Zeit der Winter-Gärten und Eisblumen 172  |  21.01.2021 07:30

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Probsteierhagen (los). Sie zaubern zarte Farbtupfen in die Beete und zählen zu den ersten blühenden Stauden im Gartenjahr, die Vertreter der Pflanzengattung Helleborus. Während die Kollegen aus dem Reich der Stauden die kalte Jahreszeit überwiegend zurückgezogen in der Erde überdauern, entwickeln die hartgesottenen – übrigens auch sehr giftigen – Winterblüher ihre fast konkurrenzlos schönen Blüten. Wird es frostig, verändern die Pflanzen zu ihrem Schutz den Zelldruck, so dass Blätter und Blüten zu Boden sinken. Steigen die Temperaturen wieder, richten sie sich auf.
Die stets weiß blühenden Christrosen (Helleborus niger) entwickeln als erste ihre Knospen. Wegen ihres dunklen Rhizoms, das früher auch zu Niespulver verarbeitet wurde, werden sie Schwarze Nieswurz genannt. Auf die winterliche Blütezeit Bezug nehmend ist auch der Name Schneerose verbreitet. Sie kommen in der Alpenregion, unter anderem in Bayern vor. Die Staude mit den immergrünen Blättern steht mitunter bereits im Oktober in den Startlöchern und ist zu Weihnachten in großer Anzahl blühend im Handel. Als Gartenpflanze führt sie gern ein Schattendasein unter lichtem Baumbestand. Ihre grasgrün blühende Verwandte, die als Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus) oder auch Palmblättrige Nieswurz bekannt ist, schätzt einen solchen Standort ebenfalls. Der immergrüne Halbstrauch mit dem strengen Duft und den glockenartigen Blüten ist ein mitteleuropäischer Waldbewohner, der unter anderem in Buchenwäldern und am Gehölzrand lebt. „Natürlicherweise kommt diese Pflanze bei uns im Südwesten Deutschlands vor“, weiß Botaniker Dr. Erik Christensen aus Probsteierhagen. Dennoch taucht die aparte Blume aus der Pfalz und dem Badischen auch im Norden auf – als ausgebüxte Gartenpflanze.
Da Erik Christensen, früher Studiendirektor in Heikendorf, für die AG Geobotanik Schleswig-Holstein & Hamburg die Pflanzenvorkommen im Kreis Plön erfasst, ist ihm der auffällige Winterblüher nicht entgangen: „Im meinem Kartiergebiet habe ich Helleborus foetidus mehrfach in alten Gärten, vor allem Bauerngärten, gefunden, verwildert aber nicht oft“, berichtet er. Hierzu zählten auch der alte Friedhof von Probsteierhagen an zwei Stellen sowie Ottenhof, nahe des Gutsbetriebs.
In Schleswig-Holstein befinden sich somit die in Deutschland nördlichsten nachgewiesenen Vorkommen der Pflanze. Und das offenbar schon über einen längeren Zeitraum: „1821 hat der Botaniker Ernst Ferdinand Nolte, geboren 1791, sie auf seiner Reise halbverwildert im Eutiner Schlosspark entdeckt, ebenso im Fürstengarten zu Lauenburg“, hat Christensen recherchiert. „Das bedeutet, Helleborus foetidus war eine der Parkpflanzen der Landschaftsgärten.“
Sie könnte damit auch im Plöner Schlosspark existiert haben – zumindest auf der daran anschließenden Prinzeninsel soll die Pflanzenart in den vergangenen Jahren vereinzelt gesichtet worden sein (kein offizieller Nachweis).
Freie Bauern wie damals in der Probstei, Höfe, die vergleichsweise gut situiert waren, konnten sich die Rarität jedoch ebenfalls in ihre durchaus repräsentativen Gärten holen. Denn nicht nur Gemüse wuchs in solchen Bauerngärten. „Wer es sich leisten konnte, pflanzte auch Blumen“, bringt es Erik Christensen auf den Punkt. Von diesem Luxus vergangener Zeiten sind noch Spuren übrig. Sie erzählen von gärtnerischen Aktivitäten, die über den existenziell notwendigen Anbau von Nahrungspflanzen weit hinaus gehen. Überall, wo noch nicht „überakkurate Säuberungen“ in alten Gärten vorgenommen wurden und diese Anlagen noch bestehen, haben die beliebten Gartenpflanzen zum Teil bis heute überdauern können. Die Probstei erweist sich damit als eine Art Fundgrube der Gartenkultur. „Stakendorf ist so ein Inbegriff des schönen Dorfes“, findet Erik Christensen, „es sind Orte mit Dorfcharakter, die Geschichte atmen.“
Für Hummeln und Wildbienen ist diese Nieswurz besonders wertvoll. Zwar besitzen die jungen Hummelköniginnen einen sogenannten Honigmagen mit Vorräten, von denen sie im Winter überleben können. Doch sind diese aufgebraucht, sind die Tiere auf Nektar und Pollen früh im Jahr blühender Pflanzenarten angewiesen. Schon ab zwei Grad Celsius können sie ausfliegen (Honigbienen fliegen ab 10 Grad Celsius; sogar einige Schmetterlinge suchen wie die Hummeln schon ab Februar nach Blüten).
Die blühende Helleborus foetidus hält außerdem für die kleinen Gäste ein buchstäblich warmes Willkommen bereit: Die Blüten haben in ihrem Inneren eine rund vier bis sechs Grad höhere Temperatur als die umgebende Luft. Ursache ist eine ungewöhnliche Allianz: Die Wärme produzieren dort siedelnde Hefepilze, die den Zucker im Nektar vergären. Ebenso fördert die Wärme das Reifen des Pollens, den die Insekten ebenso benötigen. Mit Blick auf die immer kargeren Gärten und dramatisch abnehmende Biodiversität ist diese besondere Eigenart der Pflanzen sicher ein guter Grund, sich ein paar Helleborus foetidus-Exemplare ins Beet zu setzen. Saatgut und/ oder Pflanzen können in hiesigen Gärtnereien auch online bezogen werden.