Bildungsreise liefert Impulse für neue Formen des Erinnerns

reporter Neustadt Neu
Besuch der Historischen Polizeistation in Egling (mit dunkler NS-Geschichte), einem Lernort für Demokratiebildung im ländlichen Raum. Hier treffen Staatsdiener und Bürger der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander. Ein Projekt des Heimatmuseum Egling a. d. Paar.

Besuch der Historischen Polizeistation in Egling (mit dunkler NS-Geschichte), einem Lernort für Demokratiebildung im ländlichen Raum. Hier treffen Staatsdiener und Bürger der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander. Ein Projekt des Heimatmuseum Egling a. d. Paar.

Bild: hfr

Neustadt in Holstein. Der 18. März gilt in Deutschland als „Tag der Demokratiegeschichte“. Er erinnert an die Revolution von 1848 und den Beginn parlamentarischer Mitbestimmung - und daran, dass demokratische Werte immer wieder neu erarbeitet und verteidigt werden müssen. Aus diesem Anlass berichten Jugendliche aus Neustadt jetzt von einer Bildungsreise, die sie bereits im vergangenen Oktober unternommen haben. Die Eindrücke und Erfahrungen der Fahrt fließen derzeit in die Vorbereitung künftiger Erinnerungsarbeit zur Cap-Arcona-Katastrophe ein.

 

Im Rahmen des Beteiligungsprojekts „Wir und die Cap Arcona“, gefördert durch das EU-Programm Jugend für Europa, reiste eine Gruppe von Jugendlichen und Erwachsenen aus Neustadt mehrere Tage nach Frankfurt am Main, Augsburg und zum ehemaligen KZ-Außenlager Kaufering VII. Ziel war es, Anregungen für das geplante Cap-Arcona-Dokumentationszentrum sowie für neue Formen lokaler Erinnerungskultur zu sammeln. Das Projekt wird vom Kinder- und Jugendnetzwerk Neustadt (KJN) getragen.

Ein zentrales Anliegen ist es, junge Menschen nicht nur über Geschichte zu informieren, sondern ihnen Raum zu geben, eigene Fragen zu stellen, Perspektiven einzubringen und die Gestaltung zeitgemäßer Erinnerung aktiv mitzuentwickeln. Nach einer Besichtigung der Paulskirche - 1848 der Tagungsort des ersten frei gewählten gesamtdeutschen Parlament - besuchte die Reisegruppe in Frankfurt die Anne-Frank-Bildungsstätte. Dort verbindet eine moderne Ausstellung historische Erzählungen mit aktuellen Themen wie Ausgrenzung, Zugehörigkeit und Verantwortung - unterstützt durch digitale und interaktive Lernstationen. In Augsburg standen unter anderem die Fuggerei sowie die Halle 116 auf dem Programm, einem Gebäude eines ehemaligen Außenlagers des KZ Dachau. Einen besonders eindrücklichen Moment erlebte die Gruppe im oberbayerischen Egling an der Paar. Dort traf sie den Heimatforscher Christopher Vila, der gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern ein kleines Bürger-Museum aufgebaut hat. Es macht lokale NS-Geschichte sichtbar und bewahrt Erinnerungen an Opfer des Nationalsozialismus. „Ohne Menschen wie ihn würden viele Geschichten über Opfer des Nationalsozialismus für immer vergessen“, sagt der Schüler Lukas. Für die Jugendlichen wurde hier deutlich, wie viel Engagement und Ausdauer Erinnerungsarbeit erfordert.

Auch der Besuch von Kaufering VII, ebenfalls ein Außenlager des KZ Dachau, verdeutlichte, wie fragil Orte des Gedenkens sein können. Der jugendliche Teilnehmer Adrian stellte fest, dass heute von den elf Lagern des Kaufering-Komplexes nur noch eines erhalten ist. „Das zeigt, wie schnell Vergessen Raum greifen kann, trotz aller Aufklärungsarbeit“, sagt er. „Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass solche Orte nicht verschwinden.“ „Wir alle haben diesen Ort als emotional sehr herausfordernd erlebt“, berichtet Co-Projektleiterin Ragna Riensberg. „Die räumliche Enge und die noch vorhandenen Strukturen machen die Lebensbedingungen der Häftlinge sehr unmittelbar erfahrbar. Ein besonderer Dank gilt unseren Betreuern, die manche Herausforderung gut abzufedern wussten.“

 

Die Reise zeigte zugleich, wie wichtig gemeinsames Erinnern über Generationen hinweg ist. „Der Zusammenhalt war beeindruckend - trotz der Altersspanne von 13 bis 73 Jahren“, sagt Willi Ritter, der das Projekt als langjähriger Neustädter Museumsfreund begleitet. „Die Gespräche zwischen Jugendlichen, älteren Teilnehmenden wie mir und Experten vor Ort waren offen, respektvoll und von großem Interesse geprägt.“ Für die weitere Arbeit in Neustadt nehmen die Teilnehmenden nun konkrete Fragen und Ideen mit: Wie kann Geschichte sinnlich erfahrbar werden? Welche Formen des Erzählens sprechen junge Menschen an? Welche Rolle spielen Beteiligung, Diskussion und eigene Deutung? In den kommenden Wochen sind dazu Workshops und Gesprächsrunden geplant, zu denen weitere Jugendliche und Interessierte eingeladen sind. (red)