Die Vaterländische Rede 2026 der Neustädter Schützengilde
Hans-Erwin Jaekel sprach beim Vogelschießen der Neustädter Schützengilde zum Thema „Brauchen wir einander? - Was kann der Einzelne dazu beitragen?“
Liebe Majestät,
liebe Schützenschwestern und Schützenbrüder,
verehrte Gäste,
wenn wir heute hier zusammenkommen, in den Reihen unserer traditionsreichen Neustädter Schützengilde von 1244, dann tun wir das nicht nur aus Gewohnheit oder wegen eines schönen Brauchtums. Nein - wir stehen heute in einer Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten getragen wird von Menschen, die verstanden haben, dass Zusammenhalt kein leeres Wort ist.
Seit dem Jahr 1244 haben Generationen vor uns diese Gilde getragen. Menschen mit Hoffnungen, Sorgen, Familien, Pflichten und Träumen. Menschen, die schwere Zeiten erlebt haben: Kriege, Hunger, politische Umbrüche, wirtschaftliche Not und persönliche Verluste. Und trotzdem haben sie eines nie aufgegeben:
Den Glauben daran, dass eine Gemeinschaft stärker ist als der Einzelne allein. Und deshalb stellen wir uns heute eine Frage, die aktueller kaum sein könnte:
Brauchen wir einander überhaupt noch?
In einer Zeit moderner Technik, künstlicher Intelligenz und weltweiter Vernetzung. In einer Zeit, in der jeder alles selbst bestimmen möchte. In einer Zeit, in der Individualität oft wichtiger erscheint als Gemeinschaft. Brauchen wir da noch Vereine? Brauchen wir noch Nachbarschaft? Brauchen wir noch Traditionen? Brauchen wir noch Menschen, die füreinander einstehen?
Meine Antwort darauf lautet aus tiefster Überzeugung: Ja. Mehr denn je.
Denn obwohl wir heute ständig miteinander verbunden scheinen, erleben viele Menschen zugleich eine zunehmende Einsamkeit. Man kann innerhalb weniger Sekunden Nachrichten um die ganze Welt schicken - und dennoch fehlt oft das persönliche Gespräch. Man kennt hunderte Kontakte im Internet, aber kaum noch den Menschen, der nebenan wohnt. Wir leben in einer Zeit großer Möglichkeiten. Aber auch in einer Zeit wachsender Unsicherheit. Viele Menschen fragen sich: Wo gehöre ich eigentlich hin? Wer steht zu mir? Wem kann ich vertrauen?
Gerade deshalb wird Gemeinschaft wieder kostbar. Und genau hier liegt die Bedeutung einer Schützengilde wie der unseren. Denn eine Gilde ist weit mehr als ein Verein. Sie ist Heimat. Sie ist Begegnung. Sie ist Erinnerung und Zukunft zugleich.
Hier begegnen sich Menschen verschiedener Generationen. Junge und Alte. Menschen mit unterschiedlichen Berufen, unterschiedlichen Lebenswegen und unterschiedlichen Erfahrungen.
Und dennoch verbindet uns etwas: Der Respekt voreinander. Die Verlässlichkeit. Das gemeinsame Wort. Die Bereitschaft, füreinander einzustehen. Das sind keine alten Begriffe aus vergangenen Jahrhunderten. Das sind Werte, die unsere Gesellschaft heute dringender braucht denn je. Denn ein Land lebt nicht allein von Wirtschaftskraft. Nicht allein von Politik. Nicht allein von Gesetzen.
