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Sommerausstellung im Kulturforum: Keine Angst vor Farbe!

Bilder

Plön (los). „Weniger ist mehr“, mag sich Künstler Ferdinand Spindel gedacht haben, als er 1970 eine rote Schaumstoffmatte und glänzende Spiegelflächen in einen Kasten gesperrt hat. Erstmals ist das Objekt nun in Plön zu sehen: Kommenden Sonntag beginnt die 52. Sommerausstellung des Kunstvereins Schwimmhalle Schloss Plön. Unter dem Titel „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau“ haben sich die Veranstalter im zweiten Jahr der Farbserie dem Schwerpunktthema Rot verschrieben und laden zur Eröffnung am Sonntag, 26. Juni 2022 um 11.30 Uhr in die alte Jugendstilschwimmhalle, Schlossgebiet 1a ein. Die Ausstellung mit Malerei in Öl und Acryl, grafischen Werken und Plastiken ist bis 14. August immer dienstags bis sonnabends von 14.30 bis 18 Uhr sowie sonntags von 11.30 bis 18 Uhr zur Besichtigung geöffnet. Neben Ferdinand Spindels rosarotem Guckkasten präsentiert der Kunstverein Arbeiten von mehr als 40 Künstlern von regionaler, überregionaler und internationaler Bedeutung.
Das Schaumstoffbild zählt zu den bizarrsten Werkstücken. Die Raffinesse von Ferdinand Spindels „Kunstgriff“ liegt im Detail. Sein Trick: Durch die Reflexion korrespondiert die Schaumstoff-Spiegelung mit dem Standpunkt des Betrachters. Und so hat das Gezeigte in seiner Wenigkeit mit nur zwei Ausdruckskomponenten paradoxerweise viel zu bieten. „Ein bewegtes Bild“, sagt Kurator Dieter Pape, der zusammen mit Prof. Valentin Rothmaler die 52. Sommerausstellung vorbereitet hat. Diese ist das Ergebnis von drei Jahren unermüdlichem ehrenamtlichen Einsatz. Wie der sprichwörtliche „rote Faden“ zieht sich diese Farbe durch alle Arbeiten. Rot ist an sich eine bewegende Farbe, die auch in ihren Abweichungen - Rosa, Violett, Schwarzrot oder Orange - mit den Emotionen spielt, beliebt ist und in der Werbung daher allgegenwärtig. Rot stand und steht für Magie, Wärme, Geborgenheit, Leidenschaft und „ist auch die erste Farbe, die in bildnerischen Darstellungen wie der Höhlenmalerei benutzt wurde“, erzählt Dieter Pape. Als Signalfarbe alarmiere sie, etwa im Straßenverkehr. Im negativen Sinne stehe sie für Blutvergießen und Aggression. Die Präsenz von Rot: In Diktaturen wie Russland und China besonders auffällig, findet Dieter Pape, der für eine Ausstellung mit „Pfiff“ wieder ein gepflegtes Netzwerk aktiviert hat, um die „Alte Schwimmhalle“ farbig zu bespielen.
Einer unter den Künstlern, der den „roten Faden“ offenbar im Wortsinn aufgegriffen hat, ist Volker Tiemann, der die starren Materialeigenschaften von Holz verfremdet hat. So gestaltete er das Objekt „schöne Schleife“ als perfekte Illusion eines glänzenden Plastikbandes. Dabei gelang ihm der Ausdruck einer Momentaufnahme, als würde seine Plastik wie eben im Fallen erfasst, kaum dass sie schon den Boden berührt. Das Bandmotiv bringt die besondere Verbindung zur Kunst zum Ausdruck. Aus dieser Doppelbödigkeit heraus hat das Organisationsteam die „schöne Schleife“ auch zum vielversprechenden Symbol ihres Ausstellungsplakats gewählt.
„Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau“ knüpft als Slogan „Who’s afraid of Red, Yellow, Blue“ eigentlich an das Aufkommen der amerikanischen Farbfeldmalerei (Colorfield) in den 1960er Jahren an. Der Künstler Barnett Newman brachte damals eine neue Ausrichtung auf den Weg, als er nur mit den benannten Primärfarben, aus denen alle anderen mischbar sind, vier Variationen eines monochromen Bildes schuf. Aus seinem Bildtitel wird deutlich, wie Rot, Gelb, Blau als Ausdruck eines abstrakten Expressionismus damals Traditionalisten vor den Kopf gestoßen haben, sogar Zerstörungswut entfachten. So fiel eines der vier Bilder einem „Attentat“ zum Opfer. Newmans Kunst erhielt daraufhin erst recht Aufschwung. „Newman war in Amerika führend in diesem neuen Genre“, erzählt Dieter Pape. Gerade wegen einer verbreiteten Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen und weil es immer Beispiele mutwilliger Zerstörung von Kunst und Kultur gab und gibt, habe der Vereinsvorstand das Motto der Ausstellungsreihe gewählt, die 2023 folglich mit der Ausrichtung auf Blau enden wird.
