Marlies Henke

Mit Video: Erster CSD bringt rund 250 Menschen zusammen

Auf dem Marktplatz wurde es am vergangenem Samstag bunt und laut. Nach der Kundgebung zog die Demonstration durch die Innenstadt.

Auf dem Marktplatz wurde es am vergangenem Samstag bunt und laut. Nach der Kundgebung zog die Demonstration durch die Innenstadt.

Bild: Marlies Henke

Neustadt in Holstein. Es ist schon bemerkenswert: Mit gerade einmal 18 Jahren initiieren Nox und Loki den ersten Christopher Street Day (CSD) in Neustadt, organisieren eine Kundgebung und führen anschließend einen Demonstrationszug durch die Innenstadt. Rund 250 Menschen sind dabei. Unterstützung gab es vom Jugendcafé und der Initiative Jugend. Und eigentlich ging es um etwas, das ganz selbstverständlich sein sollte: darum, frei leben zu können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

„Es ist wirklich unglaublich, hier zu stehen, aber auch unglaublich wichtig“, sagte CSD-Leitung Nox in der Eröffnungsrede. Viele queere Menschen hätten noch immer Angst, öffentlich zu ihrer Identität zu stehen. „Ich auch“, so Nox. Der CSD solle deshalb ein Zeichen setzen: Dafür, dass sich niemand verstecken müsse.

Queeres Leben in kleinen Orten

Gerade in einer Kleinstadt sei es nicht immer einfach, andere queere Menschen zu finden und eine Community aufzubauen, machte Nox deutlich.Lange habe queere Repräsentation gefehlt. Über das Internet sei erstmals der Kontakt zu einem anderen nicht-binären Menschen entstanden. Im Queerfé im Jugendcafé seien Nox und Loki allerdings häufig die einzigen nicht-binären Personen, die einander kennen. „Und ich weiß, dass es hier mehr queere Menschen gibt“, so Nox. Genau das soll der CSD sichtbar machen: „Die Queers sind überall, nicht nur in Großstädten.“ Auch in kleineren Städten und Dörfern müsse es möglich sein, selbstbestimmt zu leben. Die Veranstaltung sollte auch anderen Menschen in kleineren Orten Mut machen.

Frösche als Zeichen für Vielfalt

Das Motto des CSD „Frösche für Vielfalt“ hatten die Veranstaltenden bewusst gewählt. Frösche seien ursprünglich unter anderem als Symbol für bi- und pansexuelle Menschen verwendet worden, erklärte Nox, weil sie als Amphibien zwischen zwei Lebensräumen leben. Gleichzeitig stünden sie für Entwicklung und Veränderung. „Identitätsfindung ist ein Prozess. Auch bei Menschen. Und wir können uns verändern und weiterentwickeln, das ist natürlich.“

Zusammen sichtbar bleiben

Vor allem aber ging es an diesem Tag um Gemeinschaft. Nox berichtete von Ängsten, Vorurteilen und Beleidigungen, denen sich queere Menschen immer wieder ausgesetzt sehen. Das könne dazu führen, dass sich Menschen allein fühlen. „Deswegen ist Community so wichtig“, sagte Nox. Auch die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung habe das Organisationsteam beschäftigt. Nach dem Angriff auf den CSD in Berlin habe die Frage im Raum gestanden, ob eine solche Veranstaltung in Neustadt überhaupt verantwortbar sei. Im Organisationsteam sei die Antwort jedoch klar gewesen: „Jetzt erst recht.“ Es gehe darum, sich nicht einschüchtern zu lassen und gemeinsam sichtbar zu bleiben.

Queere Jugendarbeit unter Druck

Unterstützung bekam der erste Neustädter CSD auch vom Jugendnetzwerk Lambda-Nord in Lübeck. Luce ist dort seit fünf Jahren hauptberuflich in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig und richtete den Blick am Samstag auf die politische Situation und die Folgen von Kürzungen. Über Jahre seien Strukturen und Angebote für queere junge Menschen aufgebaut worden. Nun drohten mühsam erkämpfte Errungenschaften wieder verloren zu gehen. Gerade angesichts eines zunehmend rechten gesellschaftlichen Klimas sei das problematisch. Ein besonderer Appell ging deshalb an die sogenannten Allies, also Menschen, die selbst nicht queer sind, die Community aber unterstützen. „Nutzt eure Privilegien, die ihr habt, nutzt eure Stärke und eure Kraft“, forderte Luce. Es brauche mehr als Online-Aktivismus, sondern Veranstaltungen wie den CSD, bei denen Menschen zusammenkommen, sichtbar und laut werden und ihre Geschichten erzählen.

Eine Stadt für alle

„Neustadt in Holstein ist ein Ort der Vielfalt – und das ist nicht nur ein Titel, sondern vor allem ein Anspruch an uns selbst“, betonte Bürgermeister Mirko Spieckermann. Vielfalt bedeute, dass Menschen unterschiedlich sein könnten und trotzdem die gleichen Rechte und die gleiche Würde besäßen. „Niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, wer er ist, wen er liebt oder wie er sein Leben gestalten möchte“, sagte er und machte zugleich deutlich, dass der erste CSD für ihn weit über eine einzelne Veranstaltung hinausgehe: „Sie sind alle willkommen. Nicht nur heute, nicht nur beim CSD, sondern jeden Tag.“ Neustadt sei eine weltoffene Stadt, in der Respekt und gegenseitige Achtung das Zusammenleben prägen sollten. Der CSD sei deshalb auch ein sichtbares Zeichen für Freiheit, Gleichberechtigung und Zusammenhalt. (he)


Anlaufstellen für queere junge Menschen

Für queere junge Menschen gibt es in Neustadt regelmäßig das „Jugendqueerfé“ im Jugendcafé – jeweils am zweiten Samstag im Monat um 15 Uhr. In Lensahn trifft sich der Queere Jugendtreff jeweils am dritten Samstag im Monat um 15 Uhr in den Räumen über der Sporthalle der Fritz-Reuter-Schule.

Der Queer-Treff Eutin wird von und für LGBTQIA*-Personen organisiert und ehrenamtlich vom mitten-drin Netzwerk OH getragen. Die Treffen finden in den Räumen des Netzwerks, Am Rosengarten 9, jeweils am letzten Mittwoch im Monat von 17 bis 19 Uhr statt.

Das Jugendnetzwerk Lambda-Nord e.V. mit Sitz in Lübeck ist ein queerer Jugendverband. Der Verein setzt sich in Schleswig-Holstein und Hamburg für die Interessen und Bedürfnisse lesbischer, schwuler, bisexueller, trans*, inter*, nicht-binärer und queerer Jugendlicher und junger Erwachsener ein. Mehr Infos: www.lambda-nord.de


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