Kurs „Eltern auf Probezeit“ an der GGS Lensahn
Lensahn. Livia, Leo, Fabio, Nayla und Mayla haben eines gemeinsam: Sie können schreien, verlangen nach Nahrung, müssen gewickelt und sie kennen keine Rücksicht auf die Nachtruhe ihrer „Eltern“. Vier Tage und drei Nächte lang waren die fünf Babysimulatoren die ständigen Begleiter von Schülerinnen und Schülern der Grund- und Gemeinschaftsschule Lensahn.
Im Kurs „Eltern auf Probezeit“ konnten Jugendliche ab 13 Jahren ausprobieren, wie sich der Alltag mit einem Säugling tatsächlich anfühlt. Und das deutlich realistischer, als es der Begriff „Babysimulator“ zunächst vermuten lässt. Die mit moderner Technik ausgestatteten Simulatoren verfügen über insgesamt 15 Schwierigkeitsstufen. Gefüttert, gewickelt und gewogen werden mussten sie ebenso wie ein echtes Baby. Auch nachts meldeten sie sich lautstark, wenn sie versorgt werden wollten.
„Ausschlafen ist kaum noch möglich“, lautete eine der Erfahrungen. „Man passt sich dem Baby an“, stellte eine anderere Teilnehmerin fest. Zeitweise habe man sich sogar „gefangen“ gefühlt. Gleichzeitig kamen die Jugendlichen zu einer weiteren Erkenntnis: Kinder können anstrengend sein, machen aber auch Spaß.
Geleitet wurde das viertägige Projekt von Daniela le Grand, Erzieherin und Gestaltungstherapeutin. Die Jugendlichen konnten den Kurs entweder als Single oder als Paar absolvieren. Für le Grand ist das Projekt mehr als ein realistischer Test des Elternalltags. „Die Kursteilnehmer lernen sich und ihre Grenzen selber besser kennen und lernen Verantwortung zu übernehmen“, erklärt sie. Auch die Persönlichkeitsentwicklung spiele eine wichtige Rolle. Die Erfahrungen der Jugendlichen waren dabei ganz unterschiedlich, von „völlig gechillt“ bis hin zu Situationen, in denen die Teilnehmer teilweise überfordert waren.
„Es war eine gute Erfahrung“, sagt le Grand. Die Jugendlichen hätten das Elternsein tatsächlich live erlebt, seien mit ihren Aufgaben gewachsen und dabei gleichzeitig an persönliche Grenzen gestoßen.
Zum Kurs gehörten deshalb auch Gespräche über wichtige persönliche und gesellschaftliche Fragen. Verhütung, körperliche Veränderungen während der Schwangerschaft, ungewollte Schwangerschaften sowie Alkohol- und Drogenkonsum während der Schwangerschaft standen ebenso auf dem Programm wie Fragen zu Geburt, Liebe und Sexualität. Bei Sorgen und Nöten konnten sich die Jugendlichen jederzeit an die Kursleiterin wenden.
Unterstützung erhielt das Projekt vom Familienzentrum Neustadt des Kinderschutzbundes sowie von der Schwangerenkonfliktberatung des Kreises Ostholstein. Einen Einblick in den echten Familienalltag bekamen die Jugendlichen beim Besuch der Mutter-Kind-Gruppe der Kirchengemeinde Lensahn. Dort konnten sie ihre Erfahrungen austauschen und mit Müttern über deren Alltag sprechen.
Gerade für die männlichen Teilnehmer veränderte sich dabei offenbar der Blick auf die Rolle der Frau. Frauen hätten „viel Last“ zu tragen und es vielfach schwerer als Männer, berichteten die Jugendlichen. Besonders deutlich wurde ihnen die Dreifachbelastung aus Kind, Haushalt und Beruf.
Das Projekt regte die Jugendlichen auch dazu an, über die eigene Zukunft nachzudenken. Die Aussagen der Teilnehmer bestätigten bei Daniela le Grand den Eindruck, dass ein Kinderwunsch für viele Jugendliche heute nicht mehr höchste Priorität genießt. Stattdessen stehe häufig der Wunsch nach weniger Verantwortung, mehr Freizeit und einem entspannten Leben im Vordergrund.
Genau hier setzt „Eltern auf Probezeit“ an. Die Jugendlichen sollen nicht belehrt werden, sondern durch eigene Erfahrungen erkennen, was Verantwortung bedeutet und welche Veränderungen ein Kind mit sich bringt. Vom ersten „Babygeschrei“ bis zur schlaflosen Nacht konnten sie erleben, dass Elternsein eben nicht nur aus schönen Momenten besteht.
Nach vier Tagen und drei Nächten war der Praxistest schließlich beendet und die Jugendlichen konnten wieder ausschlafen, Sport treiben und Freunde treffen. Zum Abschluss erhielt jeder Teilnehmer ein Zertifikat. Daniela le Grand hofft, dass vor allem eines hängen bleibt: Verantwortung zu übernehmen, die eigenen Grenzen zu kennen und sich bewusst mit den eigenen Wünschen und Entscheidungen auseinanderzusetzen.
Finanziert wurde das Projekt vom Kreis Ostholstein und vom Förderverein der Grund- und Gemeinschaftsschule Lensahn. (mg)



