Stutthof-Massaker: Jurist untersucht alte Ermittlungsakten – Hinweise und alte Familiendokumente gesucht

Marlies Henke 71
Dr. Matthias Birkholz.

Dr. Matthias Birkholz.

Bild: Sophie Schwarzenberger / lindenpartners

Neustadt in Holstein. Jahrzehntelang wurde in Neustadt vor allem an die Opfer der Cap-Arcona-Tragödie vom Nachmittag des 3. Mai 1945 erinnert. Das am Morgen desselben Tags verübte Massaker an hunderten, vornehmlich jüdischen Häftlingen aus dem KZ-Stutthof am Strand und anderen Tatorten in Neustadt spielte in der lokalen Erinnerungskultur hingegen kaum eine Rolle. Erst in jüngster Zeit rückte dieses Verbrechen mehr ins öffentliche Bewusstsein, maßgeblich geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem Schicksal des Stutthof-Überlebenden Manfred Goldberg aus London und dessen Besuch in Neustadt im Mai 2025 (der reporter berichtete).

Dr. Matthias Birkholz, Wirtschaftsanwalt in Berlin, will das Gedenken an den Judenmord von Neustadt jetzt weiter intensivieren und stellt zugleich, acht Jahrzehnte später, die unbequeme Frage: Könnten auch Neustädter an den Verbrechen beteiligt gewesen sein? Dabei hat der 63-Jährige einen persönlichen Bezug zum Thema: Matthias Birkholz wuchs in Neustadt auf; sein Vater, Hans-Joachim Birkholz, war von 1972 bis 1984 Bürgermeister der Stadt.

Für seine Recherche hat der Jurist in den vergangenen Monaten umfangreiche Ermittlungsakten ausgewertet. Darunter befinden sich britische Unterlagen aus den Jahren 1945 bis 1947 sowie die Ermittlungsakten der Lübecker Staatsanwaltschaft aus den Jahren 1984 bis 2015. Seine vorläufige Einschätzung: Die jahrzehntelangen Ermittlungen hätten die Frage nach einer möglichen Beteiligung Neustädter Bürger nicht ausreichend geklärt.

Hinweise auf Volkssturm und Hitlerjugend

Birkholz verweist dabei unter anderem auf Zeugenaussagen, wonach Angehörige von Volkssturm und Hitlerjugend am Ort des Geschehens gewesen sein sollen. Auch Marinesoldaten und Gendarmen spielten nach den von ihm ausgewerteten Aussagen eine Rolle. Aus seiner Sicht hätten die Ermittler deshalb stärker die damaligen örtlichen Strukturen und die Zusammensetzung dieser Einheiten untersuchen müssen.

Die Staatsanwaltschaft Lübeck hatte die Ermittlungen 2015 eingestellt. Verantwortliche für die Tötungshandlungen bei und in Neustadt hätten nicht ermittelt werden können, heißt es im Abschlussvermerk. Weitere Ermittlungsansätze seien nicht ersichtlich. Birkholz hält diese Schlussfolgerung für nicht ausreichend. Aus dem Umstand, dass keine Täter identifiziert werden konnten, lasse sich keine kollektive Unschuld der Neustädter Bevölkerung ableiten, so der Jurist, der zugleich betont, dass seine eigene Analyse der umfangreichen Akten noch nicht abgeschlossen sei.

Aufruf an Zeitzeugen und Familien: Hinweise und alte Dokumente gesucht

Dr. Matthias Birkholz verbindet seine Recherche deshalb mit einem Aufruf an Neustädter und deren Familien. Noch lebende Zeitzeugen könnten möglicherweise Angaben machen, die bislang unbekannt sind. Auch Tagebücher, Fotos, Briefe oder Familienchroniken könnten Hinweise auf die damaligen Ereignisse und die beteiligten Personen enthalten.

Birkholz geht es dabei ausdrücklich nicht um eine pauschale Schuldzuweisung. Vielmehr müsse die Frage nach der möglichen Beteiligung von Neustädtern am Massaker offen und wissenschaftlich untersucht werden. Gerade weil heute nur noch wenige Zeitzeugen lebten, sei die Zeit für eine solche Aufarbeitung knapp. (he)

Für Hinweise ist Birkholz unter mail@matthiasbirkholz.de erreichbar.

 

Hier geht es zum vollständigen Gastbeitrag von Dr. Matthias Birkholz