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Plöner Narren erstürmen das Rathaus

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Plön (los). Nach Corona scheinen die Akteure der „Rathauserstürmung“ am 11. 11. ein bisschen aus der Übung gekommen zu sein, obwohl mit der überraschenden Annexion der Plöner Stadtverwaltung zu rechnen war. Die etwas lahme Flatterband- und Regenschirmabwehr konnte die gezielte Attacke der Plöner Karnevalsgesellschaft Blau-Weiß nicht lange verhindern. Zum ersten Mal seit der Session 2019 befindet sich der Rathausschlüssel wieder im Gewahrsam der Jecken.


Ausgerechnet die oberste Repräsentantin der Stadt Plön, Bürgervorsteherin Mechtilde Gräfin von Waldersee verpasste beinahe den entscheidenden Moment des närrischen Zutritts, weil sie mit vorzeitigem Erscheinen der blauweißen Garde nicht gerechnet hatte. Bereits um Punkt 11 Uhr war das Flatterband durchtrennt. Für Waldersee ein Fehler im Protokoll: „Um 11.11 Uhr ist die Erstürmung, das kenn’ ich seit ich geboren bin“, protestierte die Ex-Kölnerin im Namen des Rheinlands und der Traditionspflege.


Günther Kempa, der als ihr Präsident die Plöner Karnevalsgesellschaft viele Jahre offiziell vertreten hat, widersprach: „Wir machen das im Rahhaus seit Jahrzehnten, dass wir um 11 Uhr reinkommen, damit der Karnevalspräsident die Session um 11.11 Uhr eröffnen kann“, klärte er auf. Keine gewiefte Taktik also, sondern seit langer Zeit Usus und damit Plöner Karnvals-Tradition, die sich irgendwann von den Rheinländer Gepflogenheiten abgesetzt haben muss. Die Session eröffnete der neu gewählte Karnevalspräsident Jan Fahrenkrog.


Günther Kempa, der wie der langjährige Elferratspräsident Werner Kelbing in die „zweite Reihe“ des Vereins zurückgetreten und nur noch unterstützend tätig ist, stellte die neue Formation im Vorstand vor. Sie ist für eine neue Ära von Blau-Weiß angetreten und hat sich der Nachwuchswerbung verschrieben. Für diese Aufgabe hat Karnevalspräsident Jan Fahrenkrog, 44, gebürtiger Flensburger, Unternehmensberater, wohnhaft in Oldenburg in Oldenburg, neben Vizepräsident Frank Flemke, 55, Physiotherapeut und Plöner, eine Reihe von Frontfrauen an seiner Seite, die sich für die verschiedenen Aufgaben einsetzen. Allen voran die neue Elferratspräsidentin Barbara Kleinmann, die sowohl als Ex-Tollität „Babsi die Erste zum Zweiten“ als auch im Büttenrednergespann mit Ralf Okel in den Rollen von „Stine und Hinnerk“ beim Prinzenball für Furore sorgte. Bereits als Jugendliche hat die Eutiner Grundschullehrerin in der Garde getanzt, ebenso Schriftwartin Dorle Spitz, Büroangestellte aus Wildenhorst (Preetz). Das Team verstärken weiterhin Katharina Dührkoop, die in der Garde sowie für die Darstellung in den sozialen Medien aktiv ist, Schatzmeisterin Alexandra Fey und die Verwaltungsangestellte Heinke Wittke aus Dörnick, die als ehemalige Gardetänzerin und Ex-Tollität in der Session 2018/2019 die Betreuung der Garden übernommen hat.


Aktuell trainierten sieben Mädchen für die Auftritte der Garde in der neuen Session, acht weitere in der Kindergarde, so Wittke. Zahlenmäßig ist dies nach den Coronajahren ein Einbruch: In Spitzenzeiten seien es über 30 Gardemädchen gewesen, erinnert sich Kempa. Die Garden sind jedoch immer das Aushängeschild der Karnevalsgesellschaft gewesen, nicht nur intern beim Prinzenball, sondern auch bei einer Reihe von Auftritten während der Session. Denn mit den Besuchen in Seniorenheimen erfüllt die Karnevalgesellschaft einen selbst gesetzten sozialen Anspruch außerhalb der üblichen Aktivitäten, wie die Besuche befreundeter Gesellschaften. Das Verbreiten von Spaß und Geselligkeit ist dabei oberstes Anliegen der Plöner Narren. In den zurückliegenden Sessionen hatte Blau-Weiß zahlreiche Einrichtungen in Lütjenburg, Dersau, Ascheberg, Preetz und Plön besucht, war mit seinen Garden auch beim Grebiner Kinderkarneval angetreten sowie mit einer Show beim Plöner Stadtbuchtfest.


Doch die Tanzausbildung kostet, ebenso die Kostümausstattung in zahlreichen Varianten und Größen. „Vom Stiefel bis zur Perücke muss man mit 800 bis 1000 Euro pro Mädchen rechnen“, so Kempa: „Da muss man sehen, dass man das Geld zusammenhält.“ Bis vor einigen Jahren stemmte die Karnevalsgesellschaft diese Finanzierung, indem sie das Weinfest auf dem Plöner Marktplatz ausrichtete. Der Erlös unter anderem aus dem Verkauf an den Ständen („Iss mir Wurst“ und „Alles Käse“) diente somit dem guten Zweck, zumal die Gardemädchen auch keine Mitgliedsbeiträge zu zahlen brauchten und allein vom Verein gefördert wurden.


Das Weinfest ist jedoch seit 2018 Vergangenheit. Die Gründe: Zum einen die Altersstruktur des Vereins (in Bezug auf den Auf- und Abbau) sowie insbesondere auch die allgemeinen Gebühren (für die Nutzung der städtischen Marktfläche), deren Erhöhung dazu führte, dass für den Verein „unter dem Strich“ nichts übrig geblieben wäre. Ohne diese Einnahmen für die gemeinnützige Jugendarbeit, die Tanzausbildung der Kinder- und Prinzengarden, ist es schwieriger geworden. Denn nun müsse die Finanzierung der ganzen Ausstattung, der Trainingskosten und der Haftpflichtversicherung vollständig durch die Mitgliedsbeiträge gestemmt werden, verdeutlichen Heinke Wittke und Barbara Kleinmann. Die zahlten nun auch die Gardemädchen. Trotz dieser Ausgangslage laufen derzeit die Planungen beherzt auf Hochtouren. In der Faschingszeit im Januar und Februar 2023 wollen die Jecken wieder mit einer Reihe von Auftritten bis Aschermittwoch auf Tour sein, sofern die Coronalage es zulässt. Und damit das tun, was auch alle anderen 36 Gesellschaften im norddeutschen Karnevalsverband machen: „Freude reinbringen in die Welt“ – trotz aller Unterschiede in den Lebensrealitäten der beteiligten Generationen. „Wenn man überlegt, dass die Gesellschaft 1960 gegründet wurde, hat sie lange durchgehalten“, resümierte Kempa über Blau-Weiß. Der Ex-Präsident freut sich und ist stolz, dass eine neue Führungsriege diese nun weiterführen will.


Nähere Auskünfte über Vereinsmitgliedschaften, Gardetraining und Kontakt über Heinke Wittke (heinke.wittke@mail.de) und Alexandra Fey (karneval-ploen@gmx.de).


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