Das Geheimnis um Waerdighs Dame 134  |  03.04.2021 18:00

Bilder

Plön (los). Das Museum des Kreises Plön, ein unendlicher Fundus. Wir schreiben das Jahr 2021. Dies sind die abenteuerlichen Geschichten aus historischen Räumen, die mit ihrer zwei Mann starken Besatzung dazu einladen, neue Welten zu erforschen.
Den Auftakt der Reihe macht die „Frau beim Schreiben im Kerzenschein“. Das Bild zählt zu den Heimat-Highlights der gleichnamigen aktuellen Sonderausstellung von und mittelbar über die Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde im Kreis Plön. Im Blickpunkt befindet sich der Künstler Domenicus Gottfried Waerdigh, der es gemalt hat.
Die „Frau beim Schreiben im Kerzenschein“ bildet ein Privatleben im 18. Jahrhundert ab: An einem Vorhang vorbei – vielleicht durch eine offene Tür – nimmt der Bildbetrachter eine Dame ins Visier, die im dämmrigen Licht in das (Ab-?)schreiben von Noten vertieft zu sein scheint. In ihrem Leben dürfte nicht nur eine schulische, sondern auch musikalische Ausbildung erfolgt sein, und im Hintergrund sind Regale mit zahlreichen Büchern erkennbar.
Das kleine Gemälde ist mit dem Museumsgebäude enger verbunden, als es oberflächlich betrachtet den Anschein hätte. „Es wurde in Plön gemalt“, erzählt Julia Meyer. Und zwar von Domenicus Gottfried Waerdigh, im gleichen Jahr, als er das Haus kaufte: Im Januar 1766. Die kaum noch sichtbare Ortsmarke Plön vor dem Künstlernamen hat sie auf der Malerei kürzlich ausfindig gemacht, die den Entstehungsort beweist – fast eine kleine Sensation um die kleine Signatur.
Domenicus Gottfried Waerdigh hatte zuvor in Hamburg, aber auch in den Niederlanden gelebt, wo seine „Handschrift“ durch den Malstil der alten Meister geprägt wurde, deren Werke er im übrigen auch kopiert haben soll. Waerdigh habe im Laufe seines Lebens außerdem als Kunsthändler sowie Restaurator gearbeitet, weiß die Kunsthistorikerin.
Ganz nach dem Geschmack der Epoche handele es sich bei der Dame im Kerzenlicht um eine typische Interieur-Darstellung, wie sie seinerzeit beliebt war. Der Künstler hatte sich zu einem der bedeutendsten norddeutschen Porträtmaler entwickelt, er malte Stillleben und Landschaften. Wenige sind davon übrig: „Nur knapp 40 Gemälde von ihm sind in öffentlichen Sammlungen bekannt“, hat Julia Meyer festgestellt.
Des Künstlers Bezüge zu Plön waren professioneller Natur, bevor er selbst zum Plöner wurde. So beauftragte ihn Herzog Friedrich Carl, der als letzter in der Reihe der Plöner Herzöge hier residierte, in den 1740-er Jahren, vier Supraporten für seine herzoglichen Gemächer im Plöner Schloss anzufertigen, Bilder, die oberhalb von Türen angebracht den Raum schmückten. Der Maler gestaltete auf diesen Gemälden die Plöner Residenz aus verschiedenen Richtungen, und malte, wie er die Anlage damals gesehen hat: Einen rotbraun verschlämmten Backsteinbau mit ebenso rotem Ziegeldach. Im Vergleich zu der schneeweißen Erscheinung, die das Schloss mit der gestrichenen Fassade und dunkelanthrazitfarbenem Schieferdach heute ausmacht, wirkte es einer Festung gar nicht unähnlich, optisch schwer, mächtig, massiv und eindrucksvoll. Bisher sind die vier Supraporten die einzigen farbigen Malereien, die das ursprüngliche Aussehen des 1633 bis 1636 errichteten Schlosses abbilden, weiß Julia Meyer.
