Kristina Kolbe

Renate Aris erzählte von ihrer Kindheit als „das Mädchen mit dem Stern“

Neustadt in Holstein. Insgesamt 14 Schulklassen aus allen drei Neustädter Schulen waren am vergangenen Donnerstag in die Aula der Jacob-Lienau-Schule gekommen, um dem Gespräch zwischen Autor Louis Pawallek und der Holocaust-Überlebenden Renate Aris zuzuhören, die per Videoanruf zugeschaltet war. Die Veranstaltung war auf Initiative des Kinder- und Jugendnetzwerkes entstanden und reiht sich damit in die Zeitzeugengespräche mit Manfred Goldberg ein, die im vergangenen Jahr zum Jahrestag des Kriegsendes und der Cap-Arcona-Katastrophe in der Lübecker Bucht stattgefunden hatten. Um die Reichweite nochmals zu erhöhen, wurde das Interview auch dieses Mal in einem Livestream übertragen und ist unter www.youtube.com/derreportertv ab sofort dauerhaft verfügbar.

Louis Pawallek begrüßte 300 Anwesende

Zu Beginn stellte Louis Pawallek den circa 300 Schülerinnen und Schülern seine Interviewpartnerin vor: „Renate ist über 90, topfit und hat Biss.“ Für ihn sei sie wie eine Oma. „Ihr werdet sehen, das hier wird wie eine nette kleine Stunde bei der Oma werden, nur mit vielen, vielen traurigen Kapiteln“, so Pawallek. Renate Aris ist am 25. August 1935 in Dresden geboren und von Geburt an Mitglied der jüdischen Gemeinschaft. Als Kind erlebte sie während der NS-Zeit die grausame Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung.

Renate Aris im Livestream

„Ich freue mich jetzt viele hundert Kilometer entfernt mit euch eine Stunde zu verbringen und sage dazu Schalom“, begrüßte sie die Zuschauenden mit der hebräischen Grußformel, die für Frieden steht. Sie berichtete von ihren Erinnerungen und Erlebnissen und was es eigentlich konkret bedeutete, als Jüdin in Nazideutschland zu leben: „Wir waren ja noch Kinder, nach Ausbruch des Krieges war es uns kaum noch möglich auf die Straße zu gehen.“ Sie erzählte von den Pogromen, also den Verboten, die 1933 gegen die Jüdinnen und Juden erlassen wurden und von Beginn an massiv in ihr Leben eingegriffen haben. So erhielt sie beispielsweise den zusätzlichen Namen Sara, wie alle ab 1933 geborenen Jüdinnen, als eine Ergänzung in der Geburtsurkunde, die sie zusätzlich als Jüdin kennzeichnen sollte. Auch die absurde Vorstellung der Nationalsozialisten, die Juden an ihren Ohrläppchen erkennen zu können, sorgte beim Publikum für Unverständnis.

Die Reichspogromnacht veränderte alles

Eines der einschneidensten Erlebnisse war für Renate Aris die Reichspogromnacht, die sie in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Dresden erlebte. Deutschlandweit wurden 1.400 Synagogen von Angehörigen der SA und SS niedergebrannt, etwa 7.500 Geschäfte und Wohnungen zerstört sowie jüdische Friedhöfe und andere Einrichtungen der Gemeinden verwüstet. „Wir wurden ab dieser Nacht zu Freiwild erklärt. Jeder konnte mit Juden machen, was er wollte“, erinnerte sich Renate Aris. „Also, ihr wart keine Menschen mehr“ brachte Pawallek auf den Punkt.

Das Mädchen mit dem Stern

Ab 1941 mussten die Jüdinnen und Juden in Deutschland dann einen gelben Stern auf der Kleidung tragen. Diese habe man auch noch selbst kaufen müssen, so die Zeitzeugin. Ohne den Stern durfte man gar nicht mehr auf die Straße gehen. Tat man es doch, drohte der Tod. An den Geschäften seien Schilder angebracht gewesen, dass Juden hier nicht bedient würden. Auch die Lebensmittelmarken wiesen aus, dass Juden nur die Hälfte der Lebensmittel ausgehändigt bekommen durften. Ständiger Hunger, die Angst vor der Deportation und die Furcht vor Luftangriffen waren ständiger Begleiter ihrer Kindheit. „Wir wären glücklich gewesen, etwas mehr zu essen gehabt zu haben“, sagte sie. An ein einprägendes Erlebnis erinnerte sie sich noch besonders gut, nämlich als sie während eines Tieffliegerangriffs, bei dem die Menschen auf der Straße beschossen wurden, von einem „bärtigen alten Mann“ mit Blick auf ihren Stern und den Worten: „Dich können sie ja wohl erschießen“ aus ihrem Versteck geschmissen wurde. Renate Aris war zu diesem Zeitpunkt noch ein kleines Mädchen im Alter von sieben Jahren. Geschichten wie diese sind auch in Louis Pawalleks Buch „Das Mädchen mit dem Stern“, welches sich Renate Aris als Protagonistin widmet, festgehalten.

Die Angriffe auf Dresden

Den Angriff auf Dresden beschrieb Renate Aris als Großinferno, bei dem die abgeworfenen Phosphor-Bomben große Teile der Stadt in Schutt und Asche legten und die Flammen sich auch durch Wasser nicht löschen ließen. „Die Elbe brannte. Die Brunnen brannten, die Menschen sind brennend ins Wasser gesprungen und haben weitergebrannt“, erinnerte sich Aris. „Es ist schlimm, dass du das alles mit deinen eigenen Kinderaugen ansehen musstest“, entgegnete Pawallek. Die Familie floh durch die brennende Stadt, um sich zu verstecken, da sie sich dem Befehl zur Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt nur wenige Tage später widersetzen wollten. Die darauffolgenden Wochen bis zum Kriegsende verbrachte die Familie in einer acht Quadratmeter großen Kammer bei einem Bekannten, wo sie sich in totaler Verdunkelung versteckten.

Ein abschließender Apell

Zum Schluss richtete Renate Aris das Wort noch einmal direkt an die Schülerinnen und Schüler: „Wir in Deutschland sind eine internationale Gesellschaft. Ihr müsst nicht alle lieben, aber bedenkt, ihr habt immer einen Menschen vor euch, egal wo er herkommt und in welcher Religion er lebt. Man muss einfach Respekt und Achtung voreinander haben.“ (ko)


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