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Die Flüchtlingslagerschulen Plön-Stadtheide und Jägerslust

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Plön (los). Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist aktueller Anlass, sich damit auseinanderzusetzen, was Krieg und Vertreibung für Kinder zu bedeuten hat. Der Plöner Historiker Dr. Karsten Dölger widmet sich dem Kapitel Kindheit und Schule in der Nachkriegszeit und erforscht für Flüchtlingskinder eingerichtete Lagerschulen in Holstein. Derzeit untersucht er die Geschichte der Barackenschule in Plön-Stadtheide. In dieser Serie mit Fortsetzung erhalten Sie Einblicke in das Forschungsprojekt sowie über das bereits erschienene Buch „Kurenwimpel und Schulbaracke“ über den memelländischen „Flüchtlingslehrer“ Hans Seigies. (ISBN 978-3-00-072664-4), mit dem der dritte Teil abschließt.

 


Die Recherche über Hans Seigies begann in den 80er Jahren. Ausgangspunkt war für den Historiker Karsten Dölger der Ort Jägerslust, das Arbeitslager für den Ölhof Flemhude. Dieser gehörte zu einer Bunkeranlage der Kriegsmarine, „wahrscheinlich der größten in Schleswig-Holstein“, schätzt Karsten Dölger. Sie lag zwischen dem Flemhuder See und dem Nordostseekanal, beides wurde ab 1937 errichtet. Bereits zu Kriegsbeginn schufteten hier Zwangsarbeiter aus Polen, Frankreich, Dänemark, Italien, Belgien und Holland, „alle Welt war vertreten“.

 


1943 wurde die Anlage zu einem Durchgangslager für rund 2000 sowjetische Kriegsgefangene, die von Jägerslust aus an die Baustellen der Kriegsmarine verteilt wurden, zum Beispiel zur Trümmerbeseitigung in Kiel. „30 von ihnen sind bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen, da sie nicht in die Luftschutzbunker durften“, schildert Dölger eines der dramatischen Ereignisse dieser Zeit.

 


1945 bis 1949 wurde Jägerslust zum Lager für „polnische Displaced Persons” umfunktioniert, 1950 bis 1969 dann zum offiziellen „Kreisflüchtlingslager“, auch „Wohnkolonie“ genannt. Und von 1950 bis 1965 existierte eine Flüchtlingslagerschule, wo die Jägersluster Kinder unterrichtet wurden.
Karsten Dölger hat die letzte Lehrerin Ruth Schmidt noch kennengelernt und erhielt von ihr eine bedeutende Arbeitsquelle: Die Chronik der Lagerschule.
Beim Sichten stieß Dölger auf den Memelländer Hans Seigies, der hier ebenfalls unterrichtete. Jahrzehnte später stieß er erneut auf Seigies: im Internet. Dölger fand dort Ausgaben der alten Zeitschrift „Memeler Dampfboot“, die von der in Baden Würtemberg ansässigen Arbeitsgemeinschaft „AG der Memellandkreise“ - in Zusammenarbeit mit litauischen regional aktiven Historikern - ins Netz gestellt worden waren. Diese hat Karsten Dölger „Nummer für Nummer“ auf der Suche nach Hans Seigies, Seigies’ Lehrerseminar in Memel und nach Dorfschulen, an denen er tätig war, akribisch durchforstet. „Eine Suche mit verschwindend geringem Erfolg und wenig produktiv“, wendet er ein, „aber ich habe das oft als Belohnungsrecherche nach Dienstschluss gemacht“ – Dölger, der unweit seines Recherchebrennpunkts in der Gemeinde Achterwehr aufwuchs, hat ebenfalls den Lehrerberuf ausgeübt und bis zu seiner Pensionierung am Plöner Gymnasium unterrichtet.

