Reporter Eutin
02. Juni 2016 | Allgemein

Wenn aus einer Ausgleichsfläche ein Natur-Paradies wird

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Carsten Burggraf freut sich über den ersten Nachwuchs auf dem von Wasser Otter Mensch eV bewirtschafteten Grünland.

Carsten Burggraf freut sich über den ersten Nachwuchs auf dem von Wasser Otter Mensch eV bewirtschafteten Grünland.

Eutin. Seine Frisur erinnert ein kleines bisschen an Justin Bieber, der Rest ist deutlich cooler: Die erste Galloway-Dame hat auf dem extensiv beweideten Grünland am Ortseingang ihr Kälbchen bekommen. "Vor einem Monat haben wir aufgetrieben, also die Mutterkuh-Herde auf die Weide gebracht", schmunzelt Carsten Burggraf von Wasser Otter Mensch eV, der die Fläche für den Eigentümer, die Erika und Kurt Schrobach-Stiftung bewirtschaftet, "und eine Woche später war das Bullenkälbchen geboren." Und ein ganz besonders hübsches noch dazu – der kleine Bulle steht jetzt (längst auf sehr sicheren Beinen) mit seiner Mama und seiner Tante Florentine auf den 2,7 Hektar Weideland, das noch vor ein paar Jahren brachliegendes Ackerland war. Der Kreis Ostholstein hat den Acker vor einigen Jahren als Ausgleichsfläche gekauft und auch die Maßnahmen aus Ausgleichsmitteln finanziert – dann wurde die Fläche an die Schrobach-Stiftung, eine Naturschutzstiftung in Schwentinental übergeben. Für diese Stiftung hat Wasser Otter Mensch eV das Flächenmanagement übernommen. Der Verein hat das Ackerland gemäht, gemulcht, gehegt und gepflegt und dann mit einer Saaten-Mischung aus heimischen Kräutern, Gräsern und Blumen zum Weideland umfunktioniert. Zwei Amphibienteiche wurden an feuchten Stellen angelegt, ebenso ein Lesesteinhaufen – "früher haben die Bauern die Feldsteine von ihren Feldern gelesen und auf einem Haufen gesammelt", erklärt Carsten Burggraf, "und darin fühlen sich Amphibien wohl. Morgens wärmen sie sich auf den sonnenbeschienenen Steinen auf, haben aber genauso einen kühlen, feuchten Rückzugsort." Auf der Weide tummeln sich Feldhasen und Rehe, ab und an schaut ein Storch vorbei – er weiß nicht nur die Amphibien zu schätzen sondern auch die Mäuse, die sich dank der Grassaaten hier wohlfühlen. Und das finden auch die Greifvögel ganz praktisch und lassen sich hier blicken. "Hier findet sich fast alles, was die heimische Tierwelt zu bieten hat", freut Carsten Burggraf sich, dass der Plan aufgegangen ist. Denn genau das sollte es werden, ein kleines heimisches Naturparadies, wie es sie heute fast nur noch auf solchen Flächen gibt. Seit diesem Frühling weiden nun auch die Galloways der Naturweide Holstein GbR hier. "Bisher stehen nur zwei Mutterkühe mit ihrem Nachwuchs hier", erklärt Carsten Burggraf, "es werden ihnen aber – nach Florentines Kalb, das im Juli zur Welt kommt, sicher bald eine weitere Kuh und dann auch ein Bulle folgen." Man wolle aber die Aussamung der Gräser, Blüten und Kräuter noch abwarten, um die Artenvielfalt zu erhalten und zu erweitern. Dann sollen die Rinder die Weide so weit abfressen, dass sich hier auch die Gänse wohlfühlen, die auf den Äckern in der Nachbarschaft immer größeren Schaden anrichten. "Wir wollen sie von dort weg und hierher locken", hofft Carsten Burggraf. Die Kühe sorgen mit ihrem Dünger für einen gesunden Kreislauf, weitere Aussamung und prächtiges Wachstum. Die Naturweide Holstein GbR besteht aus sieben Hobby-Landwirten, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, Gallowayzucht und Naturschutz zu verbinden. Den friedlichen Galloway-Rindern haben sich die Hobby-Landwirte aus einer Reihe von Gründen verschrieben – die Hochlandrinder sind robust, das Wetter bei uns ist für sie nach ihrer schottischen Heimat eine echte Sommerfrische, feuchter Boden macht ihnen ebensowenig aus wie Wind und Kälte. Sie sind pflegeleicht, das ganze Jahr über draußen, kalben alleine ab und sind noch dazu exzellente Landschaftspfleger. Zudem sind es sehr freundliche Tiere – so lange man sie in Ruhe lässt und sich nicht zu ihnen auf die Weide wagt. Auch seine Hunde sollte man besser nicht auf die Weide lassen, "dann würde ich für den Hund nicht garantieren", gibt Carsten Burggraf zu Bedenken, "auch sollte man keinesfalls die Weide betreten, denn Mutterkühe verteidigen ihren Nachwuchs wehrhaft, so friedlich sie sonst auch sind. Das Weideland halten sie kurz und gepflegt, den Amphibienteich offen, damit sich Amphibien hier auch wohl fühlen können. "Das würde sie nicht, wenn der Teich zugewachsen wäre." So können sich auch die Schwalben aus der Umgebung Lehm holen, den sie für ihre Nester brauchen und kaum noch finden. Und ganz nebenbei können die Rinder hier natürlich auch noch trinken, wenn sie mal keine Lust haben auf ihre Selbsttränke, die ihnen Wasser aus dem Eutiner See hochpumpt. Auf all das haben die Nachbar ein wachsames Auge – sie haben das kleine Naturparadies längst ins Herz geschlossen, vor allem ihre zotteligen Nachbarn und deren Nachwuchs, der für ganz schön Aufruhr gesorgt hat. Wer aber soll auch wissen, dass Galloway-Damen da ganz alleine klarkommen? "Wir haben aus der Ackerfläche das gemacht, was früher die kleinen bäuerlichen Betriebe waren", so Carsten Burggraf, "kleine Weiden mit einem Teich, natürlich an einer feuchten Stelle entstanden, mit Lesesteinhaufen, Obstbäumen und damit für zahlreiche Tiere die Möglichkeit, zu leben." Hier hat die Natur ein ganz kleines Stück davon zurückbekommen, was wir ihr im Lauf der Jahre genommen haben.


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