Möglich, dass der Künstler Waerdigh das repräsentative barocke Palais in der Residenzstadt, wo sein Auftraggeber Friedrich Carl nun gerade fünf Jahre zuvor im Alter von 55 Jahren verstorben war, für sich als Alterssitz passend fand. Noch in der Zwischenzeit, kurz vor und nach dessen Tod 1761 – das Herzogtum fiel mangels männlichem Erben in dem Moment vertragsgemäß an Dänemark - hatten darin noch dessen Mutter Dorothea Christina von Aichelberg und (mindestens) eine der Töchter des Herzogs gelebt. Diese kurze Phase hatte dem Gebäude den Namen Prinzessin-Hof eingebracht. Auch die unbestätigte Bezeichnung Witwenpalais habe sich bis heute gehalten. Und später wurde das Anwesen folgerichtig Waerdighscher Hof genannt.
Verbrieft ist, dass die Prinzessinnen als „Hochfürstliche Plöenische und Hochgräfliche Reventlauische Erben“ der Herzogin Dorothea Christine, die 1762 im Schloss in der Gruft beigesetzt wurde, ihr Wohnhaus am 18. Januar 1766 verkauften. Allerdings nicht an Waerdigh, sondern an den Plöner Gastwirt J. E. G. Rantzau. Der verkaufte die gerade erstandene Immobilie quasi stante pede weiter: Schon drei Tage
später war Dominicus Gottfried Waerdigh neuer Eigentümer. Ein rätselhafter Deal.
Waerdigh sah erst einmal zu, dass die traditionsverhafteten besonderen Konditionen, die für das Haus galten, nicht verfielen. Sie rührten aus der Zeit, als sich das Gebäude noch außerhalb der Stadtmauern befunden hatte (Plön war inzwischen Richtung Nordwesten durch die Johannis- und die Hans-Adolf-Straße erweitert worden). Und so beantragte der Künstler am 23. Mai 1766 bei König Christian VII eine Bestätigung der dem „... Hause anklebenden Freyheiten, Exemtionen, Privilegien und Immunitäten“.
Nach dem Tod des Herzogs war die Klärung solcher landesherrlichen Angelegenheiten König Christians Job. Waerdigh kam mit seinem Anliegen sogar durch: Nach längerer Bearbeitungszeit habe sich die königliche Rentekammer bereiterklärt, die Privilegien des Hauses zu bestätigen, wodurch sie gültig blieben, erläutert Julia Meyer.
Waerdigh war zum Kaufzeitpunkt kein junger Mann: Dominicus’ Taufjahr ist mit 1702 angegeben (er erhielt diese im Hamburger Michel). So war er vermutlich 64 Jahre alt, als er sein Plöner Haus erwarb. Er wird hohes Ansehen genossen haben, dafür spricht der Ort der Bestattung: Beigesetzt worden ist der Maler 1789 gegenüber in der Johanniskirche, linker Hand in Altarnähe, „unter dem vorderen Mannsstuhl“, nennt Julia Meyer ein Quellenzitat von Jahrbuchautor Alfons Galette im Jahrbuch 11, einem ausführlichen „Heimat-Highlight“ der aktuellen Ausstellung.
Über die Künstler-Ehe gibt es nur vage Informationen. Sie deuten darauf hin, dass Waerdighs Frau vor ihm verschieden sein könnte, genaueres ist bislang nicht bekannt.
Zumindest nach dem Umzug nach Plön könnte Frau Waerdigh aber noch gelebt haben, meint Julia Meyer, wenn auch ein stützender Beweis fehlt. Aber die letztlich unbenannte „Frau beim Schreiben im Kerzenschein“, die der Künstler relativ kurz nach seinem Umzug nach Plön abbildete, habe Ähnlichkeit mit einer Frau auf einem anderen Gemälde, das zwei Jahre später von ihm gemalt wurde, 1768. Das Original hängt zwar im Museum für Hamburgische Geschichte. Doch Julia Meyer hat ein Info-Stoffbanner in der Eingangshalle des Plöner Museums hängen, auf dem eine Reproduktion dieses „Selbstbildnis Domenicus Gottfried Waerdigh mit Frau 1768“ zu sehen ist. Interessierte können also beide Damen beim Museumsbesuch bequem vergleichen. Zudem informiert das Plakat über die Historie des Plöner Museums. Und dazu zeigt das abgedruckte Waerdigh-Bild ein besonders spannendes Detail: Das präzise Abbild seines Hauses, des heutigen Museums, als „Bild im Bild“.
