

Rücksichtslos, verantwortungslos
Wer heute als Fußgänger oder Rollstuhlfahrer in Neustadt unterwegs ist, muss auf manchen Gehwegen inzwischen mehr nach hinten als nach vorne schauen. Fahrräder, E-Bikes und E-Scooter werden mit Geschwindigkeiten gefahren, die auf einem Gehweg nichts zu suchen haben. Abstand? Rücksicht? Fehlanzeige.
Die Neustädter Promenade vom Schulwald bis zum Restaurant Kombüse scheint dabei inzwischen eine Teilstrecke des internen Nürburgrings zu sein. Weitere Streckenabschnitte findet man auf dem Dünenweg und auf der breiten Seite des Bürgersteigs in der Brückstraße.
Dabei geht es nicht etwa um Wege, auf denen Radfahrer lediglich etwas mehr Rücksicht nehmen müssten. In diesen Bereichen gilt für Radfahrer ein absolutes Fahrverbot. Trotzdem wird dort gefahren, überholt und teilweise mit einem Tempo vorbeigeschossen, als seien Fußgänger und Rollstuhlfahrer lediglich bewegliche Hindernisse.
Gerade wer mit einem Rollstuhl unterwegs ist, kann nicht einfach im letzten Augenblick einen Satz zur Seite machen. Umso unverständlicher ist es, wenn eindeutig ausgewiesene Verbote offenbar bewusst ignoriert werden.
Besonders pietätlos empfinde ich die Situation auf dem Wegeabschnitt am Cap-Arcona-Ehrenfriedhof. Gerade dort wird teilweise besonders schnell durchgerast, obwohl der Zugang bereits verengt ist. Zusätzlich weisen große und deutlich sichtbare Schilder darauf hin, dass es sich um einen Fußweg handelt.
Wer an einem solchen Ort trotzdem meint, mit hoher Geschwindigkeit hindurchfahren zu müssen, missachtet nicht nur die dort geltenden Regeln und gefährdet andere Menschen. Er zeigt auch erschreckend wenig Respekt vor einem Ort des Gedenkens.
Nach meiner persönlichen Beobachtung fallen dabei besonders zwei Altersgruppen auf, die diese Fahrverbote häufig missachten: zum einen Senioren, grob geschätzt ab etwa 60 Jahren, zum anderen Jugendliche bis ungefähr 15 Jahre. Natürlich betrifft das längst nicht jeden in diesen Altersgruppen. Auffällig ist es für mich trotzdem.
Man könnte beinahe den Eindruck bekommen, beide Generationen verfügten über besondere Verkehrsrechte, von denen der Rest der Bevölkerung bislang nur noch nichts erfahren hat.
Der eigentliche Clou an der Sache kommt aber erst noch: In einem persönlichen Gespräch mit dem Ordnungsamt Neustadt habe ich genau diese Problematik angesprochen. Die Antwort war sinngemäß eindeutig:
Das Problem sei bekannt, es fehlten aber die personellen Kapazitäten, um die entsprechenden Bereiche ausreichend zu überwachen.
Damit stellt sich für mich eine einfache Frage: Was nützen deutlich ausgeschilderte Fahrverbote, wenn diejenigen, die sie missachten, praktisch damit rechnen können, dass niemand kontrolliert?
Oder bedeutet das am Ende schlicht: Freie Fahrt für rasende Räder in Neustadt?
Wer schützt hier eigentlich die Menschen, für die diese Wege vorgesehen sind - Fußgänger, ältere Menschen, Kinder und Rollstuhlfahrer?
Regeln, die bekannt sind, aber nicht überwacht werden können, verlieren irgendwann ihre Wirkung. Und genau das scheint an einigen Stellen in Neustadt inzwischen passiert zu sein.
Volker Wisser



