Marlies Henke

Gastbeitrag von Dr. Matthias Birkholz: „War Großvater einer der Judenmörder von Neustadt?“

Dr. Matthias Birkholz.

Dr. Matthias Birkholz.

Bild: Sophie Schwarzenberger / lindenpartners

„Mir geht es wie vielen Neustädtern, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hier aufgewachsen sind. Ich habe bis zu meinem Abitur 1981 während meiner Schulzeit am Neustädter Gymnasium nie etwas von dem Massaker an Hunderten von Juden aus dem KZ Stutthof in Neustadt am 3. Mai 1945 gehört. So dürfte es den meisten nach dem Krieg geborenen Neustädtern gegangen sein. Bei dem Gedenken an furchtbare Geschehnisse in unserer Stadt an diesem Tag, als der Krieg in Neustadt zu Ende war, ging es damals um das Gedenken an das Bombardement der Schiffe „Cap Arcona“, „Thielbek“ und „Deutschland“ durch britische Bomber. Von den Flussschiffen „Vaterland“ und „Wolfgang“, die mit 2.000 KZ-Häftlingen an Bord in der Nacht zuvor nahe dem Neustädter Lotsenhaus gestrandet waren, und dem anschließenden Massaker wusste ich nichts.

Die Versenkung der „Cap Arcona“ und der anderen beiden Seeschiffe fand zwar vor unseren Ufern statt, aber Neustädter hatten damit offensichtlich nichts zu tun. Unmittelbar verantwortlich für den durch das Bombardement verursachten Tod von über 7.000 Menschen, die meisten davon Häftlinge aus dem KZ Neuengamme, waren die britischen Bomber und mittelbar das Naziregime, das die Häftlinge erst in das Konzentrationslager gesperrt und dann unter unmenschlichen Bedingungen auf die Schiffe gepfercht hatte. Das Gedenken an die Cap-Arcona-Tragödie ersetzte in meiner Jugend das Sprechen über das Stutthof-Massaker – und dessen Aufarbeitung. Der Friedhof am Lotsenhaus heißt bis heute „Cap-Arcona-Friedhof“, obwohl er an der Stelle errichtet wurde, an der das Massaker an den Stutthof-Häftlingen seinen Ausgang nahm. Auch das „Cap-Arcona-Museum“ erinnert mit seinem Namen allein an die Versenkung dieses Schiffes und nicht an das Stutthof-Massaker. Gedenkveranstaltungen erwähnten, wenn überhaupt, das Stutthof-Massaker allenfalls am Rande. Es gab zwar auch zu meiner Schulzeit schon diffuse Gerüchte, dass auch am Ufer noch KZ-Häftlinge erschossen worden seien, aber nachgefragt habe ich damals nicht weiter.

Rückblickend betrachtet ist dieses kollektive Schweigen über ein tiefdunkles Kapitel der Neustädter Stadtgeschichte und auch mein Desinteresse an der Geschichte des Ortes, in dem ich aufwuchs, unfassbar. Dass die Ostsee vor dem Lotsenhaus am Morgen des 3. Mai 1945 rot gefärbt war vom Blut erschossener Juden und Jüdinnen, darunter vor allem Frauen und Kinder, und dass am Netzeplatz vor dem Fischeramt an diesem Tag nicht Netze trockneten, sondern Leichen lagen, weiß ich erst seit Kurzem. Ich habe die vergangenen Monate damit verbracht, die vorwiegend britischen Ermittlungsakten aus den Jahren 1945 bis 1947 und die gesamten Ermittlungsakten der Lübecker Staatsanwaltschaft aus den Jahren 1984 bis 2015 zu sichten und dabei die meisten der 60 Ordner mit tausenden Seiten von Dokumenten, die im Landesarchiv Schleswig-Holstein einsehbar sind, zu digitalisieren. Ich sehe mir diese Unterlagen nicht nur aus historischem, sondern auch aus juristischem Blickwinkel an. Diese Beschäftigung war und ist in doppelter Hinsicht furchtbar. Grauenvoll sind die Schilderungen des Verbrechens in Hunderten von überlieferten Zeugenaussagen. Und unbegreiflich ist, dass dafür kein einziger der Täter zur Verantwortung gezogen wurde.

