Reporter Eutin

High in den Mai

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Infolge des bisher eher kühlen Frühlings ist der Waldmeister im Plöner Schlossgarten Ende April gerade erst  ausgetrieben.

Infolge des bisher eher kühlen Frühlings ist der Waldmeister im Plöner Schlossgarten Ende April gerade erst ausgetrieben.

Foto: L. Schneider

Kreis Plön (los). Ob sich Hexen zur Walpurgisnacht mit Waldmeisterbowle auf dem Brocken „einen angetüdert“ haben, wie der Volksmund so sagt, ist nicht überliefert. Der Phantasie sind diesbezüglich aber keine Grenzen gesetzt. Sehr alt ist das Rezept für den Wein mit dem Kraut, das einst auch Bier eine spezielle Würze gab, auf jeden Fall. So wird der heute noch beliebten Maibowle nachgesagt, sie sei bereits um 850 vom Benediktinermönch Wandalbertus erwähnt worden, der im Kloster Prüm in den Eifel-Ardennen gelebt hat.
Geistig inspirierend muss der Kräutertrank ohne Frage gewesen sein, falls dem dichtenden Geistlichen Wandalbertus tatsächlich „Schütte perlenden Wein / auf das Waldmeisterlein!“ als einprägsamer Schüttelreim eingefallen sein sollte. Immerhin hat der Klosterbruder ihn ja noch aufschreiben können... Vielleicht war das Rezept aber schon viel älter und längst bekannt. Denn schon die Germanen, über deren Bierliebe die Römer einst gefrotzelt haben, waren auf das dufte Gewächs aus: Angeblich sollen sie ihrem vergorenen Gerstensaft Waldmeisterkraut (unter anderem) zugefügt haben.
Die Pflanze hat viele Bezeichnungen: Als uralte überlieferte Namen geistern zum Beispiel Duftlabkraut, Herzfreund, Leberkraut, Waldmutterkraut, Mösch und Mäsch sowie Tabakskraut (sicher nicht ohne Grund) durch die Deutsche Sprachlandschaft. Galium odoratum lautet jedoch die botanische Bezeichnung der Pflanze und klingt damit phantastisch wie ein lateinischer Zauberspruch à la „Harry Potter“.
In lichten Buchenwäldern und deren Randzonen kommt die Pflanze vor, die ganze Flächen unter den Baumkronen besiedeln kann. Irgendwann im Mai beginnt sie, weiße Blütenteppiche auszubilden, die Insekten auf der Suche nach Nahrung gerne anfliegen.
Ihr charakteristischer Waldmeister-Duft ist bei Berührung wahrnehmbar. Das Aroma entwickelt sich aber vor allem, wenn die abgeschnittenen Stängel mangels Wasser zu welken beginnen. Der Stoff Cumarin ist in einer stark dehydrierten Pflanze höher konzentriert und das Aroma entsprechend kräftiger ausgeprägt, wenn man das Sträußchen dann nach Wandalbertus’ Rezept kopfüber in den Weißwein hängt. Werden nicht mehr als 3 Gramm Kraut je Liter Bowle verwendet, gilt der Leber schädigende Cumarin-Anteil, der unter anderem auch in Zimt vorkommt, als unbedenklich. Die Stielenden und Schnittstellen bleiben dabei außerhalb der Flüssigkeit. Als leichte Variante wird der Wein später mit Mineralwasser zur Schorle aufgegossen. Die Pflanze sollte nur vor der Blütenentwicklung verwendet werden.
Das Wohlriechende Labkraut schmeckt vielen. Das Aroma konnte eines Tages sogar labortechnisch hergestellt werden. Kinder der 70-er Jahre erinnern sich bestimmt noch an prickelndes Ahoi-Brausepulver mit Waldmeistergeschmack, vom grünen Wackelpeter als beliebtem Dessert ganz zu schweigen. Die deutschen Hauptstadtbewohner schütten sich begeistert Waldmeistersirup in ihr Berliner Weißbier, um dieses zu aromatisieren, während im 19. Jahrhundert als eine Art Vorläufer-Mixtur noch einfach Kräuter, darunter Waldmeister von einem findigen Berliner Brauer zugesetzt wurden, offenbar ohne Zuckerzugabe.
