Wie aus einer Diagnose Hoffnung wuchs – 20 Jahre Hilfe „gemeinsam gesund werden“:
Hasselburg/Grömitz. Eine Frau, die an diesem Abend fehlte, war dennoch allgegenwärtig: Annette Rexrodt von Fircks. Die 2024 verstorbene Stiftungsgründerin hatte vor 20 Jahren ein Rehabilitationsprogramm ins Leben gerufen, das seither Tausenden krebskranken Müttern und ihren Familien neue Kraft gegeben hat. Am vergangenen Freitag wurde ihr Lebenswerk im Barocksaal auf Gut Hasselburg gefeiert. Es wurde ein Abend voller Erinnerungen, bewegender Begegnungen und Zuversicht, an dessen Ende mehr als 25.000 Euro Spenden für die Fortführung der wichtigen Arbeit standen.
„Ohne Annette Rexrodt von Fircks wären wir alle heute nicht hier. Aber sie hat dafür gesorgt, dass es auch ohne sie weitergeht“, sagte ARD-Morgenmagazin-Moderatorin Okka Gundel, die als neue Stimme der Rexrodt von Fircks Stiftung durch den Abend führte.
Rund 100 Gäste waren zum 20-jährigen Bestehen von „gemeinsam gesund werden“ angereist, darunter ehemalige Patientinnen, Mediziner, Unterstützer und Wegbegleiter. Das besondere Rehabilitationsprogramm der Klinik Ostseedeich in Grömitz richtet sich an brustkrebskranke Mütter und ihre Kinder. Seit seiner Gründung im Jahr 2006 wurden rund 11.000 Mütter, 14.500 Kinder und 4.000 Partner begleitet.
Eine Diagnose, die alles veränderte
Wie es zu diesem außergewöhnlichen Konzept kam, schilderte Dr. Rüdiger Gaase, Vorstandsvorsitzender der Rexrodt von Fircks Stiftung und Ehemann der verstorbenen Gründerin. 1998 hatte Annette Rexrodt von Fircks völlig unerwartet die Diagnose Brustkrebs in einem weit fortgeschrittenen Stadium erhalten.
Damals habe es weder Brustzentren noch eine etablierte psychoonkologische Begleitung gegeben. Ein Satz einer Psychologin sei für seine Frau in dieser Situation jedoch besonders wichtig gewesen: „Entscheiden Sie sich für das Leben.“ Annette Rexrodt von Fircks nahm diesen Gedanken an, setzte sich intensiv mit ihrer Erkrankung auseinander, schrieb darüber und machte anderen Betroffenen Mut. Doch neben den eigenen Ängsten beschäftigte sie vor allem die Sorge um ihre drei kleinen Kinder. „Wie sage ich es einem drei-, einem fünf- und einem siebenjährigen Kind?“, erinnerte Gaase an die Fragen seiner Frau.
Sie habe selbst erlebt, wie wohltuend Spaziergänge am Meer und der Blick auf den Horizont sein können. Zugleich habe sie gewusst, dass dies allein nicht ausreiche, um die Ängste von Müttern und Kindern aufzufangen. In der damaligen Klinikleitung Ulrike Baumann fand sie schließlich eine Verbündete, die ihre Vorstellungen teilte.
Im Oktober 2006 war es so weit: Die ersten sieben Patientinnen konnten gemeinsam mit ihren Kindern nach Grömitz kommen. Dass daraus einmal ein Programm für Tausende Familien werden würde, hätte sich seine Frau damals wohl kaum vorstellen können, sagte Gaase.
Bis heute sei der Ansatz, Kinder nicht nur als Begleitpersonen, sondern aufgrund der Erkrankung ihrer Mutter als eigenständige Patienten zu betrachten und therapeutisch zu unterstützen, deutschlandweit einzigartig.
Mit einem eindringlichen Appell schloss Gaase seine Ausführungen: „Sprachlosigkeit muss dem Wort weichen, Schrecken der Zuversicht und Hilflosigkeit der Fürsorge.“ Dafür brauche es auch künftig die Unterstützung vieler Menschen.
Wenn aus Angst wieder Zuversicht wird
Was das Programm für die betroffenen Familien bedeutet, wurde in einer Gesprächsrunde mit drei ehemaligen Patientinnen deutlich. Sie berichteten offen von der Zeit nach ihrer Krebsdiagnose, von Zukunftsängsten, aber auch von der Erleichterung, während der Rehabilitation endlich einmal Verantwortung abgeben zu können.
Eine der Frauen beschrieb das Gefühl bei ihrer Ankunft in Grömitz mit den Worten: „Hier kann ich loslassen. Hier wird sich um mich gekümmert und hier muss ich mich nicht mehr kümmern.“
Eine andere erzählte, dass sie während der Rehabilitation gelernt habe, mit der Angst vor einer erneuten Erkrankung umzugehen. Besonders eindrücklich war die Erinnerung einer ehemaligen Patientin an einen kleinen Zettel, der noch heute an ihrer Küchenpinnwand hängt. Darauf stehen die Worte: „Ich bin da. Und ich bin gut.“
Die ganze Familie braucht Unterstützung
Dass eine Krebserkrankung weit über die medizinische Diagnose hinausgeht, betonte auch Ostholsteins stellvertretender Landrat Karsten Alwast. „Wenn eine Mutter an Brustkrebs erkrankt, verändert sich das Leben nicht nur für sie selbst. Auch für ihre Kinder ist plötzlich vieles anders.“
Genau hier liege die besondere Stärke des Programms. Die Familie werde nicht allein aus der Perspektive der Erkrankung betrachtet, sondern als Ganzes. „Gesundheit bedeutet gerade in einer solchen Situation mehr als medizinische Behandlung. Es geht auch darum, wieder Vertrauen in den eigenen Alltag zu gewinnen.“
Prof. Dr. Achim Rody, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck und Schirmherr des Rehabilitationsprogramms, beleuchtete die medizinische und wissenschaftliche Bedeutung. Die Behandlung von Brustkrebs habe sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt. Zugleich sei auch die enge Zusammenarbeit mit der Klinik Ostseedeich wissenschaftlich von Bedeutung.