 


Bei der Suche nach Hinweisen und Fakten fand sich so manche Nadel im sprichwörtlichen Heuhaufen, die Licht in das Dunkel des geistigen „Flüchtlingsgepäcks“ des Hans Seigies brachten, erzählt er. So erwähne der Dampfbote einige Male „Hans S.“, der sich bei weiteren Recherchen als „antilitauisch“ eingestellt entpuppte. Der Grund: Die Annexion des Memellandes 1923, die damals offenbar tiefe Gräben eines Nationalkonflikts aushub. Noch vor dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) war Litauen Teil des Zarenreichs gewesen, in dem eine Nationalbewegung bereits danach strebte, einen Litauischen Staat zu errichten. In diesem Zusammenhang war die Annexion im deutschen Grenzland ganz pragmatisch: „Man brauchte einen Hafen, und die Engländer und Franzosen haben dem dann auch zugestimmt“, erklärt Karsten Dölger. Die Memelländer ein Problem: Hans Seigies, litauisch „Ansas Zeigys“, habe sich über die Annexion so erbost, dass er seine litauische Seite als Flüchtlingslehrer in Westdeutschland längst abgelegt hatte. „Nicht einmal seine Tochter wusste, dass ihr Vater litauisch sprechen konnte.“ Doch im „Geheimen Staatsarchiv preußischer Kulturbesitz Berlin“ fand Dölger alte Zeugnisse, die Seigies als junger Lehrer in deutsch und in litauisch geschrieben hatte. Memelland ist 1939 durch Adolf Hitler, der auf Litauen Druck ausübte, wie Österreich wieder ans „Reich“ angeschlossen worden: „Vielleicht sind diese handschriftlichen Unterlagen damals nach Berlin gekommen?“, mutmaßt Dölger, der sie vor erst einem Jahr, am 19. September 2021, in der Bundeshauptstadt sichtete und auswertete. Ein Schlüsselerlebnis: „Ich konnte damit nachweisen, dass Hans Seigies Angaben zu seiner Lehrerprüfung alle richtig waren“, erklärt er. Diese Angaben sind im Zusammenhang mit Seigies Einstellung als „unbelastetem“ Lehrer bedeutsam.

 


Darüber hinaus beleuchtet Dölger eine Zeit vor 100 Jahren, „in der die nationale Zuordnung eine immense Bedeutung hatte“. So hätten sich die seit der Annexion 1923 litauischen Memelländer als unterdrückt wahrgenommen, mit der Folge, in den 30er Jahren erfolgreich als Spielball der Nazis instrumentalisiert zu werden. So seien die Wahlen im litauischen Memelland zu 80 Prozent „pro-deutsch“ ausgegangen, „was den Druck, es abzutreten aufbaute“. Litauen wollte diese Bewegung klein halten und reagierte 1934 mit der Ausrufung des Kriegsrechts „wegen Bedrohung des litauischen Staates“, präzisiert Dölger. Das hatte Folgen: „Ein zentraler Massenprozess gegen die Anführer der NS-nahen Parteien fand in dem Jahr statt, das Urteil wurde 1935 gesprochen“, fasst Dölger zusammen. „Vier der 135 Angeklagten sind damals zum Tode verurteilt, aber nachher zu lebenslang begnadigt worden“, berichtet er. „Sie waren tatsächlich an einem Mord beteiligt gewesen, der demnach aufgeklärt wurde.“

 


Zu den 135 Angeklagten zählte zwar nicht Hans Seigies, jedoch unter anderem sein Vorgänger, der Lehrer Paul Purwins, sowie Johannes Schirrmann, dessen Stelle Seigies nach dessen Verhaftung übernommen hatte. Schirrmann war Mitglied einer Nazi-nahen Organisation gewesen. Duplizität der Ereignisse: Schirrmann starb im „Knast“ an Blinddarmentzündung. „Sein Tod machte 1935 viel Wind in der Presselandschaft“, resümiert Dölger, vor allem in der deutschen. Der tote Schirrmann mutierte zum Märtyrer der deutsch-nationalen Bewegung in Litauen. So wurde behauptet, man habe seine Behandlung verschleppt oder unsachgemäß ausgeführt. Die Welle schwappte durchs ganze Reich, auch bis nach Schleswig-Holstein, wobei sich die Artikel „alle ziemlich gleich lesen“. So hat sich auch der hiesige „Anzeiger für das Fürstentum Lübeck“ aus Eutin „Litauischer Terror über das Grab hinaus“ getitelt und sich in die systemische Hetze der gleichgeschalteten Medien nahtlos eingereiht.

