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Reporter Eutin

Restaurationsprojekt „Bilderbibel“ biegt auf die Zielgerade ein

Preetz (los). 139 Tafeln umfasst die Bilderbibel in der Preetzer Klosterkirche. Sieben davon haben die Berliner Restauratorin Katharina Martinelli und ihr Team Ende Juli 2023 wieder fit für die Zukunft gemacht. Ermöglicht wird die Erhaltung der Gemälde durch die Gesellschaft der Freunde des Klosters Preetz als Förderverein. Mit Hilfe von Spenden konnte der Kunstschatz im Nonnengestühl in den vergangenen Jahren Loge für Loge abschnittsweise restauriert werden, so wie die Mittel es hergaben.

 


An der Bilderbibel nagte der Zahn der Zeit. 2012 startete das Erhaltungsprojekt. „Nur die Westseite war damals bereits fertig restauriert“, berichtet Diplom-Restauratorin Katharina Martinelli, Leiterin des Ateliers Roeck Restaurierung in Berlin, die seit damals mit ihrem Team an den Gemälden gearbeitet hat. Jetzt nähert sich die Rettung der Bilderbibel ihrem Ziel.

 


Die zur Orgelempore nach Westen weisenden Bildtafeln zeigen die Propheten und Apostel sowie die heilige Dreifaltigkeit an prominenter Stelle in der Mitte. Letztere zähle zu den wenigen erhaltenen gotischen Malereien, so Matinelli. Denn eigentlich war die Bilderbibel im Original einmal ein komplett gotisches Werk.

 


Ursprünglich handelt es sich bei dem Zyklus um eine Ölmalerei um 1490, die dem Lübecker Künstler „Meister Peter“ zugeschrieben wird. Die Bibelgemälde hatte die damalige Priörin Anna von Buchwald in Auftrag gegeben. Ihre Idee: Die Bilder würden den jungen Novizinnen während ihrer Ausbildung zur Nonne die Inhalte der Heiligen Schrift anschaulich vermitteln. Denn sie hatten zunächst ein sprachliches Problem: Die Mädchen mussten im Kloster zunächst Latein lernen, um den Priester überhaupt verstehen zu können. Und das in einer Zeit, als die Fähigkeit des Lesens noch keine Selbstverständlichkeit war.

 


Die Bibelbilder sind jedoch im Zeitalter des Barock übermalt worden. Und so haben es die Berliner Restauratorin, Katharina Martinelli, ihre Mitarbeiterin Isa von Lenthe sowie die Jahrespraktikantinnen Karla Berger, Ronja Frohne und Alessandra Bronzini aus Siena, Italien, fast ausschließlich mit einem Gemäldezyklus des 17. Jahrhunderts zu tun, an dem sie arbeiten – auch wenn von der vorherigen Malerei an kleinen Abriebstellen mitunter etwas durchblitzt.

 


Die Bilderbibel ist sowohl im nördlichen als auch südlichen Nonnengestühl doppelreihig angeordnet und thematisch überwiegend dem Alten Testament verschrieben. Nur im südlichen Gestühl zeige die obere Bildreihe Szenen aus dem Neuen Testament, links auf der Chorseite beginnend das Leben Jesu von seiner Geburt bis zur Auferstehung. So haben die Restauratoren in diesem Sommer die Bildtafeln „Pilatus Unschuld“, „Jesus vor Pilatus“, „Verspottung und Geißelung“, „Jesus trägt das Kreuz“, „Jesus hängt am Kreuz“, „Grablegung Jesu“ sowie „Christus öffnet die Hölle“ vor dem weiteren Verfall bewahrt. 2024 sollen die unteren Bilder der Loge, „Elia verfolgt von Isebel“, „Elia wird verspottet“, „Bindung (Fessel) Isaaks“, „Die eherne Schlange“, „Joseph im Brunnen“ und „Simson zerreißt einen Löwen“ folgen. Die weiteren Bilder über der anschließenden Tür (das Bild unterhalb „Christi Auferstehung“ wurde für die Anlage des Durchgangs entfernt) sowie der darauffolgenden rechten Eckloge könnten sich als besondere Herausforderung für die Restaurierung erweisen, deutet Martinelli an. Denn in diesem Bereich wurden die Gemälde durch eine später einmal an Wand und Gestühl angebrachte Kanzel fast verbaut und verdeckt, einige sind wohl auch ganz entfernt worden. Erhalten blieb hier allerdings ein gotischer Schatz, der „Die drei Marien am leeren Grab“ mit einem Engel zeigt. Das Gemälde aus dem 15. Jahrhundert zeige eine deutlich hochwertigere Arbeit im Vergleich zu der barocken Malerei, so Martinelli.

