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Reporter Eutin

Herzenssache: Neunte Klasse näht für Krebspatientinnen

Eutin (aj). Es ist Mai am Kleinen Eutiner See, Grün ist die Farbe der Saison, Vögel zwitschern, die Natur legt los. Mittendrin die Onkologische Tagesklinik der AMEOS-Klinik mit dem Brustzentrum. Hier sind Menschen in Behandlung, die eine Krebsdiagnose erhalten haben. Vor dem Gebäude wartet an diesem sonnigen Tag die Klasse 9b des Eutiner Johann-Heinrich-Voß-Gymnasiums. Die Stimmung ist gut, es wird geplaudert und gescherzt, jugendliche Unbeschwertheit liegt in der Luft. Kein Widerspruch zur Ernsthaftigkeit, mit der sich die Jugendlichen dem Projekt gewidmet haben, das an diesem Tag am Brustzentrum seinen Abschluss finden wird: Im Rahmen des Programms „Voß Sozial“ hat sich die Klasse unter kundiger Begleitung durch Fachkräfte der Eutiner Hospizinitiative mit dem komplexen Thema „Sterben, Tod und Trauer“ auseinandergesetzt und in einem zweiten Schritt Herzkissen für Brustkrebspatientinnen genäht. Die sollen nun der Leitenden Oberärztin Dr. Hilke Wendt übergeben werden.
Was die Kissen bewirken, erklärt Astrid Heide, erfahrene Trauerbegleiterin, Onkolotsin und Koordinatorin der Initiative „Mützenherz“, die das Nähen angestoßen und verstetigt hat: „Die Herzen lindern den Druckschmerz nach einer Operation. Und sie geben Halt und Trost.“ „Es ist ein schönes Gefühl, jemandem etwas Gutes tun zu können“, sagt eine Schülerin. Die anderen nicken. Für die meisten war es eine Premiere – das Nähen genauso wie die Beschäftigung mit der Endlichkeit des Lebens: „Ich schiebe das sonst eher weg“, ist zu hören. Viele haben noch keine persönliche Erfahrung mit dem Thema machen müssen und auch deshalb ist es für Wiebke Kayser-Bauch von der Eutiner Hospizinitiative ein „Herzensanliegen“, im geschützten Raum der schulischen Gemeinschaft darüber zu reden und auch konkret die Angebote der Eutiner Hospizarbeit vorzustellen: „Je niedrigschwelliger wir das anbieten können, desto besser“, meint sie. Auch deshalb ist sie auf das Gymnasium zugegangen, hat eine Zusammenarbeit vorgeschlagen und stieß auf großes Verständnis bei Schulleitung, Kollegium und natürlich nicht zuletzt auf Seiten der Schüler*innen: „Da war viel Neugier und Mut, sich mit dem Thema zu befassen“, schildert Kayser-Bauch, die das Projekt gemeinsam mit Astrid Heide und Trauerbegleiterin Silke Eckeberg gestaltete. Die Impulse wirken nach: „Ich kannte die Arbeit der Hospizinitiative gar nicht und finde es toll, dass es so etwas gibt“, erzählt eine Schülerin.
Genauso engagiert und offen ging die Klasse auch das Nähen an. Die Materialien wurden gestellt und nach einer kurzen Einführung entstanden an den schuleigenen Nähmaschinen die 28 Herzkissen und dazu die kleinen Portkissen. Für eine Chemotherapie wird den Patientinnen ein „Port“ gelegt, ein Zugang, über den Medikamente verabreicht werden. Im Alltag, zum Beispiel beim Anschnallen im Auto, kann das schmerzhaft und hinderlich sein. Und es bringt den Krebs und damit die Angst, die Sorge sofort wieder ins Bewusstsein. Ein Portkissen kann diesen Effekt abmildern. Dazu kommt die Gewissheit, nicht vergessen zu sein, nicht hinter der Diagnose zu verschwinden. Deshalb haben die Schüler*innen nicht nur genäht, sondern auch geschrieben: „An jedem Kissen samt Portkissen hängt eine Karte mit einem guten Wunsch von uns“, berichten sie.
Oberärztin Dr. Hilke Wendt erlebt immer wieder, dass die Kissen ihren Zweck erfüllen: „Jede Patientin erhält so ein Herzkissen, idealerweise direkt zur OP“, erklärt sie und betont: „Das kommt sehr gut an!“ 200 Frauen hat das medizinische Team in 2023 neu aufgenommen. Die Zahl steigt bei unverändertem Einzugsgebiet, über die Gründe dafür kann man nur mutmaßen. Das Engagement der Jugendlichen beeindruckt die Medizinerin auf jeden Fall und auch sie hält die Runde keineswegs für zu jung für den bewussten Blick auf Krankheit, Tod und Trauer: „Ich finde es toll, das Thema in einer Phase aufzumachen, in der man in der Regel noch unbefangen ist.“ Für die Bewältigung schmerzhafter Erlebnisse sieht sie einen Schlüssel darin, die Sprachlosigkeit zu überwinden: „Wichtig ist, dass in der Familie gesprochen wird.“ Auch dafür kann ein Schultag mit der Hospizinitiative einen Anstoß liefern.
Wiebke Kayser-Bauch hat fest vor, die Zusammenarbeit mit den Schulen als festen Baustein in die Hospiz-Angebote aufzunehmen. Dass das manchmal auch in eine unerwartete Richtung wirken kann, zeigt das Beispiel von „Voß Sozial“. Klassenlehrerin Elisa Mohr hat ihre Gruppe nicht nur begleitet, sie verstärkt das „Mützenherz“-Team nun dauerhaft: „Ich nähe gern, da lag das nahe“, sagt die Pädagogin. Ihre Klasse ist sichtlich beeindruckt von dieser Einsatzbereitschaft: „Sie sind toll“, lautet das einhellige Lob, das genauso für jede und jeden in der 9b gilt.



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