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Zertifizierte Laien unterstützen die Archäologie

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Foto: A. Jabs

Eutin/Bad Segeberg (aj). Wochenende, Entspannung nach getaner Arbeit – für Matthias Mildner heißt das: Endlich Zeit, mit seiner Sonde im Boden nach Zeugnissen der Vergangenheit zu suchen. Der Eutiner ist ein Sondengänger und zwar – und das ist wesentlich – ein Sondengänger mit Kompetenz und amtlicher Genehmigung: „In jedem Jahr werden rund 100 Menschen von uns geschult und zertifiziert“, berichtet Christoph Unglaub vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein, das die Genehmigung zum Sondeln, wie die Arbeit mit den Detektoren auch genannt wird, erteilen muss. Der Wissenschaftler hat seinen Arbeitsplatz in der neuen Außenstelle des Landesamtes in Bad Segeberg. Im dortigen Seminarraum finden zweimal jährlich Schulungen statt; eine erfolgreiche Teilnahme ist die Voraussetzung für das Zertifikat. Das Interesse ist sehr groß. Grund dafür ist zum Einen, dass die Technik gut entwickelt und leicht verfügbar ist. Zum Anderen weckt auch die Präsenz von „Schatzsuchern“, die ihre Funde im Internet zur Schau stellen, zunehmend Begehrlichkeiten. Wer von wertvollen Funden träumt, macht sich dann leider auch schon mal ohne solide fachliche Grundlage und ohne Erlaubnis auf den Weg: „Und begeht damit eine Ordnungswidrigkeit, bei Vorsatz kann das sogar eine Straftat sein“, wie Unglaub betont.
Der Archäologe erklärt, warum die Genehmigung der Behörde, wie sie das Denkmalschutzgesetz in Paragraph 12 vorschreibt, unerlässlich ist: „Zunächst einmal muss man lernen, die Funde auch als solche zu erkennen“, sagt er und zeigt in der Keramikwaschstraße auch gleich anschauliche Beispiele dafür, wie leicht das nicht geschulte Auge aussagekräftige Zeugnisse übersehen kann: Erdige Brocken geben sich erst nach sorgfältiger Reinigung als Keramikscherben zu erkennen. Unglaub zeigt, wie man die Bruchstücke zusammensetzen kann und plötzlich findet man sich auf einer Heikendorfer Baustelle, woher diese Funde stammen, in der Bronzezeit wieder. In einer anderen Schütte sind menschliche Knochen und Holzkohle zu sehen: Hinweise auf eine Grabstätte und damit auf Besiedelung. Damit ist Christoph Unglaub direkt beim nächsten Argument, warum die Suche nach historischen Stücken der Genehmigung bedarf: Die Funde im Boden sind in der Regel Teil eines Gefüges: „Das können Gruben zur Müllentsorgung sein oder Bestattungsorte. Und wer dort ohne Kenntnis etwas entnimmt, entfernt möglicherweise einen entscheidenden Hinweis, durch den der gesamte Fund datierbar wäre“, erläutert Christoph Unglaub. Letztlich spielt auch die Sicherheit eine große Rolle. Immer noch liegen viele Kampfmittel im Boden. Wer einfach „drauf los“ sucht, gefährdet sich und andere. Daher ist der der Kampfmittelräumdienst als Partner dabei, wenn es um die Ausbildung der Sondergänger*innen geht. Nach ihrer Zertifizierung bekommen sie feste Gebiete zugewiesen und leisten dann unverzichtbare Arbeit für die Profis vom Landesamt – und damit für das kollektive Gedächtnis: „Dadurch wurden schon viele Bereiche für die Forschung entdeckt und kartographiert“, so beschreibt Unglaub die Zusammenarbeit. Als Gebietsdezernent ist er für Stormarn, Ostholstein, das Herzogtum Lauenburg, Bad Segeberg und die Stadt Neumünster zuständig. Wenn