Cap Arcona-Katastrophe: „Wir dürfen nichts verschweigen oder gar verdrängen“
Neustadt in Holstein. Vor 81 Jahren, am 3. Mai 1945, ereignete sich in der Neustädter Bucht eine der erschütterndsten Tragödien der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Sie steht exemplarisch für die unmenschlichen Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes und ist untrennbar mit dem Leid tausender KZ-Häftlinge verbunden. Auf den Schiffen „Cap Arcona“ und „Thielbek“, die ursprünglich nicht für diesen Zweck vorgesehen waren, kamen mehr als 7.000 Menschen ums Leben – Opfer eines Bombenangriffs, dessen tödliche Konsequenzen von den Nationalsozialisten bewusst in Kauf genommen wurden.
Die meisten der Gefangenen stammten aus dem Konzentrationslager Neuengamme und waren kurz vor Kriegsende auf die Schiffe gebracht worden. Ohne ausreichende Versorgung, eingesperrt unter katastrophalen Bedingungen, hatten sie kaum eine Überlebenschance, als britische Flugzeuge die Schiffe angriffen. Für die meisten endete dieser Tag in einem grausamen Tod.
In Neustadt hat sich über die Jahrzehnte hinweg eine lebendige Erinnerungskultur entwickelt. Das Gedenken an die Opfer der Cap Arcona-Katastrophe ist fest im kollektiven Bewusstsein der Stadt verankert. Am vergangenen Sonntag versammelten sich Hinterbliebene aus sechs Ländern auf dem Cap Arcona-Ehrenfriedhof, um gemeinsam der Toten zu gedenken. Eingeladen hatten die Amicale Internationale KZ Neuengamme, das Kinder- und Jugendnetzwerk Neustadt sowie die Stadt Neustadt. Die internationale Beteiligung verdeutlicht, wie weitreichend die Auswirkungen dieser Tragödie bis heute sind.
In seiner Ansprache betonte Bürgermeister Mirko Spieckermann die Bedeutung des Erinnerns: „Es ist immer wieder erschütternd, mit den Verbrechen konfrontiert zu werden, die hier in Neustadt begangen worden sind. Aber wir dürfen nichts verschweigen oder gar verdrängen.“ Seine Worte machten deutlich, dass das Erinnern nicht nur ein Blick in die Vergangenheit ist, sondern es eine Verpflichtung für die Gegenwart und Zukunft darstellt.
Besonders hob Spieckermann das geplante Dokumentationszentrum hervor, das mit Unterstützung von Bund und Land entstehen soll. Dieses Zentrum soll nicht nur ein Ort des Gedenkens sein, sondern auch Raum für Bildung und Begegnung schaffen. Ziel sei es, historische Zusammenhänge verständlich zu machen und insbesondere jüngeren Generationen die Bedeutung von Demokratie, Menschenrechten und Freiheit näherzubringen. „Heute tragen wir die Verantwortung, eine Zukunft zu gestalten, in der diese Werte unsere Maßstäbe bleiben“, so der Bürgermeister.
Auch Eka von Kalben, Vizepräsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages, stellte in ihrer Rede die zentrale Frage nach der Form des Erinnerns: Wie kann es gelingen, den Opfern auch nach 81 Jahren ihre Würde zurückzugeben – ihnen ein Gesicht, vielleicht sogar eine Stimme zu verleihen? Sie betonte, dass Erinnerung kein statischer Prozess sei, sondern immer wieder neu mit Leben gefüllt werden müsse: „Zukunft hat dieses Erinnern nur, wenn jede Generation bereit ist, daraus aktive Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen.“
Die Gedenkveranstaltung in Neustadt zeigte eindrucksvoll, dass das Erinnern an die Cap Arcona-Katastrophe mehr ist als ein historischer Rückblick. Es ist ein lebendiger Auftrag, der dazu mahnt, wachsam zu bleiben und die Werte einer offenen und demokratischen Gesellschaft zu verteidigen. Denn nur durch das bewusste Erinnern kann verhindert werden, dass sich solche Verbrechen jemals wiederholen.
Bewegende Worte kamen von Philippe Cosnay, Vorsitzender der Amicale francaise de Neuengamme, der die Lebensgeschichte seines Großcousin Marc Bourguedieu erzählte. Dieser konnte am 3. Mai 1945 in Neustadt befreit werden, starb aber am 11. Juli 1945 an den Folgen seiner Deportation.
Musikalisch begleitet wurde die Gedenkveranstaltung vom Chor der Jacob-Lienau-Schule und des Küstengymnasiums Neustadt. (mg)