Diese kleine aber bedeutsame Einzeldarstellung des Gebäudes, das er 1766 erwarb, erlaubt einen bislang einzigartigen Blick in die Vergangenheit und lässt erahnen, wie das im Rokoko überformte barocke Palais, das zum Kaufzeitpunkt ja noch relativ frisch überholt war, zu Waerdighs Zeit überhaupt ausgesehen hat. Und es ist die älteste Malerei, die das Gebäude darstellt, sieht man von einer Plöner Stadtansicht des Jahrs 1553 von Braun und Hogenberg ab. Sie bildeten damals eine gotische Architektur mit Treppengiebel ab, die rund 50 Jahre später in der Zeit des Barock, fast zeitgleich zum Schlossbau umgestaltet und deutlich vergrößert wurde. Weitere Umbaumaßnahmen im Rokoko (auch das Dach betreffend, da sonst die Höhe des Rokokosaals nicht hätte erreicht werden können) formten es so um, wie das kleine „Bild im Bild“ es sichtbar gemacht hat.
Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass es sich bei den zwei abgebildeten Frauen um Waerdighs Ehefrau handelt, die dem Künstler da über die Schulter schaut, und die auf dem anderen Bild im Lichtkegel einer Kerze eine Schreibarbeit erledigt. Das von Ulrich Thieme und Felix Becker begründete „Allgemeine Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart“ erwähnt nicht nur ihn, sondern auch sie: „Seine Frau Catharina Elsabe malte ebenfalls“, heißt es da. „Gesellschaftsstücke, Stilleben, Kücheninterieurs“ soll die begabte Frau erschaffen haben. Durchaus denkbar, dass Waerdighs Gattin ihren Mann in seiner Arbeit unterstützt hat, mutmaßt Julia Meyer mit Blick auf die zum Teil doch etwas unterschiedliche Pinselführung bei Waerdighs Bildern. Denn obwohl Frauen in der Kunst früher selten bis gar keinen Ruhm einheimsten oder überhaupt Erwähnung fanden, hat es die weiblichen künstlerisch Tätigen durchaus gegeben. Ob das bei den Waerdighs so war, wäre ein spannendes Forschungsprojekt und künftiges Jahrbuch-Thema, findet Julia Meyer. Dominicus hat seine Catharina Elsabe Peterßen im Jahr 1734 in Hamburg geheiratet.
Im Museum sind verschiedene Ausgaben der vergangenen Jahrgänge für Interessierte übrigens noch erhältlich. Und nicht nur in Corona-Zeiten ist ein Ausflug in den Hort der Heimatkunde das richtige Programm, seigenen Horizont zu erweitern: Hintergrund der Heimat-Highlights war das 50-jährige Jubiläum des kreisweit aktiven Vereins in 2020.
Der Kern der AG Heimatkunde ist seit 1970 die Herausgabe eines Jahrbuchs mit Beiträgen zu heimatkundlichen Themen. In der Sonderausstellung sind die Exponate den Beitragsinhalten zugeordnet und weisen direkt auf die Autoren, ihre Aufsätze, Jahrgang und Seitenzahl. Das Plöner Museum hat die Ausstellung bis 6. Juni 2021 verlängert und der Rokokosaal kann (im Rahmen jeweils geltender Corona-Regelungen) als Lesesaal zum Schmökern in den Jahrbuch-Aufsätzen genutzt werden. Die „Frau beim Schreiben im Kerzenschein“ ist in der Ausstellung dem Jahrbuch 11, 1981, und dem Aufsatz „Zur Geschichte der Alten Apotheke in Plön“ (7. Teil) von Dr. Alfons Galette zugeordnet, der damals umfangreich recherchiert und Quellen ausgewertet hatte.