Pas de problème mit zu kleinen Lettern

Reporter Eutin 12
Buchspende für die Plöner Stadtbücherei: Martine Lestrat (r.) überreichte ein in großer Schrift gedrucktes Exemplar von „Et voilà!“ an Büchereileiterin Gaby Janssen.

Buchspende für die Plöner Stadtbücherei: Martine Lestrat (r.) überreichte ein in großer Schrift gedrucktes Exemplar von „Et voilà!“ an Büchereileiterin Gaby Janssen.

Bild: L. Schneider

Plön (los). Es ist schlecht, wenn man nicht gut sehen kann. Wer gerne Bücher liest, und das auch noch „analog“, hat dann ein Problem. Gut ist daher, wenn Geschriebenes in Großschrift zur Verfügung steht. Doch eher selten entscheiden sich Verlage bei der Produktion aus kalkulatorischen Gründen für solche auch bei einer Sehbeeinträchtigung gut lesbaren Schriften, bedauert die Leiterin der Plöner Stadtbücherei Gaby Janssen. Umso mehr freut sie sich über eine Buchspende der Plönerin Martine Lestrat, die diese Ausgrenzung ebenfalls wahrnimmt, für den Bücherbestand. Denn Lestrats neues Buch „Et voilà!“ ist im Verlag Elvea auch in lesefreundlich-großen Lettern gedruckt sowie als E-Buch erschienen und deshalb ohne Anstrengung lesbar. Ab sofort können die Nutzer es in den Räumen der Stadtbücherei, Krabbe 17, zur Hand nehmen, möglicherweise beim „Silent Reading“-Treffen (immer am dritten Tag eines Monats um 18.30 Uhr) oder beim Krabbe-17-Lesekreis (regelmäßig am 17. eines Monats um 18.30 Uhr) darin schmökern. Oder es für zuhause ausleihen. Lesen: pas de problème mit solchen Lettern. Einsortiert ist es bei den Biografien.

Anders als „Et voilà!“ als Titel andeuten mag, ist das Buch nicht „en français“, sondern in Deutsch geschrieben. Martine Lestrat, deren Heimat Nordfrankreich ist, nimmt aus dem Blickwinkel eigener Erfahrungen die sprachlichen Unterschiede von Deutsch und Französisch „aufs Korn“. Gemäß dieses Sprüchleins aus der deutschen Jägersprache, welches im Übertragenen die Fixierung der Aufmerksamkeit auf Etwas meint, lernen die Leser erlebte Hürden und Stolpersteine der Verständigung kennen. Die können jenseits der Schwierigkeiten wie etwa mit dem Hamburger S-T („s-pitzer S-tein“) zum Beispiel auf den Gegebenheiten des Raumklangs beruhen, welche im Deutschen dann gern in einem höflich erklärenden „Ich hab‘ dich akustisch nicht verstanden!“ gipfeln. Nicht, dass man vielleicht noch Gefahr liefe, als geistig unterbelichtet eingeschätzt zu werden – da baut der Deutsche in seiner Nachfrage mit „akustisch“ lieber gleich vor. Jedoch... Gerade diese Präzision in der Ausdrucksweise habe es ihr angetan, sagt die Autorin. „Ich war begeistert von der Formulierung – das sagen die Franzosen nicht!“

Thema ihres Buches sind auch ältere französische Vokabeln, die irgendwann im deutschen Wortschatz aufgetaucht sind. Stichwort: „Baiser“. Im Deutschen als süßes Eischaumgebäck aus der Konditorei verstanden, handele es sich originär um ein Verb, einen unhöflich-sexistischen Ausdruck derbster Anmache tief unter der Gürtellinie, erfahren die Leser. Auf das Wort sollten deutsche Touristen in Frankreich lieber verzichten, rät Lestrat in dem Wissen, dass eine solche „Baiser“-Bestellung in die sprichwörtlichen Hosen gehen kann. Selbst dann, wenn den deutschen Besuchern in einer französischen Konditorei sprachliche Unzulänglichkeiten und Behäbigkeit im Oberstübchen wohlmeinend zugestanden würden.

Martine Lestrats Liebe zur deutschen Sprache liegt unter anderem deren penible Genauigkeit zugrunde, obwohl zahlreiche Vorsilben ja das Potenzial, zumindest den Ruf haben, Nicht-Muttersprachler zur Verzweiflung zu treiben. Martine Lestrat gerät dagegen eher ins Schwärmen, denkt sie an die den Präfixen zum Verb „schneiden“ anhaftende Bedeutungsvielfalt: Ob zer-, ab-, auf-, durch-, über- oder an-, stets beschreibt die Vorsilbe einen unverwechselbaren Vorgang des Schneidens. Eine Präzision, die sie mit höchster Anerkennung quittiert.

Apropos penibel. Das Wort ist französicher Herkunft (ebenso apropos). „Pénible“ beschreibt ursprünglich einen mühsamen, schmerzlichen beziehungsweise „peinlichen“ Vorgang; wobei die „Pein“ als entsprechendes deutsches Substantiv für Schmerz und Strafe früher im Deutschen gebräuchlich war. Übrig blieb im aktiven Sprachschatz aber die kleinliche,um nicht zu sagen peinliche, Gewissenhaftigkeit, die nunmehr als so etwas wie eine deutsche Tugend gelten mag. Und die hat sich Martine Lestrat nach fast vier Jahrzehnten, die sie in Deutschland lebt, mehr oder weniger proaktiv angeeignet, um in ihren autobiografischen Kurzgeschichten entsprechend penibel ihre Beobachtungen zu schildern. Angereichert sind diese nämlich auch mit Gedanken zu deutschen und französischen Eigenarten und Gepflogenheiten. Manche hat sie übernommen, andere beibehalten oder abgelegt, je nachdem.

Dazu zähle unter anderem der Gebrauch des Frühstücksbrettchens, um darauf das Brötchen durchzuschneiden. „Das ist typisch deutsch“, sagt Lestrat. In Frankreich gebe es sie nämlich nicht, diese Brettchen. Auch störe es dort keinen großen Geist, ein Brötchen auf der Tischdecke aufzuschneiden, sofern man nur auf diese achtgibt. Aber: „Meine Mutter hat das Brot lieber vorgeschnitten“, erzählt sie. Es den Töchtern zu überlassen, schien ihr wohl zu riskant – wegen der Wachstuchtischdecke. „Bei Besuch waren dann die guten Stofftischdecken in Gefahr ...“

Das Thema essen setzt sich in „Et voilà!“ fort in den Bezahl-Bräuchen, die hierzulande beim Restaurantbesuch standardisiert durch „Zusammen oder getrennt?“ vom Service abgefragt werden. Anders läuft‘s in Frankreich: Dort taucht die Frage gar nicht erst auf. „Bei uns bezahlt man immer alles zusammen“, unterstreicht Martine Lestrat, „einer übernimmt – oder wir schmeißen das Geld in die Mitte.“ Sollte man wissen, bevor man einen unnötigen Unfall in der deutsch-französischen Verständigung riskiert. Wobei es im Übrigen die sprachliche Eigenart der Deutschen ist, Unfälle zu „bauen“, wie sie anmerkt, während Franzosen diese in passiv anmutender Weise schlicht „haben“. C‘est la vie ... Vertiefende Informationen dazu bei der nächsten Lesung aus „Et voilà!“ am Donnerstag, 26. Februar, in der Buchhandlung Schneider, Lübecker Straße 18. Telefonische Anmeldung unter 04522-749900. Eintritt: 12 Euro an der Abendkasse.