

Eutin (t). In der letzten Februrwoche erlebten 140 Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Bildungsgängen der Beruflichen Schule in Eutin ein eindrucksvolles Gespräch mit Maik Scheffler, einem ehemaligen Mitglied der rechtsextremen Szene. Scheffler sprach offen über seinen Werdegang, seine Erfahrungen und den langen Weg aus der extremistischen Ideologie. Julia Kraft, Organisatorin und Fachschaftsvorsitzende Gemeinschaftskunde berichtet von der Veranstaltung:
Maik Scheffler strahlt Ruhe und Ausgeglichenheit aus. Seine Stimme zieht sofort die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf sich. Mit seiner Ausstrahlung gelingt es ihm, die Zuhörerschaft bereits beim ersten Blick zu erreichen. Maik Scheffler ist 51 Jahre alt und aus der Nähe von Leipzig, war 15 Jahre lang in der rechten Szene aktiv, nicht nur politisch in der NPD, sondern auch als rechtsextremer Kameradschaftsführer.
Scheffler teilte zunächst seine Erfahrungen und die Unterstützung, die er durch die Organisation Exit erhielt. „Allein kommt man da nur schwer raus“, betont er. Exit hilft Aussteigern, den Weg in ein neues Leben zu finden. „Es gibt keinen, der einen einfach ‚rausholen‘ kann“, erklärt er. Der Ausstieg sei ein individueller Prozess, vergleichbar mit dem Bild einer Tür, durch die jeder selbst gehen müsse.
Im weiteren Verlauf definierte Scheffler den Begriff Extremismus und führte aus, dass es in Deutschland etwa 50.000 Rechtsextreme gibt. Er stellte klar, dass Extremismus sich von Radikalismus abgrenzt. Rechtsradikal bezeichnet er als eine ausgrenzende Haltung, bei der Menschen vorschnell urteilen und Sprüche raushauen, ohne die Fakten zu kennen. Rechtsextremismus hingegen sei weitergehend: „Hier schließen sich Menschen Organisationen an und verfolgen ein aktives, aggressives Vorgehen, das nicht nur aus Reden besteht, sondern auch Gewalt beinhaltet – Menschen verschwinden lassen, angreifen, töten.“
Scheffler zog Parallelen zu anderen extremistischen Strömungen, insbesondere dem Linksextremismus und dem islamistischen Extremismus. Er betonte, dass sich links-extreme und rechtsextreme Ideologien gegenseitig bedingen. „Vor allem der Links-extremismus ist ein ständiges Thema, das oft übersehen wird“, so Scheffler.
Maik Scheffler berichtete von seinem eigenen Werdegang. 15 Jahre lang war er Rechtsextremist, obwohl er aus einer gut situierten Akademikerfamilie stammt. „Ich bin bewusst eingestiegen“, gestand er. Über einen Jugendclub – das soziale Netzwerk der 90er Jahre – fand er seinen Weg in die Szene.
Sein Berufswunsch, Bundespolizist zu werden, scheiterte an seiner eigenen Faulheit. „Mein Vater wollte, dass ich eine Ausbildung zum Maler- und Fußbodenleger mache. Das führte zu Frust, den ich in meiner Freizeit auslebte.“ Scheffler schilderte, wie er im Jugendclub rekrutiert und nach einem strukturierten, systematischen Schneeballprinzip radikalisiert wurde. „Das apokalyptische Gerede, eine Welterklärung ohne Zukunft, führte dazu, dass ich Angst vor der Zukunft entwickelte und immer aggressiver wurde“, erklärte er.
Er nutzte sogar die christliche Religion als Argument, um gegen Islamismus und Kommunismus zu kämpfen, obwohl er selbst nicht religiös war. „Das führte zu einem Gefühl der Distanz, ich trat in eine Kameradschaft ein und später in die NPD ein“, berichtete er weiter.
Scheffler wurde stellvertretender Parteichef in Sachsen, baute den Sicherheitsdienst in Deutschland auf und organisierte Straßenschlachten. „Der Bruch mit meiner Familie und meiner Frau war schmerzhaft“, gestand er. Auslöser für seinen Ausstieg waren menschliche Enttäuschungen durch vermeintliche Kameraden und ein tiefes Hinterfragen seines Handelns.
Sein Ausstiegsprozess bis 2015 dauerte dreieinhalb Jahre. „Es ist nicht einfach, die ‚braune Jacke‘ einfach auszuziehen. Mitglied in der rechtsextremen Szene zu sein, ist keine Jugendsünde oder Meinung, sondern man muss komplett mit der Ideologie brechen und seine Weltanschauung ändern.“ Er schilderte, wie schwer es war, aufzuhören, da jeder ihn kannte, er keine Arbeit und keine Freunde hatte.
Im Anschluss an seine 40minütige Präsentation hatten die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, eine Vielzahl von Fragen zu stellen. Sie interessierten sich unter anderem dafür, was das Schrecklichste war, das Maik Scheffler je getan hat, und warum er letztendlich aus der rechten Szene ausgestiegen ist. Zudem wollten sie wissen, welches spezifische Ereignis zu seinem Bruch mit dieser Szene führte. Eine weitere Frage betraf die Maßnahmen, die man ergreifen kann, wenn ein Freund oder ein Familienmitglied in die rechte Szene abdriftet. Die Schülerinnen und Schüler erkundigten sich auch nach den Parallelen, die er zwischen der AfD und der NPD sieht, und schließlich wollten sie wissen, wie stabil er die Demokratie einschätzt. Scheffler beantwortete alle Fragen ausführlich und betonte mehrfach die Notwendigkeit, Haltung zu zeigen und für die Demokratie einzustehen. Er wies darauf hin, dass unsere Demokratie auf mehreren Ebenen vor Herausforderungen steht, das Grundprinzip der Demokratie jedoch sehr stabil ist. „Wir – die Mehrheit der Mitte – müssen wieder lauter werden, damit die wenigen Stimmen der Extremen nicht so großen Einfluss haben“, schloss er.
Das Gespräch hinterließ einen bleibenden Eindruck und verdeutlichte die Wichtigkeit von Aufklärung und Dialog im Kampf gegen Extremismus. Die Berufliche Schule in Eutin, als Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, plant, weitere Veranstaltungen dieser Art zu organisieren, um das Bewusstsein für diese Themen zu schärfen und einen Raum für offene Kommunikation zu schaffen.


