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„Gewalt kommt nicht in die Tüte“

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Polizei, Frauennotruf, Frauenhaus, Sozialarbeit, Familienbildungsstätte und Gleichstellungebeauftragte: Sie wollen das Thema Häusliche Gewalt aus der Tabuzone holen und verteilen Brötchentüten mit der bundesweiten Hilfe-Hotline

Polizei, Frauennotruf, Frauenhaus, Sozialarbeit, Familienbildungsstätte und Gleichstellungebeauftragte: Sie wollen das Thema Häusliche Gewalt aus der Tabuzone holen und verteilen Brötchentüten mit der bundesweiten Hilfe-Hotline

Eutin (ed). Nichts Neues, aber doch immer wieder aktuell sei er, der Internationale Tag gegen Gewalt gegen Frauen am 25. November, so die Eutiner Gleichstellungsbeauftragte Gudrun Dietrich – gemeinsam mit dem Frauennotruf, dem Frauenhaus, der Familienbildungsstätte, der Stadtbäckerei Klausberger und der Polizei hat sie sich auf die Fahnen geschrieben, die Tatsache öffentlich zu machen und zu enttabuisieren, dass die meisten Gewalttaten nicht in der Öffentlichkeit sondern in der Familie geschehen. Und meistens sind Frauen und Kinder die Opfer. Nicht umsonst sind die meisten Frauenhäuser dauerhaft zu 85 bis 95 Prozent belegt. “Die Toleranzgrenze ist gottseidank gesunken”, sagt Sybille Rohowsky aus dem Team des Frauenhauses Ostholstein, “Frauen brechen früher aus gewalttätigen Beziehungen aus.” “Gewalt kommt nicht in die Tüte” heißt, die Aktion, die seit vielen Jahren öffentlichkeitswirksam und niedrigschwellig nicht nur auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam macht sondern auch auf der Tüte die Hilfe-Hotline (08000116116) für Frauen trägt. 320.000 werden Schleswig-Holstein-weit bei der Aktion und in Bäckereien verteilt – 5.000 sind es dank der Bäckerei Klausberger in Eutin, in denen in den kommenden Wochen Brötchen verkauft werden und mit denen damit die Hilfe-Hotline ins Land getragen wird. Unterstützt wird die Aktion von der Eutiner Polizei, die am kommenden Samstagvormittag zusammen mit Gudrun Dietrich und den Mitarbeiterinnen des Frauenhauses und des Frauennotrufes Brötchentüten an die Wochenmarktbesucher verteilt. Denn es gelte nach wie vor, das Thema Häusliche Gewalt aus der Tabuzone zu holen, vor allem die betroffenen Frauen von der Vorstellung zu befreien, sie trügen selbst Schuld daran oder dürften sich keine Hilfe suchen. Verteilt wird auch der neue Flyer, klein und handlich, der in 23 Sprachen von Gewalt betroffene Frauen erreichen will – oder aber diejenigen, die einen Verdachte hegen, dass in einer Familie Gewalt ausgeübt wird. Denn auch hier gilt es, aufeinander aufzupassen – häusliche Gewalt ist nicht “Familiensache”. Vielmehr braucht die betroffene Frau Hilfe dabei, sich zu trauen, aus der gewalttätigen Situation auszubrechen – und dazu dient auch die Brötchentüte mit der Hilfe-Hotline, die nicht nur betroffenen Frauen die Telefonnummer ins Haus bringt sondern auch Familienangehörigen, Freunden, Nachbarn, die von Gewalt bedrohten Frauen helfen wollen. Aber nicht nur um häusliche Gewalt geht es in diesem Jahr rund um den Tag gegen Gewalt gegen Frauen, auch vor einer nahezu unvoraussehbaren Gefahr wird nachdrücklich gewarnt: KO Tropfen, die unbemerkt Getränken, aber auch Speisen oder Zigaretten zugegeben werden und komplett außer Gefecht setzen, über mehrere Stunden willenlos ohne bewußtlos machen – eine Zeit, die die Täter nutzen, um Mädchen oder Frauen zu mißbrauchen. Zwei weitere Veranstaltungen sind es deshalb, mit denen die Organisatoren möglichst viele Menschen erreichen wollen – die Autorin Petra Glueck wird morgen, am Donnerstag, dem 23. November zunächst am Vormittag in der Berufsschule des Kreises Ostholstein aus ihrem Buch “KO – No! Pass auf dich auf!” lesen. “Wir wollen mit diesem Thema vor allem junge Leute erreichen”, so Gudrun Dietrich – zwar habe man an der Berufsschule noch keine Meldung über Vorfälle mit KO Tropfen erhalten, wie die Schulsozialarbeiterin Dorota Pospieszny berichtet, doch sei es unabdingbar, dieses Thema anzusprechen. KO Tropfen seien aber längst kein Einzelfall mehr, wie Petra Glueck weiß, und kein Thema, das nur ganz junge Leute betreffe. Die Autorin wurde vor 20 Jahren als 35jährige selbst Opfer von KO Tropfen und schweren Mißbrauchs – 18 Jahre lang habe sie nicht darüber gesprochen, bis sie darüber schwer krank geworden sei. Heute wisse sie, dass es viele, viele Fälle von Mißbrauch nach KO Tropfen gebe, und dass nahezu alle Opfer Scham und Schuldgefühle über das Geschehene eine, “damit kämpft jedes Opfer, und das lähmt einfach.” Petra Glueck betreibt heute Präventionsarbeit, klärt über die Gefahr der KO Tropfen auf, spricht Opfer an und zeigt, dass es besser ist, drüber zu reden – und zu erkennen, dass man nicht verrückt ist, dass es wirklich passiert ist und dass man nichts dazu kann, nichts falsch gemacht hat. Und dass man wenig tun kann, um sich zu schützen – außer auf sich und aufeinander aufzupassen: “Die Zeitspanne, in der man reagieren kann, ist unglaublich kurz”, weiß Petra Glueck, “deshalb gilt es, in dieser kleinen Zeitspanne, in der man denkt, hier stimmt etwas nicht, sofort Hilfe zu holen.” Aber auch aufeinander aufzupassen hilft – zu reagieren, wenn die Freundin sich plötzlich seltsam benimmt, Hilfe zu holen, wenn auch nur der kleinste Verdacht besteht. Kurze Euphorie gehe der Willenlosigkeit (in der man antworten und laufen könne) voraus. Wichtig sei es, umgehend ärztliche Hilfe aufzusuchen und den KO Tropfen-Verdacht zu äußern, damit sofort Blut und Urin getestet werden können, denn KO Tropfen sind nur bis maximal 12 Stunden nachweisbar. Denn nur dieser Beweis kann den Verdacht untermauern. “Wir wollen die Menschen für dieses Thema sensibilisieren, sie dazu bewegen, aufeinander aufzupassen, die Gefahr öffentlich zu machen”, erklärt Gudrun Dietrich. Eine weitere Lesung mit Petra Glueck findet am gleichen Tag abends um 19.30 Uhr in der Familienbildungsstätte statt, kostenlos und ohne Anmeldung – “wir hoffen auf regen Zulauf”, so Simone Bruhn, die Leiterin der Familienbildungsstätte, “bei diesem Thema, das alle angeht.” Mit dabei wird auch hier die Polizei sein, die anschließend sehr gern Fragen beantwortet und Tipps gibt, wie man sich schützen kann.



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