Was das Gedenken an das Stutthof-Massaker angeht, haben sich die Zeiten seit meiner Schulzeit immerhin etwas geändert. So ist der Weg am Cap-Arcona-Ehrenmal vor einigen Jahren in „Stutthof-Weg“ umbenannt worden. Und in den Materialien des Cap-Arcona-Museums und in den Ankündigungen für das neue Cap-Arcona-Dokumentationszentrum wird heute regelmäßig auch an die Tötungen am Strand und in Neustadt erinnert.

Nach meiner Analyse der Ermittlungsakten kann ich aber sagen: Immer noch macht man es sich in Neustadt mit der Vergangenheitsaufarbeitung zu leicht. Erneut droht man nämlich der Frage aus dem Weg zu gehen, welche Mitschuld Neustädter an diesem furchtbaren Massaker hatten. So heißt es auf der Website des Cap-Arcona-Portals: „Kurz zuvor erschießen SS, Soldaten und Polizisten am Ufer von Neustadt in Holstein hunderte meist jüdische Frauen, Männer und Kinder aus dem KZ Stutthof.“ Ähnlich lautet auch der Text eines neuen Flyers des Cap-Arcona-Portals.

Von einer Beteiligung Neustädter Bürger ist dabei nicht die Rede. Zu Recht? Bereits in den Jahren 1945 bis 1949 verliefen von den Engländern begonnene und dann von der Staatsanwaltschaft Lübeck weitergeführte Ermittlungen im Sande. Und die ab 1984 erneut geführten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sind ebenfalls nach über 30 Jahren im Jahr 2015 eingestellt worden, ohne dass die Täter ermittelt werden konnten, auch und erst recht keine Neustädter Bürger. Der Abschlussvermerk der Staatsanwaltschaft Lübeck vom 15. Juli 2015 endet mit der Feststellung: „Verantwortliche für den Ablauf des Transports der Häftlinge von Stutthof, deren Nicht-Versorgung mit Proviant und der Ereignisse bei dem Transport für Tötungshandlungen bei und in Neustadt haben nicht ermittelt werden können. Weitere Ermittlungsansätze sind nicht ersichtlich.“ Ist das nicht aus Neustädter Sicht Grund genug, sich beruhigt zurückzulehnen und die Gerüchte über eine Mittäterschaft von Neustädtern, die seit vielen Jahren durch die Stadt wabern, endlich in die Welt der Fabel zu verweisen? Wenn die dafür von Berufs wegen zuständige Staatsanwaltschaft offensichtlich jahrzehntelang intensiv ermittelt hat und niemanden gefunden hat, der für das Massaker verantwortlich gemacht werden konnte, muss dann nicht Schluss sein damit, weiter einen Schatten über die Stadtgeschichte zu werfen?

Leider nein. Das Gegenteil ist der Fall. Meine Analyse ist noch nicht abgeschlossen, aber das Verdikt ist für mich bereits jetzt mehr oder weniger eindeutig: Der Umfang der staatsanwaltschaftlichen Akten täuscht nur auf den ersten Blick über die eklatante Dürftigkeit und Unzulänglichkeit der Ermittlungen hinweg. Nachdem in den ersten beiden Jahren noch zwei Kieler Kriminalbeamte dynamisch und gründlich ermittelten, bestehen die weiteren fast 30 Jahre der Ermittlungsakten im Wesentlichen aus einem offensichtlich lustlosen Abheften von Protokollen der Zeugenaussagen überlebender Opfer, die man – immerhin – in aller Welt zusammengesammelt hatte, und einer Vielzahl nichtssagender interner Berichte mit Aussagen wie: „Die Ermittlungen dauern an.“ In dem Abschlussvermerk der Staatsanwaltschaft wird dann aus nicht nachvollziehbaren Gründen nur ein Viertel der Zeugenaussagen überhaupt in Bezug genommen; die 60 Aktenordner mit Unterlagen werden – wenn überhaupt – nur höchst oberflächlich gewürdigt.

