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Die Flüchtlingslagerschulen Plön-Stadtheide und Jägerslust

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Plön (los). Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist aktueller Anlass, sich damit auseinanderzusetzen, was Krieg und Vertreibung für Kinder zu bedeuten hat. Der Plöner Historiker Dr. Karsten Dölger widmet sich dem Kapitel Kindheit und Schule in der Nachkriegszeit und erforscht für Flüchtlingskinder eingerichtete Lagerschulen in Holstein. Derzeit untersucht er die Geschichte der Barackenschule in Plön-Stadtheide. In dieser Serie mit Fortsetzung erhalten Sie Einblicke in das Forschungsprojekt sowie über das bereits erschienene Buch „Kurenwimpel und Schulbaracke“ über den memelländischen „Flüchtlingslehrer“ Hans Seigies. (ISBN 978-3-00-072664-4).


„Eigentlich wollte man schon im Februar 1946 mit der Schule anfangen“, berichtet Karsten Dölger über die Umstände der Einrichtung einer Barackenschule für Plöner Flüchtlingskinder. Das Vorhaben verzögerte sich allerdings, denn „die Baracken waren nicht viel mehr als Außenwände und Dach“. Daher habe es bis August 1946 gedauert, als in der neu geschaffenen Barackenschule mit Unterricht begonnen werden konnte. Hier fand sich der erste Lehrer des Provisoriums Friedrich Gellert in der unglücklichen Lage, ganz allein und ohne weitere Unterstützung 168 Kinder der Klassenstufen 1 bis 5 beschulen zu müssen. Denn eine zweite Lehrerstelle wurde erst im April 1947 eingerichtet, brachte aber kaum Entlastung, weil parallel eine Oberklasse für die 6. bis 9. Klassen eingerichtet wurde, die ihren Volksschulabschluss machen sollten. „Die älteren Schüler sind vorher wohl weiterhin nach Plön zur Schule gegangen“, vermutet Dölger. Später sei eine zweite Baracke in Stadtheide zu schulischen Zwecken dazu gebaut worden.


Der neue Lehrer Wilhelm Kessel wurde und blieb ab 1947 mehrere Jahre Schulleiter der Barackenschule, während Friedrich Gellert weiterhin die „Kleinen“ im Barackenlager „Waldfrieden“ unterrichtete. Was dies erschwerte, waren die Lebensumstände der Flüchtlingsfamilien, die von den traumatischen Erfahrungen, Ängsten sowie hoher Arbeitslosigkeit geprägt waren. Der Lehrer bemängelte große Fehlzeiten der Kinder und verweise dabei auf Erkrankungen, bedingt durch die unzureichende Bekleidung und Ernährung, so Dölger. Vielfach seien die familiären Verhältnisse instabil gewesen. Dölgers wichtigste Quelle: Die Schulchronik, „die dienstlich angefertigt werden musste“, für die Lehrer also verpflichtend war. Neben Wilhelm Kessel machten darin die Lehrer Kurt Perkuhn sowie Hubert Stegemann als letzter Schulleiter der Barackenschule „Flüchtlingslagerschule Plön-Stadtheide“ ihre Einträge.


Mit Gellert wurde allerdings böses Spiel getrieben. „Friedrich Gellert war im Juni 1948 fristlos entlassen worden“, hat Dölger herausgefunden. „Wegen vollständiger Unfähigkeit“, so habe der harte Vorwurf gelautet, „Gellert habe kein Examen“. Doch angesichts der 168 teils vernachlässigten Kinder, mit denen Gellert auch an seine Grenzen gekommen sein dürfte, scheint für Karsten Dölger eine Intrige dahinter wahrscheinlicher: „Der Schulrat kam zu einer Spitzenzeit vorbei, als Gellert damit beschäftigt war, 180 Kinder ganz alleine schulisch zu versorgen“, verdeutlicht er.


Für den Lehrer muss die Entlassung eine existenzielle Katastrophe bedeutet haben: Gellert, der wie alle im Barackenlager unter äußerst bescheidenen Verhältnissen und nur in einem kleinen Lehrerzimmer lebte, war dringend auf ein Einkommen angewiesen. Denn „seine Familie lebte weit weg bei Greifswald, und zwei seiner drei Kinder befanden sich noch in der Ausbildung“. Gellert dürfte jedoch nicht als einziger diskriminiert worden sein: Konsens sei, dass Flüchtlingslehrer allgemein damit zu kämpfen hatten, unterstreicht Dölger. „Sie waren schlechter gestellt als die einheimischen Lehrer.“ Der gemeinsame Hintergrund mag sich für die Flüchtlingskinder jedoch positiv ausgewirkt haben.


Als kommissarischen Schulrat hatten die Briten, die Mühe hatten, „unbelastete Lehrer“ zu finden, zunächst Paul Strübing eingesetzt. Ihm folgte Friedrich Bothe, der vorher in Meinsdorf unterrichtet hatte und somit ein „Einheimischer“ war. Bothe scheint die Intrige gegen Friedrich Gellert anzuzetteln: Denn „Gellert wirft Bothe mittelbar vor, sich profilieren zu wollen und das inszeniert zu haben“, verweist Dölger auf einen schriftlichen Beleg.
Den Vorwurf des Schulrats Bothe, kein richtiger Lehrer zu sein, habe Gellert nämlich ausräumen können, „unter anderem durch Gehaltszahlungsbelege aus der Vorkriegszeit“, erzählt Dölger. Zudem legte Gellert Zeugnisse vor, auf denen Regierungsbeamte seine Qualifikation schriftlich nachweisen und entlarvte damit die fadenscheinigen Vorwürfe als falsch.


Gellert scheint auch nicht unbeliebt gewesen sein: Nach seiner Entlassung ging die Elternversammlung auf die Barrikaden und empörte sich. Auch eine Petition ihn wiedereinzustellen wurde vorgelegt: 180 Eltern unterschrieben.


„Es wurde trotzdem keine Rückzieher gemacht“, so Dölger. Jedoch hat Gellert dank der Beweiskraft seiner Dokumente in Eutin als Lehrer weiterarbeiten können, wo er ab 1950 bis zu seiner Pensionierung tätig war.


Alle Lehrer in Stadtheide waren Flüchtlinge. Für sie ergab sich eine Chance, wieder zu unterrichten, „da einheimische Lehrer nicht an die Flüchtlingslagerschulen wollten“, konnte Dölger dem Subtext seiner Quellen entnehmen. Zudem gab es generell zu wenige Lehrer, unter denen die nationalsozialistisch Überzeugten für den Schuldienst nicht in Frage kamen. So stammte auch Wilhelm Kessel aus dem Osten, wenngleich er bereits „vor Anfang des Krieges nach Plön als Marinefachschullehrer versetzt worden war“. Er könnte an der „Marinegasschutz- und Nebelschule Plön“ in Stadtheide unterrichtet haben, zu der das Barackenlager gehört hat. Dass Kessel und seine Lehrerkollegen früher keine NSDAP-Mitglieder waren, hält Dölger wiederum für „sehr unwahrscheinlich. Alle Genannten waren NSDAP-Mitglieder“, unterstreicht er. „Es gab nur wenige Lehrer, die das nicht waren, unter anderem weil sie Repressalien und Nachteile für ihre Karriere zu befürchten hatten“, macht Karsten Dölger deutlich. Ein ähnliches Bild wie in Stadtheide hätten auch die Recherchen über das Lager Jägerslust ergeben. Dieses hat Karsten Dölger bereits seit den 80er Jahren untersucht und in Jahrzehnte währender Kleinarbeit Quellen und Fakten zusammengetragen.


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