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„Es ist ein neuer Anfang“ Carla und Friedrich Wackernagel verlassen Plön nach mehr als 50 Jahren

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Plön (aj). Auf den ersten Blick deutet nichts in dem behaglichen Wohnzimmer auf den großen Abschied hin, der hier bevorsteht. Carla und Friedrich Wackernagel bitten zu Tee und Keksen, ein bisschen gespannt scheinen sie zu sein auf das Gespräch, in dem es um sie beiden gehen wird. Genauer gesagt um ihre Plöner Jahre, die im Januar mit dem Umzug nach Wolfsburg enden, übergehen in einen neuen Lebensabschnitt: Das neue Haus ist frisch renoviert, alles ist vorbereitet dafür, dass sie noch einmal als Paar anfangen. Tochter und Schwiegersohn wollen sie schon lange in der Nähe haben, eine ganze Großfamilie freut sich auf die beiden: „Die Kinder haben das geschickt angefangen, uns die schönsten Plätze in der Umgebung gezeigt“, erzählt Friedrich Wackernagel und er freut sich sichtlich darüber, mit wieviel Mühe man um ihn geworben hat. Seine Frau war längst bereit, der Gedanke, Tür an Tür mit der Familie zu leben, war für sie lang schon eine gute Aussicht. Ihr Mann hat mehr Zeit gebraucht, und dass er sich die nehmen konnte, ist ein Grund dafür, dass dieser Abschied mit dem Blick nach vorn verbunden ist.
Plön, das ist für die Wackernagels die Stadt, in der sie eine Familie wurden, ihren Kurs bestimmten, manchen Sturm bestanden und Ruhe fanden. Es ist ihr Lebensort und das wird auch die neue Adresse nicht ändern. Das bleibt. Man kann das durchaus in Jahren messen, in der Strecke, die sie auf dem Zeitstrahl in der Stadt am See zurückgelegt haben. 1967 kam Friedrich Wackernagel als Vikar. Pastor Rudolf Rößler und seine Frau Dr. Waltraude Rößler erkannten offenbar rasch, dass der junge Mann gut in die Stadt passen würde. Als 1975 eine neue Pfarrstelle eingerichtet wurde, gab Wackernagel das Amt in Aukrug auf und sagte Ja zu Plön. Er kam mit seiner Frau. Carla Wackernagel, Bremerin, Abschluss in Germanistik und Geschichte, ließ sich ein auf die Aufgabe, die Friedrich Wackernagel gewählt hatte: „Anders hätte es nicht funktioniert bei seinem Beruf“, sagt sie klar. Plön in den 1970er Jahren, das ist eine Stadt mit einem blühenden Gemeindeleben. „Wir haben in der Osterkirche Kindergottesdienste mit 100 Kindern gefeiert“, erinnert sich der Pastor. In die Jugendarbeit, für die er zunächst verantwortlich ist, sind auch die eigenen Kinder eingebunden. Drei Söhne und eine Tochter wachsen in Plön auf: „Dass wir Kinder hatten, hat uns geholfen, schnell Anschluss zu finden“, meint Wackernagel. Dass der Nachwuchs im Pastorat die Nähe zu ganz unterschiedlichen Menschen als etwas Selbstverständliches kennenlernt, betrachtet er bis heute als Gewinn. Die Seelsorge ist seine große Stärke, Ökumene hat für ihn großes Gewicht. Carla Wackernagel gestaltet die Rolle der Pastorenfrau, traditionell aufgeladen mit vielen Erwartungen, auf ganz eigene Weise, schafft sich Freiräume, bewahrt Eigenständigkeit. Auch durch ihre Berufstätigkeit: Sie spielt Flöte und unterrichtet viele Jahre an der Kreismusikschule, tritt mit Ensembles auf. Und sie gestaltet die Veranstaltungen ihres Mannes mit.
Die Musik hat für beide immer eine besondere Bedeutung gehabt. In einem Chor haben sie sich kennengelernt, in Kiel war das, und wenn die beiden davon erzählen, klingt jeder Zwischenton. Ihre Verbundenheit kommt ohne große Gesten aus. Es ist der Raum, den sie einander lassen. Der Respekt, der immer mitschwingt, wenn sie voneinander sprechen. In diesem Miteinander haben sie nach Friedrichs Pensionierung eine neue Aufgabe gefunden. Er hört 2003 auf zu arbeiten, sie ein Jahr später: „Und dann haben wir uns gleich für die Johanniskirche engagiert“, erzählen sie. Ein Verein zum Erhalt des Gotteshauses wird gegründet. Hier kommen nicht nur Gemeindemitglieder zusammen, hier ziehen alle an einem Strang, Katholiken und Kirchenferne sind willkommen.
Heute ist die Johanniskirche ein Schmuckstück, ein funktionales dazu: „Und die besten Ideen dafür hatte immer Carla“, betont Friedrich Wackernagel. Sie hat die Stühle vor dem Sperrmüll bewahrt und aufarbeiten lassen, auf denen heute die Brautleute für die Trauung Platz nehmen. Besonders stolz ist sie auf das von ihr geplante kleine Nebengebäude, Toiletten inklusive. Hochzeiten, Gottesdienste, Konzerte – die kleine Kirche ist ein lebendiger Ort. Langweilig wird es auch in Wolfsburg nicht. Im neuen Zuhause gibt es einen Tennisclub, der Flugplatz für den Segelmodellflug ist nicht weit, das hat Friedrich Wackernagel längst recherchiert. Gut möglich, dass er sich einen Roller kauft für den kurzen Weg zum Haus der Tochter. Carla Wackernagel freut sich darauf, die Familie unterstützen zu können, für Tochter und Schwiegersohn da zu sein, den Garten zu gestalten, Yoga zu machen, zu walken.
Die kleine Kirche aber kann nichts ersetzen. Sie bleibt zurück und in den alten Mauern kommt alles zusammen, was zurückbleibt. Bei einem solchen Abschied geht es nicht anders. Der Schmerz und die Wehmut zeigen, wie wertvoll all die Jahre waren. Sein Gefühl beschreibt Friedrich Wackernagel so: „Die Kirche wird mir fehlen, ich muss doch kontrollieren, dass alles in Ordnung ist.“ Natürlich haben sie die Sorge um das Gebäude in gute Hände gegeben. Seine Frau versteht, was er meint: „Wir werden Pläne machen für alles, was zu tun ist“, sagt sie. 54 Jahre sind sie verheiratet und jetzt machen sie sich gemeinsam auf den Weg: „Es ist ein neuer Anfang“, meint der Seelsorger. Am 24. Dezember wird Friedrich Wackernagel um 16 Uhr noch einmal in der Johanniskirche Gottesdienst feiern. Dort wird der Baum stehen, geschmückt von Carla Wackernagel mit den Rößlerschen Strohsternen, die ihr so teuer sind.

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