Zu den Aspekten, die von der Staatsanwaltschaft in ihrem Abschlussvermerk unverständlicherweise gar nicht weiter gewürdigt worden sind, zählen Hinweise aus Zeugenaussagen, dass Angehörige von Hitlerjugend und Volkssturm, also Neustädter Bürger, an dem Massaker beteiligt gewesen sein sollen. Immerhin hatte unmittelbar nach dem Krieg der damalige Leiter des Volkssturms zugegeben, dass er am Morgen des 3. Mai 1945 zwei Kompanien mit je 40 bis 50 Mann zum Strand in Marsch gesetzt hatte. Und der Schiffsjunge der Cap Arcona bekundete in einem Dokumentarfilm noch im Jahr 1995, dass eben dieser Volkssturmführer am Morgen des 3. Mai 1945 in der „Wallburg“ saß und Schnaps an die Schützen ausgab, die in Sichtweite am Jungfernstieg unter anderem Frauen und Kinder erschossen. Auch der Historiker Wilhelm Lange berichtet in seiner Cap-Arcona-Dokumentation von der Anwesenheit des Volkssturms am Ort des Massakers. Die Zusammensetzung der Volkssturm-Truppe und ihre Rolle wären daher genauer zu hinterfragen gewesen. Gar nicht erwähnt werden von der Staatsanwaltschaft auch die Gendarmen, die den Transport schon aus Stutthof begleiteten, die den Marsch durch Neustadt organisierten und von denen dann wohl einige nach Kriegsende unmittelbar in die Neustädter Polizei übernommen wurden. Ebenso wenig wurde offenbar versucht, die Herkunft der Marinesoldaten zu ermitteln, die – darin sind sich viele Dutzend Zeugenaussagen einig – zu den Haupttätern des Massakers gehörten und die, so viel ist klar, zumindest in Neustadt stationiert waren. So mancher von ihnen dürfte auch vorher und später Neustädter Bürger gewesen sein.

Grund für kollektive Entlastung geben die Akten der Staatsanwaltschaft vor diesem Hintergrund also keinesfalls. Die Indizien für eine aktive Verwicklung von Neustädtern in das grausame Verbrechen bestehen vielmehr fort. Hinzu kommt: Die Ermittlungen fanden weitgehend ohne aktive Mitwirkung von Neustädtern statt. Auch als Zeugen wurden nur wenige Einheimische befragt. Die Mitwirkung des langjährigen Bürgervorstehers und Heimatforschers Johannes Hugo Koch an den Ermittlungen beschränkte sich im Kern darauf, historische Postkarten zur Verfügung zu stellen. Durch Handzettel und Presseveröffentlichungen wurde zwar von der Polizei auf das Ermittlungsverfahren hingewiesen. In den Ermittlungsakten heißt es aber dazu: „Ein nennenswertes Hinweisaufkommen war nicht zu verzeichnen.“ In Merkendorf, wo am Dorfteich am helllichten Tag zehn KZ-Häftlinge erschossen worden waren, wurden immerhin 37 zur Tatzeit in der Nähe des Tatortes wohnende Personen befragt, von den Erschießungen aber wollte kaum jemand etwas mitbekommen und auch später nie etwas davon gehört haben. Ernsthaft beschäftigt mit den Strukturen des nationalsozialistischen Machtapparates und seiner tiefgreifenden Verwurzelung in der Neustädter Bevölkerung hat sich die Staatsanwaltschaft nicht.

