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Kirchengemeinde Heikendorf hat sexuellen Übergriff aufgearbeitet

„Die vielen offenen Fragen sind unbefriedigend!“ Missbrauch auf Sommerfreizeit im Jahr 1972 war kein Einzelfall - Pröpstin: „Das Schweigen damals ist beschämend!“
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Heikendorf (aj). „Heute würde man damit nicht mehr so leicht ‚durchkommen‘“, diese Versicherung der Kieler Pröpstin Almut Witt wiegt schwer. Denn sie verbindet das Versprechen, dass die Kirche als Institution heute sensibel ist für das Thema sexueller Missbrauch mit der Enttäuschung, dass in einem konkreten Fall in der Gemeinde Heikendorf viele Fragen offenbleiben: 1972 war ein damals zehnjähriger Junge mit einer Gruppe der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde auf eine Sommerfreizeit in die Nähe von Bremen gefahren. Dort wurde das Kind Opfer eines schweren sexuellen Missbrauchs durch einen ehrenamtlicher Betreuer. Zutiefst traumatisiert konnte der Betroffene erst 50 Jahre später über die Tat sprechen. In eingehenden Beratungen durch die Stabstelle Prävention der Nordkirche konnte das Opfer, das sich selbst „Felix“ nennt, über das Geschehene sprechen. Das Erlittene belastet ihn bis heute und hat seinen Lebensweg maßgeblich beeinflusst und überschattet. Die Gemeinde bemühte sich aktiv um Aufklärung, setzte auf gezielte Öffentlichkeitsarbeit, schrieb acht der 14 Teilnehmenden der Sommerfahrt an und recherchierte im eigenen Umfeld. Mit mäßigem Erfolg: „Es gab insgesamt zehn Rückmeldungen. Ich habe mit sieben Männern und Frauen Telefonate geführt und Emails geschrieben, mit dreien hatte ich schriftlich Kontakt“, berichtete Pastor Joachim Thieme-Hachmann jüngst im Rahmen eines Pressegespräches. Das schockierende und doch wenig überraschende Ergebnis: Der mutmaßliche Täter hat sich auch anderen Kinder in sexueller Absicht genähert: „ ‚Felix‘ war kein Einzelfall: Es gab vorher schon Zeltfreizeiten auf Sylt, wo es beispielsweise zu ‚Fummeleien‘ unter der Dusche gekommen sein soll“, so der Pastor. Manche Kinder hätten „Stopp“ gesagt, so die Schilderung. Ein damals zehnjähriger Junge offenbarte jetzt in einem persönlichen Gespräch mit dem Seelsorger, dass der Betreuer ihn seinerzeit aufgefordert habe, sich nackt zu ihm in den Schlafsack zu legen und sexuelle Handlungen gefordert und vorgenommen habe. Das solle zwei oder drei Nächte so gegangen sein. Ein Verhalten, das nicht unerkannt blieb: „Das war ein Thema im Ort, es ist nicht unbemerkt geblieben“, erklärte Pröpstin Witt und führte aus: „Mehrere Zeugen haben das bestätigt. Manche Jungen haben sich gewehrt, andere sagten wörtlich, das sei normal gewesen. Einer erinnerte sich vage, dass seine Eltern damals Anzeige bei der Polizei erstattet hätten.“ Die Ungeheuerlichkeiten blieben jedoch offenbar ohne nachvollziehbare Konsequenzen. Die leitende Geistliche des Kirchenkreises Altholstein jedenfalls konnte nach einer gründlichen Untersuchung aller Archive kaum Erhellendes mitteilen. Es gibt keine Vermerke in den Sitzungsprotokollen, auch Teilnehmerlisten der Jugendfreizeiten sind nicht vorhanden. Der mutmaßliche Täter, ein Pädagogikstudent, verließ Heikendorf: „Es scheint, als ob Druck auf ihn ausgeübt worden ist. Einen Zeugin sagte uns, im Dorf habe es geheißen: ‚Er ist aufgeflogen, er ist weg!‘ Eine Aktennotiz aber ist nicht zu finden“, teilte die Pröpstin mit. Nach 20 Jahren sei er erneut im Ort gewesen, um das Haus seiner Eltern zu verkaufen, danach verliert sich seine Spur. Dass er wohl nie für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden wird, nennt Pastor Thieme-Hachmann einen „wunden Punkt“. Erschütternd ist die Überlegung, dass der damalige Pädagogik-Student im Laufe seiner beruflichen Laufbahn womöglich Kontakt zu einer Reihe weiterer Kinder gehabt haben könnte. Die Anzeige, die Kirchenkreis und Kirchengemeinde im Sommer gegen den namentlich bekannten Mann gestellt haben, ist inzwischen von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden: „Mit dem Hinweis darauf, dass eventuelle Straftaten verjährt sein dürften“, wie die Pröpstin anmerkte. Für „Felix“ kommt die Bereitschaft der Kirche, den Fall aufzuklären, also zu spät, auch wenn die heutigen Verantwortlichen um Wiedergutmachung und Aufklärung bemüht sind. Ein Umstand, den die Pröpstin nicht beschönigt: „Es ist beschämend, dass der Missbrauch auf den Freizeiten ein Thema war und dass nicht gehandelt wurde!“ Besonders perfide: Junge Menschen gingen arglos auf solche Freizeiten und Eltern gingen davon aus, dass die Kinder dort sicher seien und gute Erlebnisse hätten. Man habe gehofft, mehr über den Täter herausfinden zu können: „Auch Felix ist jetzt enttäuscht, dass da nichts weiter getan werden konnte“, schildert die Theologin die Reaktion des Opfers: „Dass so viele Fragen offen bleiben, ist unbefriedigend.“ Heute, da ist sie sicher, würde sofort reagiert, wenn es Hinweise auf eine solche Tat gäbe. Witt dazu: „Dann greifen die Mechanismen!“ Das sieht auch der Heikendorfer Pastor so: „Zudem ist das Klima ein anderes, die Kinder und Jugendlichen sind aufgeklärt, wir pflegen eine andere Art der Offenheit“, meint Thieme-Hachmann. Die Gemeinde arbeitet derzeit an einem Präventionskonzept, das sensibilisieren und schützen soll. Im Fall des mutmaßlichen Missbrauchstäters von 1972 ist der Pastor als Seelsorger und Vertrauensperson stets Ansprechpartner. Einen Abschluss gibt es in diesen Fällen nicht, auch wenn aktuell keine neuen Entwicklungen abzusehen sind: „Hinweise zu den Fahrten Und Geschehnissen Anfang der 1970er Jahre sind uns willkommen“, unterstreicht auch Pröpstin Witt. „Für uns ist diese Angelegenheit nicht beendet!“


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