Ein Land lebt davon, ob Menschen bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Heimat entsteht nicht einfach durch Grenzen auf einer Landkarte. Heimat entsteht dort, wo Menschen sich gegenseitig tragen. Und deshalb lautet die entscheidende Frage nicht nur: „Brauchen wir einander?“
Die eigentliche Frage lautet: „Was bin ich selbst bereit, für die Gemeinschaft zu tun?“ Denn Gemeinschaft funktioniert niemals von allein. Sie lebt davon, dass Menschen sich einbringen. Dass Menschen Verantwortung übernehmen. Dass Menschen nicht nur fragen: „Was bekomme ich?“ sondern auch: „Was kann ich geben?“ Und jeder einzelne Mensch kann dazu beitragen. Nicht jeder muss Großes leisten. Nicht jeder muss im Mittelpunkt stehen. Aber jeder Mensch kann etwas tun. Vielleicht durch ehrenamtliche Arbeit. Vielleicht durch Hilfe für einen Nachbarn. Vielleicht durch ein offenes Ohr. Vielleicht durch Geduld. Vielleicht einfach durch Verlässlichkeit.
Oft sind es gerade die kleinen Dinge, die eine Gemeinschaft stark machen. Ein freundliches Wort. Ein Besuch bei einem kranken Menschen. Ein Angebot zur Hilfe. Das Gefühl: „Du bist nicht allein.“ Das alles kostet manchmal nur wenige Minuten. Aber für andere Menschen kann es unbezahlbar sein. Gerade das Ehrenamt zeigt bis heute, wie stark unser Gemeinwesen eigentlich ist. Menschen investieren Zeit, Kraft und Herzblut – nicht für persönlichen Gewinn, sondern weil sie wissen: Wenn niemand mehr Verantwortung übernimmt, zerfällt jede Gemeinschaft.
Das gilt für Feuerwehren. Für Sportvereine. Für soziale Einrichtungen. Und genauso für unsere Schützengilden. Auch unsere Gilde lebt nicht von Gebäuden oder Traditionen allein. Sie lebt von Menschen. Von Menschen, die bereit sind mitzumachen. Von Menschen, die Aufgaben übernehmen. Von Menschen, die Verantwortung tragen. Und genau das verdient Respekt. Denn Verantwortung zu übernehmen ist heute nicht selbstverständlich. Wir leben in einer Zeit, in der viele lieber kritisieren als mitarbeiten. Viele möchten mitreden – aber immer weniger möchten mit anpacken. Doch eine Gesellschaft kann nicht funktionieren, wenn jeder nur Zuschauer sein will. Demokratie lebt vom Mitmachen. Gemeinschaft lebt vom Mittragen. Und Freiheit lebt von Verantwortung. Denn Freiheit bedeutet nicht nur, Rechte zu besitzen. Freiheit bedeutet auch Verpflichtung. Verpflichtung gegenüber der Familie. Verpflichtung gegenüber der Nachbarschaft. Verpflichtung gegenüber unserer Stadt. Und Verpflichtung gegenüber unserem Land.
Gerade wir Deutschen wissen aus unserer Geschichte, wie wichtig Zusammenhalt und Verantwortung sind. Unsere Vorfahren haben dieses Land nicht geschenkt bekommen. Sie haben Städte aufgebaut, Gemeinschaften gegründet, Krisen überstanden und Werte bewahrt. Auch die Neustädter Schützengilde von 1244 ist dafür ein lebendiges Zeichen. Über viele Jahrhunderte hinweg haben Menschen hier Verantwortung übernommen. Sie haben Traditionen bewahrt und gleichzeitig immer wieder den Blick nach vorne gerichtet. Und genau das ist der richtige Weg. Tradition darf niemals Stillstand bedeuten. Tradition bedeutet nicht, nur zurückzuschauen. Tradition bedeutet, Werte weiterzugeben. Mut. Pflichtbewusstsein. Respekt. Treue. Zusammenhalt. Und vor allem den Willen, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen.
Gerade junge Menschen brauchen heute Orte, an denen sie erleben können, dass Gemeinschaft funktioniert. Orte, an denen sie Anerkennung finden. Orte, an denen sie Verantwortung lernen. Orte, an denen sie erleben, dass Leistung, Kameradschaft und Verlässlichkeit zählen. Unsere Vereine und Gilden leisten dafür einen unschätzbaren Beitrag. Denn dort lernen Menschen etwas, das keine App und keine digitale Welt ersetzen kann: Menschliche Nähe.