irgendwo eine Baustelle geplant wird, schaut er auf die Karte der Archäologischen Landesaufnahme, in der alle Fundplätze verzeichnet werden, und beauftragt gegebenenfalls eine Voruntersuchung. Die personellen und finanziellen Mittel sind begrenzt, umso wichtiger ist das Engagement der kundigen Laien: „Es gibt viele Menschen, die sich für die Archäologie einsetzen“, freut sich Christoph Unglaub. In den neuen Räumen der Außenstelle in Bad Segeberg ist ausreichend Platz für Begegnung und Einblicke in die Arbeit der Wissenschaftler*innen.
Ehe Matthias „Max“ Mildner sein Interesse auf geschulte Füße stellte, hatte er andere Sondergänger*innen beobachtet. Sein erster Detektor war ein kleines gebrauchtes Gerät: „Dann hat mich das Fieber richtig gepackt“, erinnert sich der Polizeibeamte. 2017 stieg er richtig ein, besorgte sich eine Strandsuchgenehmigung und nahm Kontakt zur Detektorengruppe Schleswig-Holstein auf, ein freundschaftlicher Verbund, in dem Wissens- und Erfahrungsaustausch eine große Rolle spielen: „Dort kam ich dann mit der Archäologie in Berührung, erlebte eine ganz neue Qualität und wollte mehr“, schildert Matthias Mildner die Faszination. 2020, während er in Schleswig-Holstein noch auf der Warteliste stand, erhielt er die Zertifizierung für Niedersachsen und bekam eine Gemarkung von 4485 Hektar zugewiesen. Die Genehmigung für die Suche mit der Sonde kam von der Behörde, die Erlaubnis zu graben vom Bauern. „Seitdem sind wir fast jedes Wochenende unterwegs“, erzählt Silke Mildner, die das Interesse ihres Mannes teilt und ihn nicht nur begleitet, sondern ihrerseits qualifiziert Auskunft geben kann, wenn es um regionale Geschichte und das Einmaleins der wissenschaftlichen Schatzsuche geht. Entsprechend groß war auch ihre Freude, als im Januar 2022 ein Anruf kam und eine freundliche Stimme Matthias Mildner mitteilte: „Ich bin dein Mentor und ich soll Dir das Suchen beibringen!“ Damit war auch Schleswig-Holstein „erobert“. Nach vier Wochen Training und dreieinhalb Tagen Theorie-Seminar schloss sich im April die praktische Prüfung an. Ein echter Höhepunkt, galt es doch, in Haithabu die Verluststücke des jährlichen Wikingermarktes zu finden. Jetzt schwingt Mildner auch in Schleswig-Holstein die Sonde. Die Touren bereitet das Ehepaar sorgfältig vor, sichtet Karten und forscht in Büchern mit Sagen und Mythen nach Hinweisen auf mögliche Fundstellen. Die Funde werden anschließend aufbereitet und natürlich gemeldet: „Veröffentlichungen sind nur in Absprache mit dem Landesamt zulässig“, hebt Mildner hervor. Seine Korrektheit hat gute Gründe, selbstverständlich ist sie leider nicht. Erst jüngst hat Matthias Mildner bei einem Spaziergang im Wald illegale Grabungsspuren entdeckt: „Das macht mich traurig“, meint er nachdenklich. Die moderne Technik findet Stücke in immer größerer Tiefe, dazu sind die Geräte leise. Das ruft auch jene auf den Plan, die aus purem Eigennutz suchen. Wer jemanden sieht, der offenbar ohne Genehmigung mit einem Detektor unterwegs ist, sollte dies der Polizei mitteilen. Wer sich nämlich illegal Fundstücke aneignet, reißt damit eine Lücke im Zeitstrahl, die sich nur schwer schließen lässt. Archäologe Christoph Unglaub formuliert es so: „Wer eine Schmuck-Fibel findet und behält, besitzt eine Antiquität, der archäologische Wert aber ist nicht mehr gegeben.“


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