Wer die Kunstvereins-Veranstaltungen, insbesondere die Sommerausstellung 2021 mit dem Schwerpunktthema Gelb, regelmäßig besucht hat, wird unter den Künstlernamen auch „alte Bekannte“ erkennen: Max Ernst, Reinhard Stangl, Matthias Kanter, der Plöner Künstler Klaus Kahl und Felix Droese, der seine Arbeiten häufig politisch inspiriert gestaltet, zählen dazu. Im vergangenen Jahr zeigte der Kunstverein ein Bild Droeses mit Bezug zu den brutal niedergeschlagenen Studentenprotesten in Peking 1989. Aktuell hängt nun ein Scherenschnitt zum Thema Justiz in der „Alten Schwimmhalle“. Als Material diente dem Düsseldorfer eine der sich spitz verjüngenden Papiertüten, wie sie an Wochenmarktständen beim Einpacken etwa von Obst Verwendung finden.
Politisch inspiriert arbeitet auch der Österreicher Friedenreich Hundertwasser, der in der Ausstellung ebenfalls vertreten ist. Der Künstler setzt sich für im weitesten Sinne ökologisches Handeln ein. „Zusammen mit Joseph Beuys einer, der schon in den 50-er Jahren grüne Ideen öffentlich propagiert hat“, erinnert Pape. Die Ausstellungsbesucher dürfen daher gespannt sein, was Hundertwasser in der (zu Grün komplementären) Farbe Rot zum Ausdruck gebracht hat.
Dass sich die Vergänglichkeit alles Natürlichen trefflich anhand einer überreifen Banane darstellen lässt, war 1972 eine Idee des Künstlers Dieter Roth. Die Banane findet sich häufig als Motiv, schließlich hatte die Frucht immer auch die (Slapstick-)Filmwelt auf die eine oder andere Art inspiriert (etwa im Motiv der am Schwimmbeckenrand platzierten Bananenschale...). So wird US-Schauspieler Charlie Chaplin zugesprochen, als erster die Welt mit der Gefahr von Bananenschalen konfrontiert zu haben.
Anders jedoch bei Roth. Als Schöpfer der Arbeit „Fruchtschale mit Banane“ kreierte er eine aufwendige Farblithografie in moderner Bildsprache. Trotzdem ist eine gewisse Assoziation zu alten Werken des Genres Stillleben spürbar, „die immer was mit dem Leben zu tun haben“, erläutert Pape. Traditionell sind es die symbolstarken Früchte, die in historischen Darstellungen großer und kleiner Meister als Sinnbilder der Reife aber auch des Ablebens meist in haarscharfer Präzision abgebildet wurden. Roth versteht es jedoch, vom Wesen verwesender Früchte in eigenwilliger Farbigkeit abzulenken. Wie für den Vergleich von „vorher – nachher“ liegt die offensichtlich reife neben der erkennbar vergehenden, in verdeutlichender „Schwarzmalerei“ dunkel gehaltenen Banane. Sie gammelt und gärt statt gegessen zu werden. Roth drückt mit aufsteigenden Linien ihre Ausdünstungen an: Ein bildnerisches Mittel, wie es auch in Karikaturen und Comics zu finden und das nichts an Eindeutigkeit in Bezug auf Duftnoten zu wünschen übrig lässt (wegen eines stinkenden Käses flog in René Goscinny und Albert Uderzos „Asterix auf Korsika“ sogar ein Piratenschiff in die Luft). Gerade um solche Kleinigkeiten entdecken zu können, sollte für den Ausstellungsbesuch genügend Zeit (als der eigentlichen Stellschraube alles Vergänglichen) eingeplant werden. So macht Kunst dann vor allem eines: viel Spaß.


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