 


Auf litauischer Seite war hingegen zu lesen, Schirrmann habe die Behandlung abgelehnt – der behandelnde Arzt war Jude.
„Die Zeitungsartikel bilden den Druck ab, den die deutschen Lehrer in Litauen aushalten mussten, sowohl von litauischer Seite, als auch seitens der deutschen Nationalsozialisten“, erläutert Dölger.

 


In Westdeutschland begann Seigies selbst, Zeitungsartikel zu schreiben, die unter dem Kürzel (igi) veröffentlicht wurden. „Sein Motiv war im Prinzip das der Integration Geflüchteter in die sich neu entwickelnde westdeutsche Nachkriegsgesellschaft.“ Zudem wehrte sich Seigies damit offenbar zielgerichtet gegen das „Schmuddelimage“, das den Bewohnern des „Polenlagers“ alias Jägerslust anhaftete, ein Problem, das anscheinend generell bestanden hat – und das auf Parallelen in der heutigen Zeit verweist.

 


Mit historischen Aufnahmen anschaulich illustriert hat Karsten Dölger die Ergebnisse zur Biografie von Hans Seigies im geschichtlichen Kontext in dem Buch „Kurenwimpel und Schulbaracke“ auf den Punkt gebracht. Dabei gelingt es dem Autor, Schlaglichter auf die menschliche Komponente, die tiefe Betroffenheit durch Heimatverlust und Entwurzelung im Mix der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse ab Seigies Geburtsjahr 1911 zu werfen. Dölger skizziert eine zukunftsorientierte Lehrerpersönlichkeit, die alles daransetzt, die ihr anvertrauten Flüchtlingskinder schulisch so „auf Kurs“ zu bringen, dass sie trotz des schwierigen Starts das nötige Handwerkszeug fürs Leben erhalten.

 


Hans Seigies war bis 1954 in Jägerslust als Flüchtlingslehrer tätig, unternahm mit den Schülern Wandertage, die ihn durch Schleswig-Holstein führten, auch nach Plön in den Schlosspark – die alten Lindenalleen hat Seigies erwähnt.
Seigies wechselte 1954 an die Volksschule in Süsel im damaligen „Kreis Eutin“, in dessen Kreisstadt sein in Plön geschasster Berufskollege Friedrich Gellert zu dem Zeitpunkt bereits vier Jahre unterrichtete.

 


Zuletzt arbeitete Hans Seigies in Scharbeutz, „die letzte Lehrerstation war die Sonderschule in Haffkrug“, hat Dölger herausgefunden. Das war kein Zufall: „Haff“ ist assoziiert mit dem Kurischen Haff in Memel. Zudem gab es auf der dortigen Landzunge in der Ostsee einen „Krug“ als beliebtes Ausflugsziel. Wimpel der dort dümpelnden Fischerkähne wurden in der Nachkriegszeit zum Wahrzeichen für ein verlorenes Zuhause und hielten in den Schulbaracken die schmerzhafte Erinnerung an die verlorene Heimat an der Ostsee lebendig. Und so überbrückte das verbindende Meer sinnbildlich Haffkrug mit Memelland, das nach Bildung der Sowjetunion für Hans Seigies, stellvertretend für alle Geflüchteten, unerreichbar geworden war. Welchen Trost mögen der Mann und seine Familie darin gefunden haben, ihre Gedanken an den Stränden der Lübecker Bucht in die Ferne schweifen zu lassen?


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