

Neustadt in Holstein. Scharfe glänzende Linien schießen über dunkle Flächen, kreuzen sich und brechen wieder auseinander. Daneben treffen Pink, Rot, Grün und Blau auf verzerrte Räume und Figuren, bei denen nicht immer alles dort sitzt, wo man es erwarten würde. Ein paar Schritte weiter lösen sich aus Schwarz und Weiß menschliche Körper heraus.
Schon beim ersten Rundgang durch die Ausstellung von Frédéric Bertheau und Alejandro Zepeda in der Stadtbücherei wird deutlich, wie unterschiedlich die Bildwelten der beiden Künstler sind, ein Gegensatz, den auch Cathrin Schulz-Mirbach vom Vorstand des Fördervereins Bildende Kunst Ostholstein bei der Eröffnung am vergangenen Sonntag aufgriff. „Heute stellen wir Ihnen zwei Künstler vor, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten“, sagte sie. „Hier Reduktion auf Schwarz und Weiß, auf Körper, die aus der Dunkelheit auftauchen. Dort Farbe, die aufsplittert wie Glas und Räume die ineinander verschachteln. Und doch verbindet beide etwas Wesentliches: Sie sind im Kern Zeichner und sie wollen den Menschen und seine Seele von innen zeigen.“
Der Körper braucht keine Worte
Kennengelernt haben sich Bertheau und Zepeda während ihres Studiums an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Dort studierten beide unter anderem in der Klasse von Professor Franz Ackermann.
Alejandro Zepeda wurde in Mexiko-Stadt geboren, studierte zunächst in Mexiko und kam über ein Austauschprogramm nach Karlsruhe. Seine Arbeiten waren unter anderem in Mexiko-Stadt, Berlin, Düsseldorf, Wien, Den Haag, Japan und im Kreis Plön zu sehen.
Mexikanische Kunst werde häufig mit kräftigen Farben verbunden, erläuterte Schulz-Mirbach. Zepeda gehe dagegen bewusst einen anderen Weg. „Im Zentrum seiner Zeichnungen steht der menschliche Körper. Er schwebt wortlos und schwerelos im Weiß, ohne oben und unten. Zepeda zerlegt Körper in Arme, Beine, Hüften, fügt sie neu zusammen zu Bündeln und Geflechten, die nur miteinander zu existieren scheinen.“
Der menschliche Körper könne „Emotionen ausdrücken, ohne Worte“, sagte Zepeda im Gespräch mit Ingrid Maschke von der Ausstellungsgemeinschaft Neustadt.
Räume, die aus den Fugen geraten
Frédéric Bertheau war Meisterschüler bei Professor Ackermann in Karlsruhe. Heute lebt und arbeitet er an der Hohwachter Bucht und teilt sich dort ein Atelier mit seinem Vater, dem Künstler Jan Bertheau.
Bereits die frühen Arbeiten des jungen Künstlers seien von einer besonderen Energie geprägt, erklärte Schulz-Mirbach: „Nervöse Bleistiftlinien verdichten sich zu Knäueln. Köpfe explodieren in Schwärze.“ Diese Energie habe er in großformatigen Farbstiftarbeiten weiterentwickelt, ohne dabei an Kraft zu verlieren. „In den Zeichnungen stehen Figuren in labyrinthischen Innenräumen. Türen öffnen sich in weitere Türen, Perspektiven kippen. Man ahnt, diese Architekturen sind Seelenräume, verführerisch farbig und zugleich ohne sicheren Ausgang“, so Schulz-Mirbach.
Eine wichtige Rolle spielt für Bertheau die Ostsee. Das Meer stehe für ihn für ursprüngliche, objektive Natur und bilde damit einen Kontrast zur subjektiven Gesellschaft. Genau aus dieser Spannung zwischen Natur und Mensch entstehe letztlich seine Kunst.
Vertrautes auf den Kopf gestellt
Gerade weil die beiden Künstler so unterschiedlich arbeiten, funktioniert die Ausstellung als Zusammenspiel. Beide nehmen das, was vertraut scheint, auseinander, verschieben Zusammenhänge und setzen es neu zusammen. Was zunächst irritiert, eröffnet dem Betrachter die Möglichkeit, genauer hinzusehen und die menschliche Figur, Räume und die Beziehungen zueinander aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten.
Die Ausstellung von Frédéric Bertheau und Alejandro Zepeda ist bis zum 29. Oktober in der Stadtbücherei Neustadt zu sehen. Geöffnet ist montags bis samstags von 9.30 bis 12.30 Uhr, dienstags durchgehend von 9.30 bis 18 Uhr sowie montags, donnerstags und freitags zusätzlich von 14 bis 18 Uhr. (he)