130 Mitarbeiter füllen das Konzept mit Leben
Dass aus einer Idee ein dauerhaftes Angebot werden konnte, ist nach Überzeugung von Klinikleiterin Ulrike Baumann vor allem den Menschen zu verdanken, die täglich mit den betroffenen Familien arbeiten. „Eine gute Idee und ein gutes Konzept sind die Grundlage. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem aus einem Konzept gelebter Klinikalltag werden muss. Und genau das haben wir in der Klinik Ostseedeich in den vergangenen 20 Jahren gemeinsam geschafft.“
Für die rund 130 Mitarbeiter sei „gemeinsam gesund werden“ weit mehr als eine regelmäßig stattfindende Rehabilitationsmaßnahme. Jede Familie bringe ihre eigene Geschichte, ihre Sorgen und ihre besonderen Bedürfnisse mit.
„Es funktioniert nur, weil Menschen bereit sind, genau hinzuschauen, zuzuhören und miteinander zu arbeiten“, sagte Baumann. Besonders stolz sei sie darauf, dass viele Beschäftigte das Programm bereits seit Jahren begleiteten und kontinuierlich weiterentwickelten. An ihr Team gerichtet sagte sie: „Ihr habt aus dem Konzept etwas gemacht, das heute untrennbar mit unserer Klinik verbunden ist.“
Auch in einer weiteren Gesprächsrunde mit Klinikmitarbeitern erhielten die Gäste Einblicke in die tägliche Arbeit und die besonderen Herausforderungen bei der Betreuung der Familien.
Großzügige Unterstützung für die Zukunft
Dass die Idee von Annette Rexrodt von Fircks auch künftig weitergetragen werden soll, unterstrich Nadine Espey, die in Vertretung von Otto Wagner, Geschäftsführer der Klinik Ostseedeich und Gründer der Arbeitsgemeinschaft Eltern- und Kind-Kliniken, ein Grußwort überbrachte.
Annette Rexrodt von Fircks und Otto Wagner hätten die Überzeugung geteilt, dass es Mut und die Bereitschaft brauche, neue Wege zu gehen. Als sichtbares Zeichen der Unterstützung überreichte Espey eine Spende der Eltern & Kind Stiftung in Höhe von 10.000 Euro an die Rexrodt von Fircks Stiftung. Zusammen mit weiteren Spenden und der Unterstützung von Kooperationspartnern, darunter P3ach Cup Cover, kamen anlässlich des Jubiläums mehr als 25.000 Euro für krebskranke Mütter und ihre Kinder zusammen.
Musikalisch begleitet wurde der Festakt von Konzertpianistin Julia Rinderle, die mit Werken von Cécile Chaminade, Ludwig van Beethoven und George Gershwin für besondere Momente zwischen den Reden und Gesprächsrunden sorgte. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, Schirmherr des Abends, hatte eine Videobotschaft übermittelt.
Am Ende blieb neben der beachtlichen Spendensumme vor allem die Erinnerung an eine Frau, deren persönliche Geschichte zum Ausgangspunkt einer besonderen Erfolgsgeschichte wurde. Annette Rexrodt von Fircks hatte ihre eigene schwere Erkrankung zum Anlass genommen, anderen Familien zu helfen. Ihr Leitgedanke begleitete auch diesen Jubiläumsabend: „In der Hoffnung liegt nicht nur die Kraft für das Morgen, sondern zugleich für den Augenblick.“ (he)
"gemeinsam gesund werden"
Die dreiwöchige Reha „gemeinsam gesund werden“ der Klinik Ostseedeich in Grömitz richtet sich an Mütter mit einer Erstdiagnose Brustkrebs. Sie kann sechs Wochen bis sechs Monate nach Abschluss der Ersttherapie in Anspruch genommen werden. Bei entsprechender medizinischer Indikation können auch Väter als Patienten aufgenommen werden.
Neben medizinischer und physiotherapeutischer Behandlung umfasst das Programm psychologische Einzel- und Gruppengespräche, Sozialberatung und Unterstützung bei der Kommunikation innerhalb der Familie. Auch die Kinder erhalten altersgerechte psychologische Angebote, um ihre Ängste und Sorgen zu verarbeiten. Gemeinsame Aktivitäten sollen den familiären Zusammenhalt stärken. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Psychologen, Therapeuten und pädagogischen Fachkräften begleitet die Familien.
Ziel ist es, die Mütter für den Alltag nach der Therapie zu stärken und zugleich die psychischen Belastungen der Kinder aufzufangen. Seit 2006 wurden rund 11.000 Mütter, 14.500 Kinder und 4.000 Partnerinnen und Partner begleitet. (he/red)






Zurück
Nach oben



