Die Germanen nutzten bereits eine ganze Reihe Kräuter, darunter solche mit stark berauschender Wirkung. Sogar (Fliegen-)Pilze sind im Mittelalter in Verbindung mit Alkohol verwendet worden. Wer weiß, wie solche fragwürdigen Mixturen bei den altvorderen Stämmen euphorische Verbrüderungs- und mit Sicherheit auch Katerstimmung am Folgetag erzeugt haben. Vorstellbar, dass sich womöglich sogar grollende Nachbarn und Sippen - per Kraut auf peacigen Kurs gebracht - nach ein paar ausgelassenen Tanzrunden am ersten Mai mit freundlich gemurmeltem „hi!“ schwankend in die Arme gefallen sind. Atemlos durch die Walpurgisnacht – mit dem Drogen basierten Drehwurm kein Problem. Nur fliegen ist schöner. Da erscheint auch die gute alte Besenwirtschaft in ganz anderem Licht, um im Hexenbild zu bleiben...
Ein Wunder erscheint ja vordergründig, dass die Walpurgisnacht zwar laut Überlieferung von ums Feuer tanzenden Hexen gefeiert wurde, aber namentlich auf die Äbtissin Walburga Bezug nimmt. Diese angelsächsische Dame aus Wessex soll von 710 bis 779 gelebt und im damals gerade neu gegründeten Missionsposten Kloster Heidenheim in Franken im Dienste des Herrn gewirkt haben.
Weil Walburga Wunderliches tat, sprach die Katholische Kirche, vielmehr Papst Hadrian II sie heilig. Ein Grund zum feiern: Der Tag ihrer Heiligsprechung wurde fortan von den inzwischen christlich missionierten Zeitgenossen im Mittelalter jedes Jahr gefeiert – am 1. Mai. Und da das Bindeglied zwischen dem letzten Aprilabend und dem Maifeiertag die Nacht ist, ergab sich folgerichtig die Bezeichnung Walpurgisnacht. Allerdings verspricht die Assoziation mit dem Mai-Gottesdienst im Gedenken an die Heilige sicher weniger Spaß als Ringelreih’n auf dem Brocken oder anderen Treffpunkten.
Bevor die Kirche mit ihrem geschickten Schachzug den Termin einigermaßen erfolgreich adaptiert hatte, war in unseren Breiten in erwartungsfroher Aussicht auf warme Frühlingssonne, neues Wachstum und gute Ernten schon immer zünftig gefeiert worden. Vielleicht zog es die Germanen-Damen „open hearts“ op’n Harz für rituelle Man(n)över, mit oder ohne Besen, aber ganz sicher mit Imbiss und Ausschank. Brot backen, Bier brauen und Kräuterkunde war bei den Germanen sowieso Frauensache. Dass Kräuterkundige seitens der Kirchenleute später als Hexen denunziert worden sind, ist bekannt. Die einst verfolgten Christen wurden Verfolger, lässt sich schlussfolgern.
Es scheint belegt, dass die damaligen Harzer und ihre Zeitgenossen bei ihren Frühlingsfeierlichkeiten noch das Wohlwollen Wotans und die Vertreibung des Winters sowie insbesondere böser Geister im Sinn hatten, die jedem jederzeit einen Strich durch die Rechnung machen konnten und die Erklärung für Unglück und Unerklärliches boten. Den Missionaren der Kirche muss das mutmaßlich unter gewissem Drogeneinfluss stattfindende fröhliche Treiben zweifellos ein Dorn im Auge gewesen sein. Findig wie sie waren, schafften die kreativen Christen einfach Ersatz. So machten sie kurzerhand die Heilige Walburga zur Schutzpatronin gegen böse Geister, womit diesbezügliche Germanenbefürchtungen flugs außer Kraft gesetzt und Gewohnheiten in neue Kanäle gelenkt waren. Auf diesen strategischen Erfolg haben Wandalbertus und Co sicherlich mit einem Gläschen Maibowle angestoßen...


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