Im Strafrecht gilt die Unschuldsvermutung. Solange die individuelle Schuld eines Täters oder einer Täterin nicht festgestellt wurde, gilt er oder sie als unschuldig. Dieses Prinzip gilt in der Geschichtsschreibung nicht, wenn es um die kollektivbiographische Analyse von Formationen und Funktionseliten geht. Hier sind Indizien und ein Wahrscheinlichkeitsurteil wichtig und nicht, wie bei der strafrechtlichen Verurteilung, die juristische Eindeutigkeitsfiktion der Abwesenheit vernünftiger Zweifel an der Täterschaft. Und hier gibt es solche Indizien für eine aktive Mitwirkung von Neustädtern an den Erschießungen. Solange diese nicht ausgeräumt sind, sollte man keinesfalls die kollektive Unschuld von Neustädtern an dem Massaker unterstellen.

Wie es am 3. Mai 1945 wirklich war, wissen wir bis heute nicht sicher. Auch wissen wir nicht, wie das Schweigen über das Verbrechen begründet war. War es Vertuschungsabsicht, Scham, Traumatisierung oder echte Ahnungslosungkeit? Vielleicht werden wir es nie wissen. Diese Unsicherheit ist allerdings nur dann halbwegs zu ertragen, wenn wir die Versäumnisse der Aufarbeitung in der Vergangenheit nicht heute noch einmal wiederholen. Möglicherweise können die wenigen noch lebenden Zeitzeugen doch noch Licht in das Dunkel bringen; vielleicht entscheidet sich doch noch jemand, der die Täter gesehen und erkannt hat, dagegen, sein oder ihr Wissen mit ins Grab zu nehmen. Möglicherweise gibt es in Fotoalben, in Tagebüchern oder Familienchroniken auf dem Dachboden heute doch noch unbekannte Indizien, die einer Täterschaft von Mitgliedern des Volkssturms und der Hitlerjugend entgegenstehen – oder im Gegenteil Anhaltspunkte, die deren Mittäterschaft eindeutig belegen.

Heute mag endgültig unsere letzte Chance sein, noch einmal ernsthaft nachzufragen und nachzusuchen: Was konkret erinnert ihr im Zusammenhang mit dem 3. Mai 1945 in Neustadt? Wichtig wären möglichst konkrete Details, möglicherweise auch und gerade vermeintliche Nebensächlichkeiten. Etwa: Wie war das mit den nationalsozialistischen Strukturen und Verbänden, wie waren deren Aufbau und Zusammensetzung? Wo traf man sich, wie waren die Meldeketten? Wer trug welche Uniformen und wer hatte welche Waffen?

Seit vor einigen Monaten die NSDAP-Mitgliederdatei online zugänglich gemacht wurde, haben viele Deutsche erstmals begonnen, sich ernsthaft mit der Rolle der eigenen Verwandten im Nationalsozialismus zu beschäftigen. So mancher hat dabei unschöne Überraschungen erlebt, wenn sich etwa herausstellte, dass der geliebte Opa kein Widerstandskämpfer war, sondern schon 1933 Mitglied der NSDAP und bald darauf Mitglied der SA wurde. In dem Ausmaß, in dem individuelle Lügen zusammenbrechen, wird auch das Bild der Rolle der Bevölkerung im Nationalsozialismus und damit die Verantwortung weiter Teile der Deutschen für die in ihrem Namen begangenen Verbrechen deutlicher.

Für alteingesessene Neustädter und Neustädterinnen heißt die Frage nach der Verantwortung ihrer Verwandten im Nationalsozialismus leider nicht nur: War Großvater ein Nazi? Sondern: War Großvater ein Mörder jüdischer Männer, Frauen und Kinder? Das Bestreben nach Aufklärung dieser Fragen liegt in unser aller Interesse.“

Dr. Matthias Birkholz (mail@matthiasbirkholz.de) ist in Neustadt in Holstein aufgewachsen. Er lebt und arbeitet als Wirtschaftsanwalt in Berlin. Sein Vater Hans-Joachim Birkholz war von 1972 bis 1984 Bürgermeister Neustadts.


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