

Neustadt. Wer im Sommer durch das Neustädter Umland fährt, dem begegnet womöglich eine Gruppe Rollerfahrer, die gemütlich hinter einem Traktor herknattern – oder zum Überholmanöver ansetzen. Was wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten wirkt, ist Teil einer lebendigen Subkultur, die in Ostholstein fest verankert ist.
Mittendrin: der Rapper LIL, kurz für „Lost in Lyrics“. Der Wahl-Rettiner widmet seine Musik einer fiktiven Küstenstadt namens Bayview – inspiriert von seinem Leben zwischen Strand, Werkstatt und nächtlichen Touren auf zwei Rädern.
„Lost in Lyrics bedeutet für mich, sich in Texten zu verlieren“, erklärt LIL. „Ich schreibe über das Leben an der Küste – in einer fiktiven Stadt namens Bayview.“ Die existiert zwar nur in LILs Kopf, trägt aber eindeutig Züge von Rettin, Neustadt und Umgebung.
Die Bilder in seinen Songs wirken wie Schnappschüsse aus dem ostholsteinischen Alltag: Möwenkreischen, Motorengeräusche, das Rauschen der Wellen – und eine gute Portion Freiheit.
Ostholstein hat eine aktive Rollerszene, die vielen vielleicht gar nicht bewusst ist. Mofas, Mopeds, 50er – längst mehr als nur Fortbewegungsmittel, sondern Ausdruck eines besonderen Lebensgefühls.
Auch LIL greift dieses Gefühl in seinen Songs auf – etwa in „Ortskontrollfahrt“, wo er rappt:
„Safety Car, Safety Car / 10 Roller hinter’m Traktor lang / 40-60-80, bam! / links vorbei am Jaguar“
(Anm. d. Red.: Gemeint ist nicht das Auto, sondern der Feldhäcksler CLAAS JAGUAR.)
In „Die Welle tobt“ erzählt LIL von seinem Schlafsack, der stets griffbereit im Helmfach seines Rollers liegt – liebevoll „Speedy“ genannt, ein Peugeot Speedfight 1 aus den 90ern.
Was LIL ebenfalls besonders macht: Er verzichtet bisher bewusst auf gängige Plattformen wie Spotify oder YouTube. „Ich mache Kunst aus Spaß“, sagt er. „Veröffentlichen oder im Spotlight stehen ist nicht so wichtig für mich – zumindest brauch ich’s nicht für mein Glück.“
Wer dennoch reinhören möchte, kann das ganz unkompliziert auf seiner Webseite LILofficial.com tun – dort gibt’s alle Songs zum Anhören und Herunterladen, ganz ohne Abo oder App.
Gemeinsam mit dem Ostholsteiner KFZ-Experten Jorden Schmehl aus Groß Schlamin tüftelt LIL regelmäßig an neuen Rollerprojekten. Schmehl gilt als eine Art inoffizieller Pressesprecher der ostholsteinischen Mofaszene – und ist gleichzeitig der Kopf hinter der Plattform Roller-Ostholstein.de. Die Verbindung zwischen den beiden reicht allerdings über den jährlichen Zündkerzenwechsel hinaus: „Ich habe LIL das erste Mal kennengelernt, als wir an seinem Speedfight geschraubt haben“, erinnert sich Schmehl.
„Er wollte seinen Roller so anpassen, wie eine Zeile in einem seiner Songs. Wer macht sowas? Einen ganzen Roller umzugestalten nur wegen einer Songzeile… Naja, das ist eben LIL.“
Was genau eine „Ortskontrollfahrt“ ist, erklärt Schmehl ebenfalls: „OKF nennen wir das – abendliche Rollerfahrten ohne festes Ziel. Man fährt einfach los und guckt, wo man landet.“
„Man trifft eher Dachs und Igel als Menschen“, ergänzt LIL mit einem Grinsen. Norddeutsche Qualitätszeit – auf zwei Rädern und ohne Plan.
LIL schraubt nicht nur an Rollern, sondern arbeitet auch mit Produzenten zusammen, die sonst für bekannte Popgrößen komponieren – seiner Linie bleibt er dabei treu: Kunst vor Kommerz.
„Ich bin meistens der bunte Hund im Studio – einer von denen, die Musik noch aus Freude an der Sache machen“, sagt LIL. „Aber es gibt zum Glück auch Produzenten, die genau das feiern. Und mit denen arbeite ich dann eben. Jede Planke hat ihren Nagel, sagen wir hier“, schmunzelt er.
Wer mehr über die lokale Rollerszene in und um Neustadt erfahren möchte, kann sich auf Roller-Ostholstein.de informieren. Und wer neugierig auf LILs Musik ist, findet auf LILofficial.com einen Player zum Anhören und die Möglichkeit, die Lieder herunterzuladen.
Und wer in den nächsten Wochen ein leises Zweitakt-Knattern hört, irgendwo zwischen Rettin, Pelzerhaken und Lensahn – vielleicht sind es ja LIL und Jorden auf OKF.

