 


Sind die oberen Bilder der Logen relativ unbeschadet, zeigten die unteren viele Spuren der Abnutzung, vor allem im Bereich der Türen (für dahinter liegende Stauräume) und ihrer Schlüssellöcher. „Dort finden wir große Fehlstellen, die vermutlich von den Schlüsseln und eventuell daran hängenden Quasten herrühren“, vermutet Martinelli mit Blick auf die Nutzer der Logen, die hier ihre Gesangbücher, vielleicht auch wärmende Schals, verschlossen haben.

 


Die Restauratoren müssen zunächst mit einem Lösemittel den vergilbten alten Firnis genannten Harz-Ölüberzug entfernen, bevor sie an den Bildern arbeiten können. Fehlstellen würden mit dem besonders weichen Balsoholz in Verbindung mit Fischleim aufgefüllt. Dieser Leim, der nach historischem Vorbild aus der Hausenblase des Störs hergestellt wird, habe eine besondere Klebkraft, ebenso Hasenhautleim, der aus Knochen, Knorpel und der Haut von Hasen hergestellt werde, in der Klebkraft jedoch nicht ganz an die des Fischleims heranreicht. Ferner werde sogenannter Glutinleim durch Auskochen tierischer Abfälle erzeugt, dabei entstehe Gallerte. „Die Gelatine ist die reinste Form davon“, erläutert Katharina Martinelli. Nur aus Knochen hergestellter Knochenleim sei noch kräftiger in seinen Klebeigenschaften.

 


Ist nach dem Aufkleben des Balsaholzes die Fehlstelle noch unter dem Niveau der Bildfläche, sorgen die Restauratoren mit einer Mixtur aus Champagner- oder Bologneser Kreide mit Hasenleim für Ausgleich, damit kein Versatz übrig bleibt. „Mit diesem historischen Kitt hat man früher die Bildflächen zuerst grundiert und dann darauf mit Ölfarbe gemalt“, so Martinelli.
Das Aufbringen neuer Farbe im Bereich von Fehlstellen werde nach der Rekonstruierbarkeit entschieden, „ansonsten lassen wir es so“. Denn eine Interpretation soll vermieden werden. „Wir retouchieren nur, wo wir sicher sind“, unterstreicht Katharina Martinelli. Dies komme etwa bei Kratzern oder Ausbrüchen der Fugen vor. Wenn etwas vom darunterliegenden älteren Bild aufblitzt – einen solchen gotischen „Fußabdruck“ zeigt zum Beispiel ein Bein bei „Elia wird verspottet“ – werde dies als spätmittelalterliches Zeitfenster von den Restauratoren erhalten.
Zur Anwendung kommen „reversible“ Aquarell- oder Guachefarben, die lange Zeit „stabil“ bleiben. Denn „alles, was wir machen, soll auch leicht rückgängig zu machen sein“, erklärt Katharina Martinelli. Künftigen Restauratoren und ihren Möglichkeiten werde somit schon jetzt der Weg geebnet.

 


Als letzten Schritt werde die Malerei ganz klassisch mit Dammarharz neu gefirnisst. Das Baumharz bildet eine transparente, vor äußeren Einflüssen schützende Schicht über der eigentlichen Malerei. Sie sorge für Glanz, Farbintensität und –strahlkraft.
Die Unterstützung der „Klosterfreunde“ sorgte mit 15.000 Euro für die Finanzierung der Arbeiten in 2023, berichtet Dr. Karlheinz Heuser, erster stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins. Diese resultiere aus den Jahresbeiträgen der rund 85 Mitglieder sowie Spenden und Umsätze von Aktionen wie etwa dem Standbetrieb auf dem Klosterweihnachtsmarkt im Dezember oder Sektverkauf beim Orgelkonzert.
Der Förderverein Gesellschaft der Freunde des Klosters Preetz steht fast synonym für ihr großes Restaurationsprojekt „Bilderbibel“. Im September 2022 hatte sich der Vorstand neu formiert und Nina Tschierse an die Spitze gewählt. Der langjährige Vorsitzende Otfried Kohl, der das Amt 27 Jahre inne hatte, wechselte auf den freigewordenen Posten des Schatzmeisters. Erster stellvertretender Vorsitzender ist Dr. Karlheinz Heuser, zweiter stellvertretender Vorsitzender Hans Peter Kochen, als Schriftführerin engagiert sich Heide Poeschel-Kochen.
Jetzt sind noch 16 Gemälde der Bilderbibel übrig. Mit ihrer Instandsetzung wird Restaurationsprojekt voraussichtlich innerhalb der kommenden drei Jahre abschließen können.

 


Info: Führungen zu den Tafelbildern werden an folgenden Freitagen um 15 Uhr angeboten: 11. August, 8. September, 13. Oktober (auch nach Vereinbarung möglich: 04342-30 96 288).


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