Reporter Eutin
10. Januar 2017 | Allgemein

„Wieso ist Afghanistan ein sicheres Land?“

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Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn (Mitte) stellte sich an der Kreisberufsschule den drängenden Fragen von Schülern der DaZ-Klassen. Im April empfängt sie diese zu einem Besuch an ihrer politischen Wirkungsstätte in Berlin. Lehrerin Kamile Köhnke und Schulleiter Carsten Ingwertsen-Martensen begrüßen Hagedorns Beitrag zum Anschauungsunterricht im „Fach Demokratie“.

Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn (Mitte) stellte sich an der Kreisberufsschule den drängenden Fragen von Schülern der DaZ-Klassen. Im April empfängt sie diese zu einem Besuch an ihrer politischen Wirkungsstätte in Berlin. Lehrerin Kamile Köhnke und Schulleiter Carsten Ingwertsen-Martensen begrüßen Hagedorns Beitrag zum Anschauungsunterricht im „Fach Demokratie“.

Eutin (wh). Etwa 80 jugendliche Flüchtlinge zwischen 13 und 18 Jahren besuchen die Kreisberufsschule Eutin in sogenannten DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache). Nach einem Jahr können sie in eine Ausbildung gehen oder je nach Sprachkenntnis in eine andere Klasse und dort zum Beispiel ihren Hauptschulabschluss machen. Vor kurzem hatten sie Gelegenheit, Fragen zu ihren Sorgen und Nöten an berufener Stelle anzubringen: Bei der Bundestagsabgeordneten Bettina Hagedorn (SPD). Sie war kurz vor Weihnachten in die Schule gekommen, um den Besuch der jungen Flüchtlinge (meistens Afghanen) an ihrer Wirkungsstätte im Berliner Reichstagsgebäude vorzubereiten. Sie hatte zu diesem Bildungs-Besuch eingeladen. Er soll am 7. April stattfinden. Das ist noch lange hin, die Angst der jungen Leute vor Abschiebung hingegen ist akut, wie aus den meisten Fragen an Frau Hagedorn zu erkennen war. „Wir verstehen nicht, warum wir anders als andere Flüchtlinge behandelt werden“, sagte einer der afghanischen Schüler. Er könne nicht nachvollziehen, dass Afghanistan als „sicheres Herkunftsland“ gelte. Wenn es so sicher sei, warum seien dort immer noch – auch deutsche – Soldaten stationiert. Frau Hagedorn sagte: „Ich war zweimal in Afghanistan und verstehe das auch nicht!“. Sie versuchte diesen Widerspruch, den auch sie sehe, zu erklären. In der deutschen Politik sei die Haltung in Bezug auf Flüchtlinge aus Afghanistan umstritten. So komme es zu absurden Situationen, wie jener neulich, als afghanische Flüchtlinge (darunter allerdings ein Drittel straffällig gewordener) an einem Tag abgeschoben wurden, am nächsten Tag der Bundestag das Mandat der deutschen Soldaten in dem Land am Hindukusch um ein Jahr verlängerte. Hagedorn berichtete, dass 50 Prozent der Asylanträge aus den unsicheren Ländern Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Somalia bewilligt würden, Asylanträge der Flüchtlinge aus Afghanistan zu 47 Prozent. Der Rest werde nach „Dublin II“ in europäische Länder verwiesen, wo sie sich zuerst registriert wurden. Die Quote für bewilligte Asylanträge für Afghanen betrage in ganz Europa 74 Prozent. Wenig bekannt sei, so Hagedorn, dass viele desillusionierte Flüchtlinge aus sicheren Ländern (oft als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet), mit Unterstützung durch viele Bundesländer (auch Schleswig-Holstein) freiwillig in ihre Heimatländer zurückkehrten, um sich damit die Chance auf eine spätere Wiedereinreise-Erlaubnis (nach einem eventuellen Einwanderungsgesetz) nicht zu verbauen. Ungeachtet ihrer ungewissen Bleibeperspektive, versuchte Hagedorn die jungen Leute zu motivieren: „Was Ihr hier lernt, könnt ihr auf alle Fälle brauchen!“ Sie verwies auf die sog. „3 2“-Regel, die besage: Wer eine dreijährige Ausbildung angefangen hat, kann die zu Ende machen und danach noch zwei Jahre ohne Angst vor Abschiebung in dem Beruf arbeiten und in Deutschland bleiben. Auch viele Betriebe fänden diese Regelung sehr gut. Ganz eindeutig äußerte sich Hagedorn zur Abschiebung von Straftätern: „Wer hier straffällig geworden ist, hat sein Asylrecht verwirkt.“ Und zum Thema „Einwanderungsgesetz“ sagte sie: „Wir brauchen ein solches unbedingt, doch leider wird es seit 20 Jahren durch die CDU/CSU blockiert.“ – Nach ihrer Meinung befragt, was die IS mit ihren Terroranschlägen jetzt auch in Deutschland bewirken wolle, sagte Frau Hagedorn: „Die deutsche Bevölkerung gegen Flüchtlinge aufhetzen und die Demokratie unseres Landes - zumal im kommenden Wahljahr - destabilisieren.“ – Wenn man Deutsche frage, auf wieviel Prozent sie den Anteil von Moslems in Deutschland schätzten, kämen meist „15, 20 oder 30 Prozent“ als Antwort; dabei seien es in Wirklichkeit 5 Prozent, von denen wiederum der größte Teil schon lange in Deutschland wohne. In der Berlin erlebe sie, wie Menschen vieler Nationen bereits seit Jahrzehnten hervorragend nebeneinander leben können („im Gegensatz zu den ostdeutschen Städten, da wo die wenigsten Ausländer wohnen“). Das Problem der Angst vor Überfremdung sei ein „gefühltes Problem!“ Und wenn viele Deutsche mit Vorbehalten vom „Islam“ sprächen, meinten sie in Wirklichkeit „Islamisten“. Jedenfalls freuen sich die DaZ-Schüler an der Kreisberufsschule auf die Reise nach Berlin, wo sie sehen können, wie der Bundestag und wie die Abgeordneten arbeiten und einer von ihnen, Bettina Hagedorn, „Löcher in den Bauch fragen können“ - wie jüngst in der besonderen Schulstunde geschehen.


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