stille innehalten, um zu erinnern und für die Zukunft zu lernen.
Wir dürfen nicht vergessen!
Ihr Sönke Sela
Bürgervorsteher der Stadt Neustadt in Holstein
 
Ihr Mirko Spieckermann
Bürgermeister der Stadt Neustadt in Holstein
 
Stilles Gedenken am 3. Mai
Um den Opfern der Cap-Arcona-Tragödie trotz der aktuellen Umstände zu gedenken, wird am Sonntag, dem 3. Mai eine kleine Delegation stellvertretend unter Beachtung der Kontaktvermeidung die Kranzniederlegung auf dem Ehrenfriedhof am Stutthofweg und auf dem jüdischen Friedhof am Grasweg vornehmen. Ein individuelles Gedenken durch einzelne Bürger ist an diesem Tag auf dem Ehrenfriedhof Stutthofweg ab 11 Uhr möglich sowie auf dem jüdischen Friedhof am Grasweg ganztägig. Die Stadtverwaltung bittet um Einhaltung der Kontaktabstände.
 
#gedenkencaparcona
Das Kinder und Jugendnetzwerk Neustadt und die Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“ möchten in Kooperation mit der Stadt, allen Menschen, den das Gedenken an die Opfer ein Bedürfnis ist, dennoch die Möglichkeit geben, individuell zu gedenken und ihre Gedanken und Gefühle mit anderen zu teilen.
Zum 3. Mai 2020 wird die Internetseite gedenkencaparcona.kjn-neustadt.de freigeschaltet, welche über die schrecklichen Ereignisse im Jahr 1945 in der Neustädter Bucht informiert und Botschaften von Menschen aus Politik und Verwaltung enthält. Über die jeweiligen Social Media-Netzwerke Facebook, Instagram und Twitter haben Menschen die Gelegenheit ihr individuelles Gedenken zu Hause, unterwegs, alleine oder mit der Familie mit dem Hashtag #gedenkencaparcona zu versehen und mit ihren Mitmenschen zu teilen. (red/he)


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