Petra Remshardt

Ab jetzt ist positive Männlichkeit gefragt! Jede dritte Frau erlebt Gewalt - Männer, wir müssen reden!

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Gleichstellungsbeauftragte Natalia von Levetzow zur Plakataktion „Männlichkeit entscheidest du“, die in Neustadt zurzeit zu sehen ist: An den Durchgangsstraßen hängen Plakate und auf der Querungsdiagonalen des Marktplatzes sind Bodenaufkleber angebracht.

Gleichstellungsbeauftragte Natalia von Levetzow zur Plakataktion „Männlichkeit entscheidest du“, die in Neustadt zurzeit zu sehen ist: An den Durchgangsstraßen hängen Plakate und auf der Querungsdiagonalen des Marktplatzes sind Bodenaufkleber angebracht.

Foto: (Foto: S. Westen Stadt Neustadt)

Neustadt in Holstein. Damit startet in Schleswig-Holstein eine einzigartige Kampagne. Mit der klaren Aufforderung „Männlichkeit entscheidest Du“ werden alle Männer in Schleswig-Holstein aufgefordert, veraltete Männlichkeitsbilder über Bord zu werfen und selbstbewusst mit positiver Männlichkeit umzugehen.
Entlang der Hauptstraßen von Neustadt sieht man in diesen Tagen Plakate, auf denen Männer sich deutlich mit der Haltung „Keine Gewalt gegen Frauen“ und für eine selbstbewusste, moderne Männlichkeit stark machen. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Neustadt, Natalia von Levetzow, hat diese Kampagne in die Stadt geholt. „Gerade jetzt ist es wichtig, auf das Thema aufmerksam zu machen. Gewalt an Frauen ist während der Pandemie signifikant angestiegen“, berichtet die Gleichstellungsbeauftragte.
Das Projekt wird von der Neustädter Beratungsstelle „Frauenberatung und Notruf Ostholstein e.V.“ begleitet. Natalia von Levetzow freut sich über die gemeinsame Aktion: „Die Plakate sind ein toller Anstoß, das Thema häusliche Gewalt aus der Tabu-Zone zu holen und Impulse für ein neues Denken über Männlichkeit zu geben“. Bürgermeister Mirko Spieckermann steht voll und ganz hinter dieser Aktion: „Gewalt gegen Frauen ist ganz schön schwach und hat nichts mit Männlichkeit zu tun. Ich freue mich, dass wir als Stadt Neustadt mit der Kampagne ein deutliches Zeichen setzen, dass wir Gewalt nicht tolerieren“.
Maeve Reichel, Diplompsychologin beim Frauennotruf Ostholstein e.V., erfährt täglich, in welchem Ausmaß Frauen Gewalt erleben müssen und wie lange es dauert, bis sie sich Hilfe suchen. Die psychischen Belastungen haben in der Pandemie stark zugenommen. Es ist schwieriger geworden, sich von einem gewalttätigen Partner zu trennen. „Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist inakzeptabel. Das steht heutzutage weitgehend außer Frage“, erläutert Maeve Reichel den Gedanken hinter der Kampagne und „Warum gibt es trotz der geringen öffentlichen Akzeptanz so viele betroffene Frauen“?
Der Landesverband Frauenberatung Schleswig-Holstein e.V. hat sich darüber gemeinsam mit Männern aus Schleswig-Holstein Gedanken gemacht und eine Kampagne produziert, die mit stereotyper Männlichkeit aufräumt. „Wir können nicht über Gewalt gegen Frauen sprechen, ohne Männlichkeit zu thematisieren“, sagt Fabian Lamp, der sich als einer der ersten auf den Kampagnenaufruf meldete. Der 43-jährige Kieler war sofort begeistert von der Idee, dass Männer andere Männer ansprechen: „Die Diskussion betrifft alle Männer. Hier geht es um uns, wir sind jetzt dran, Männlichkeit neu zu besetzen und uns klar zu positionieren“. Auch für Endrit, 21, war es keine Frage, sich zu beteiligen: „Jeder kennt doch das Geprahle über vermeintliche „Eroberungen“, wenn Männer unter sich sind. Da folgt oft einem abwertenden Spruch der nächste. Respekt gegenüber Frauen bedeutet für mich, sie als gleichwertiges Gegenüber wahrzunehmen. Ich würde ja auch nicht wollen, dass man so über meine Schwester spricht“. Jens, 56, schließt sich ihnen an: „Genau, jeder von uns kennt diese Sprüche über Frauen aus dem eigenen Umfeld, sei es in den Sportumkleiden oder auch in den sozialen Medien. Wichtig ist mir, dass Männer reflektieren, welche Rolle sie sich selbst und Frauen damit zuschreiben. Gewalt ist nur das Ergebnis einer Kultur, die wir jetzt hinter uns lassen müssen“.
Entstanden ist die Kampagnenidee aus den Erfahrungen der Frauennotrufe in Schleswig-Holstein und Hamburg. Immer wieder ist bei den betroffenen Frauen nicht nur die physische Gewalt Thema, sondern auch das dahinterstehende Männlichkeitsbild: „Die Vorstellung, dass ein Mann männlich ist, wenn er die Kontrolle und Oberhand über andere behält, ist noch immer weit verbreitet. Stark, potent und mächtig - diese sogenannte toxische Männlichkeit ist die Wurzel für Abwertung, Sexismus und letztlich körperliche Gewalt gegen Frauen“, sagt Katharina Wulf, Geschäftsführung des LFSH. „Wenn es Männern gelingt, sich von falsch gelebter Männlichkeit zu emanzipieren, haben wir auch für Frauen viel gewonnen“.
Mehr Informationen über die Kampagne auf: www.ab-jetzt.org. Sie wird finanziert vom Ministerium für Justiz, Europa, Verbraucherschutz und Gleichstellung. Ministerin Sütterlin-Waack unterstreicht die Bedeutung: „Gerade jetzt ist es wichtig, so früh wie möglich Kontakt zu den Beratungsstellen aufzunehmen, um Gewalt verhindern oder beenden zu können“.
Frauen, die von Gewalt betroffen sind, ihre Angehörigen, Freundinnen und Freunde finden Hilfe und Rat vor Ort bei der Beratungsstelle Frauenberatung und Notruf Ostholstein e.V. in Neustadt unter Tel. 04561/9197. Zudem bietet das Hilfetelefon unter der Nummer 08000 116016 kostenlose Beratung und Unterstützung in 17 Sprachen. Die Telefon-Hotline steht 24 Stunden an 7 Tagen der Woche zur Verfügung. Alle Beratungen erfolgen auf Wunsch anonym. (red)


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