Und vielleicht ist genau das eine der größten Aufgaben unserer Zeit: Wieder mehr miteinander zu reden. Wieder mehr zuzuhören. Wieder mehr füreinander da zu sein. Denn vieles, was unsere Gesellschaft heute belastet, entsteht dort, wo Menschen sich nicht mehr gesehen fühlen. Wo Vertrauen verloren geht. Wo nur noch gestritten wird. Wo Menschen nur noch in Gruppen und Gegensätzen denken. Aber Gemeinschaft bedeutet etwas anderes. Gemeinschaft bedeutet nicht, dass alle gleich denken müssen. Gemeinschaft bedeutet, trotz unterschiedlicher Meinungen miteinander verbunden zu bleiben. Respekt voreinander zu haben. Und gerade darin liegt Stärke.
Liebe Schützenschwestern und Schützenbrüder, wir dürfen nicht zulassen, dass Gleichgültigkeit unsere Gesellschaft bestimmt. Denn Gleichgültigkeit zerstört langsam das, was Generationen aufgebaut haben. Eine starke Gemeinschaft entsteht nicht von allein. Sie entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Und Verantwortung beginnt nicht in Berlin oder Brüssel. Sie beginnt hier. In unseren Familien. In unserer Nachbarschaft. In unseren Vereinen. In unserer Stadt Neustadt. Und auch hier in unserer traditionsreichen Gilde. Wenn wir dort Zusammenhalt leben, dann stärken wir auch unser Land. Denn ein starkes Land entsteht immer aus starken Gemeinschaften.
Vielleicht darf ich an dieser Stelle auch etwas Persönliches hinzufügen. Viele Jahre lang durfte ich Verantwortung tragen. Männer und Frauen der Feuerwehr haben auf mich gehört. Gemeinsam haben wir Einsätze bewältigt, schwierige Entscheidungen getroffen und oft unter großem Druck gehandelt. Doch je länger man Verantwortung trägt, desto klarer erkennt man auch eine Wahrheit: Kein Mensch schafft etwas allein. Ich habe die Menschen gebraucht, die mit mir gegangen sind. Ich habe Kameradschaft gebraucht. Ich habe Vertrauen gebraucht. Ich habe Menschen gebraucht, die Verantwortung mitgetragen haben.
Denn Führung bedeutet nicht, allein voranzugehen. Führung bedeutet, Menschen mitzunehmen. Damals habe ich oft gesagt: „Wo ich bin, ist vorne.“ Heute sage ich mit Dankbarkeit und Lebenserfahrung: Ich bin gerne auch dort, wo alle anderen sind. Denn Gemeinschaft bedeutet nicht, immer an der Spitze zu stehen. Gemeinschaft bedeutet, miteinander zu gehen. Einander zu stärken. Einander zu vertrauen. Und zu wissen, dass jeder Mensch seinen Platz und seinen Wert hat. Gerade darin liegt die wahre Stärke unseres Zusammenhalts.
Und vielleicht ist das am Ende die wichtigste Erkenntnis: Wir brauchen einander nicht erst in Krisenzeiten. Wir brauchen einander jeden Tag. Denn niemand kann allein Heimat schaffen. Niemand kann allein Vertrauen aufbauen. Niemand kann allein Zukunft gestalten. Aber gemeinsam können wir vieles erreichen. Wenn wir zuhören. Wenn wir Verantwortung übernehmen. Wenn wir Respekt bewahren. Und wenn wir das Verbindende stärker machen als das Trennende. Dann bleibt unsere Gemeinschaft lebendig. Dann bleibt auch unsere Gilde lebendig. Und dann wird auch die nächste Generation sagen können: Ja - wir brauchen einander. Und jeder Einzelne kann einen Unterschied machen.
Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit.
Wir trinken auf das Wohl der Neustädter Schützengilde.
Hans-Erwin Jaekel
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