

Eutin (aj). Der Dienstag nach Pfingsten, 8.30 Uhr. Das lange Wochenende ist vorbei, die Menschen müssen wieder arbeiten. Außerdem hat die Urlaubssaison begonnen. Geschäftige Zeiten für eine Tankstelle, möchte man meinen. In der Aral-Tankstelle in der Bürgermeister-Steenbockstraße 39 in Eutin aber ist buchstäblich nichts los. Ein Paket wird abgegeben, ansonsten herrscht Stille. Grund ist die Baustelle direkt vor der Tür. Der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein (LBV.SH) erneuert hier in sechs Teilabschnitten die Fahrbahn der Landesstraße 57 in der Ortsdurchfahrt Eutin.
Das bedeutet: Eine Abschnitt für Abschnitt vorankriechende Vollsperrung, die den Betrieb in der Tankstelle auf ein Minimum schrumpfen lässt. Zu erreichen ist der Aral-Standort aber noch – über die rückwärtige Zufahrt über die Lübecker Landstraße, von der Carl-Maria-von Weber-Straße kommend: „Den Hinweis auf unsere Tankstelle auf dem Schild, das in der Weber-Straße über die Sperrung informiert, mussten wir erst einfordern“, berichtet Juliane Lowien. Im September 2024 hat sie die Tankstelle übernommen, im ersten Betriebsjahr ein Umsatzplus von 250.000 Euro erwirtschaftet. Ein Erfolgsgeheimnis braucht sie nicht, sie kann sich auf ihr unternehmerisches Knowhow verlassen: Erweiterte Öffnungszeiten, spezielle Angebote, die aus Kunden Stammkunden machen, ein motiviertes Team bewähren sich. Gegen den ausbleibenden Verkehr allerdings ist sie machtlos: „Ostern war noch einigermaßen in Ordnung, aber dann wurde es schlimm“, stellt die 29-jährige Geschäftsfrau fest. „Unsere Einbußen liegen bei 90 Prozent“, pflichtet ihr Stationsleiterin Jacqueline Münster bei. Sie muss Tag für Tag versuchen, aus der Durststrecke das Beste zu machen. Schließlich sollen die wenigen Kunden, die die Tankstelle ansteuern, nichts vermissen.
Aber die Auswirkungen sind zu sehen: In der Auslage locken deutlich weniger frische Snacks als gewöhnlich: „Wir wollen ja eigentlich nichts wegwerfen“, sagt Jacqueline Münster fast entschuldigend. Die Warenbestellung hat Chefin Juliane Lowien aus privaten Mitteln gestemmt. Lange, das ist klar, wird sie das nicht machen können: „Ich bin 29 Jahre alt, habe mit also noch kein Riesen-Vermögen aufbauen können, um so etwas zu überbrücken.“ Sie vermisst Förderungen, Hilfen wie in der Corona-Zeit. Und sie vermisst eine klare Kommunikation. Verlässliche Informationen gebe es nicht, ebenso wenig wie einen festen Ansprechpartner: „Niemand weiß etwas Genaues.“ Ihr letzter Stand ist, dass die Sperrung direkt vor der Tankstelle nur noch für diese Woche gelte: „Dann sollte das eigentlich fertig sein“, erzählt die zweifache Mutter. Der Blick auf die Baustelle lässt sie zweifeln. Ohnehin laufe vieles anders, als vorab mitgeteilt.
Für diesen Dienstag stehen ihr schwere Gespräche bevor: „Es geht ans Personal“, sagt sie knapp und hält kurz die Tränen zurück, ehe sie weiterspricht: „Die finanzielle Lage ist so, dass ich nicht weiß, ob ich das schaffe.“
Es sind ohnehin keine einfachen Zeiten für Tankstellenbetreiber*innen: „Die hohen Spritpreise sorgen dafür, dass die Kunden sparsam sind“, schildert Juliane Lowien. Dazu kommt der Druck der Aral-Gesellschaft: „Die Umsätze müssen stimmen.“ Während sie erzählt, kommt ein Fahrzeug. Kurze Erwartung, dann die ernüchterte Feststellung: „Der will nur wenden!“
Wie in einer Sackgasse fühlt sich auch die Inhaberin. „Meine Hoffnung sind die Eutinerinnen und Eutiner, die trotzdem kommen!“ Und so stehen trotzdem frische Blumensträuße bereit, der Getränkekühlschrank ist gut bestückt und die Eistruhe zeigt: Es ist Sommer! „Jedes Fahrzeug, das bei uns betankt wird, hilft uns“, bringt es Juliane Lowien auf den Punkt. Wie aufs Stichwort hält ein Fahrzeug an einer der Zapfsäulen: „Ich komme immer hierher“, sagt Fahrerin Brigitte Reimers. Die Eutinerin kauft im nahegelegenen Gewerbegebiet ein und steuert ihre Stamm-Tankstelle auch jetzt an. Für Juliane Lowien sind Kundinnen wie sie ein Lichtstreif: „Wir sind eine Tankstellenfamilie und wir sind noch da!“, sagt sie entschlossen.


