Ireen Nussbaum

Menschen erzählen ihre Geschichte -Heidetraud Helene Zierl - eine politische DDR-Gefangene

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Sierksdorf. Warum ich? Eine Frage, die sich Heidetraud Helene Zierl auch heute, nach über drei Jahrzehnten Überlebenskampf in Ost und West stellt. Ihre Sehnsucht nach Freiheit wurde ihr zum Verhängnis.
 
Die Thüringerin wurde am 21. September 1948 in Heiligenstadt in ärmlichen Verhältnissen geboren. Bereits als junges Mädchen wurde ihre Stasiakte angelegt. Eine Akte die heute 5.000 Seiten hervorbringt. Der Grund: Die Flucht ihres 18-jährigen Bruders Franz in den Westen.
 
Heidetraud Zierl wurde mit den Jahren bewusst, wie eingesperrt die Bürger hinter den Mauern im Arbeiter- und Bauernstaat gewesen sind. Sie begann zu rebellieren, war nicht konform mit der Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) und schloss sich der oppositionellen Rockgruppe „Junge Talente“ an. Ihre Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit machte ihr das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) unerträglich. Die junge Frau wollte in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) ausreisen und stellte erste Anträge, die auf Ablehnung stießen. Ein geplanter Fluchtversuch scheiterte. Vorgetäuschte Anschuldigungen und erzwungene Falschaussagen machten die Ausreisewillige über Nacht zu einer politischen Gefangenen, die in der ehemaligen DDR offiziell als Kriminelle geführt wurde. Sie wurde unschuldig vom Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) in die Enge getrieben und unter Druck gesetzt. „Ich sollte meine Kinder zur Adoption freigeben“, erinnerte sie sich.
 
Die Festnahme Anfang der 80er wurde mit einer „Herabwürdigung des Staates“ und dem „Schutz eines politisch Verfolgten“ begründet.
 
Zunächst in die Untersuchungshaft nach Erfurt gebracht und schließlich in das Frauengefängnis Hoheneck in Stollberg/Erzgebirge inhaftiert. „Für mich begann die Hölle meines Lebens. Das Frauenzuchthaus war das Gefängnis, indem die Stasi ihre Feinde quälte“, so Heidetraud Zierl. Es war eine Zeit der Menschenverachtung, Hoffnungslosigkeit und Todesangst. Schläge und körperliche Misshandlungen bestimmten ihren Tagesablauf. „Jede Tätigkeit der Wachmänner grenzte an ein Tötungsdelikt“, zeigte sich die damalige Gefangene 33 empört. Sie ergänzte: „Wie eingesperrte Tiere wurden wir gehalten. Schlechte Verpflegung und dreckiges Wasser führten nicht selten zur krankhaften Abmagerung der Inhaftierten. Schreie, Angst und Verzweiflung erfüllten die Gemäuer und der Geruch nach Tod durchzog die Gänge. Hier war ein Leben nichts wert. Trotz der Schläge, Tritte, Schikane, Demütigungen und Folterungen wollte ich nicht aufgeben. Ich wollte zu meinen Söhnen René und André. Ich entwickelte eine enorme Wut und Willenskraft, die mit Isolationshaft, Dunkelzelle und Zwangsarbeit bestraft wurden.“
 
Im März 1983 erfolgte die langersehnte Freilassung. In Zusammenarbeit mit dem DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel wurde sie nach langen Bemühungen von der Bundesregierung freigekauft und auf Bewährung ins thüringische Nordhausen entlassen. Heidetraud Zierl bekam ihre Kinder zurück. Als Erziehungsmaßnahme wurde sie zur Zwangsarbeit in Nordhausen verpflichtet. Nebenbei plante sie einen weiteren Fluchtversuch, bis sie und ihre Söhne letztendlich im Juni 1984 den ersten Zug nach Berlin nahmen. Versteckt auf der Zugtoilette fuhr die ständige Angst mit. „Hinter Wernigerode wagte ich mich mit meinen Kindern in das Zugabteil. Der Schaffner war ein guter Freund meines Bekannten in Nordhausen. Glücklich am Bahnhof Alexanderplatz angekommen, hieß es nur noch Richtung Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin“, berichtete Heidetraud Zierl.
 
Nach drei Tagen voller Ungewissheit erhielten sie den positiven Bescheid, ausreisen zu dürfen. Ihre gewonnene Freiheit trübte jedoch schnell, denn der Status des politischen Häftlings wurde ihr aberkannt, was zu Rückforderungen und Streichungen von Wohngeld, Sozialhilfe und Renten führte. Mit unterschiedlichsten Jobs hielt sich die Kämpferin über Wasser, von der Kellnerin über Kinderkrankenschwester bis hin zur Privatdetektivin oder Hausmeisterin.
 
Heute hat Heidetraud Helene Zierl ihren inneren Frieden gefunden und ihr Schicksal in ihrem Buch „Politische Gefangene in der DDR - Von der Stasi kriminialisert“ verarbeitet. Doch ihre physischen und psychischen Narben sowie ihre Erinnerungen an die schlimmste Zeit ihres Lebens werden bleiben. Um solche Grausamkeiten nicht in Vergangenheit geraten zu lassen, geht sie als Zeitzeugnin an Schulen und berichtet von ihrer Vergangenheit.
 
Kennen Sie jemanden mit einer besonderen Geschichte oder haben Sie vielleicht selber eine zu erzählen? Dann lassen Sie uns und unsere Leser teilhaben und melden sich gerne bei unserer Redaktion unter Tel. 04561/5170-0 oder per Mail unter redaktion@der-reporter.de. Fotos senden Sie uns bitte zum Abdruck zu, per E-Mail oder auf dem Postweg an: der reporter, Hochtorstraße 19, 23730 Neustadt zu. Herzlichen Dank. (inu)

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