

Neustadt. Rund 300 Kilometer auf dem Stand-up-Paddle-Board, zwölf Tage auf und an der Elbe und jede Menge besondere Begegnungen: Anne Kraatz aus Neustadt hat im Juli den zweiten Teil ihres „Elbe SUP Abenteuers“ absolviert. Nachdem sie 2025 bereits knapp 400 Kilometer von Ústí nad Labem bis Magdeburg zurückgelegt hatte, führte die diesjährige Etappe von Magdeburg bis nach Lauenburg. Damit hat die Flusswanderin innerhalb von zwei Jahren insgesamt rund 700 Kilometer auf der Elbe bewältigt. Schon die Vorbereitung brachte eine Herausforderung mit sich: Zwei Wochen vor dem Start platzte ihr SUP-Board, sodass kurzfristig ein neues Race-Board organisiert werden musste. Auf der Elbe erwarteten sie anschließend Niedrigwasser, Stromschnellen, Gewitter und auf den späteren Etappen kräftiger Gegenwind. Teilweise legte sie bis zu 37 Kilometer am Tag zurück und verbrachte bis zu elf Stunden auf dem Wasser. Neben der sportlichen Herausforderung prägten Naturerlebnisse und Begegnungen die Reise. Die Strecke führte durch die Elbtalauen, entlang des ehemaligen deutsch-deutschen Grenzverlaufs und durch das Wendland. Unterwegs beobachtete Kraatz unter anderem Kraniche, Wildgänse, Rotmilane und Seeadler und traf auf Radreisende sowie internationale Kajakfahrer. Nach rund 300 Kilometern erreichte sie schließlich Lauenburg. Zusammen mit ihrer Tour aus dem vergangenen Jahr hat Kraatz damit rund 700 Kilometer auf der Elbe mit dem SUP zurückgelegt. Lesen Sie den Reisebericht von Anne Kraatz:
"Mein ELBE SUP Abenteuer geht weiter
300km mit dem SUP Board flussabwärts – Teil 2
In diesem Jahr freute ich mich auf die Fortsetzung meiner Tour von Magdeburg bis Lauenburg vom 13. bis 24. Juli, 12 Tage Paddeln mit einem Pausentag ca. 300km.
Die geplante Reise begann mit einer Überraschung: 2 Wochen vor meiner Tour platzte bei 40°C mein altes bewährtes Naish SUP Board in der Sonne während eines Testausflugs. Nach 6 Jahren treuem Dienst nahmen wir voneinander Abschied. Unter Hochdruck recherchierte und organisierte ich ein neues Profi Race SUP Board aus der Schweiz. Da ich kaum Zeit hatte es einzufahren, stellte sich die große Frage: Würde es sich auf dieser anspruchsvollen Flusstour bewähren? Voller innerer Anspannung angesichts meines neuen Vorhabens, aber vor allem mit viel Vorfreude und Begeisterung startete ich meine Tour an einem Montagmorgen in Magdeburg auf einem Wasserwanderrastplatz, wo mich Jörg, mein Mann mit guten Wünschen verabschiedete.
Endlich wieder auf dem Wasser und dem großen Fluss unterwegs der meine alte Heimat – Dresden – mit meiner neuen – Norddeutschland – verband. Ich schloß genau da an wo ich vor 1 Jahr anlandete.
Gerade erst auf dem Wasser empfingen mich bei den Magdeburger Domfelsen die ersten Stromschnellen, auf die in der nächsten Stunde zwei weitere folgten. Bei Niedrigwasser musste man besonders auf freiliegende Steine und Felsen achten.
Die erste Woche empfing mich die Elbe freundlich mit wenig Wind, viel Sonnenschein und Temperaturen um 30°C. Ich genoß die herrlichen Elbtalauen und Städte wie Tangermünde und Wittenberge auf meiner Strecke. An manchen heißen Tagen nahm ich jede Stunde ein Bad in der Elbe direkt vom Board aus und wechselte zwischen Schwimmen, Paddeln und Wandern. Ich paddelte unter dröhnenden Eisenbahnbrücken hindurch, an 200m hohen Salzbergen vorbei und großen Kranichversammlungen. Ein erstes 3-stündiges nächtliches Gewitter zog direkt über der Elbe an meinem Zelt vorbei und erhellte mit zuckenden Blitzen die unruhige Nacht. In solchen Momenten fühlte ich mich ausgesetzt und alleingelassen, doch immer mit einem inneren Vertrauen in der Natur geborgen und beschützt zu sein auf meiner Tour. Am nächsten Morgen lächelte mir der sonnenglitzernde Fluss zu und ich paddelte beherzt weiter.
Da der Unterlauf der Elbe weniger Infrastruktur bietet als z.B. im Elbsandsteingebirge bei Dresden, musste ich mich sowohl logistisch als auch organisatorisch gut vorbereiten, damit ich z.B. immer genug Trinkwasser an Board hatte und Lebensmittel. An einem Tag waren die Wasserwanderrastplätze so weit voneinander entfernt, dass ich die Strecke am Abend nicht bewältigt hatte: Ich transportierte mein Board und Gepäck über den Deich und Geröllfelder ca. 400m zu einem nahegelegenen klaren See mit kleinem Campingplatz wo ich eine herrlich ruhige Nacht mit Seeblick verbrachte.
Ich erlebte fantastische Sonnenuntergänge über der Elbe, unglaublich viele Störche und schöne historische Altstädte an meiner Strecke. Besonders die Begegnung mit Reisegefährten habe ich lebendig in Erinnerung. Wunderbare Gespräche und Austausch mit Gleichgesinnten, gemeinsames Lachen und solidarische Hilfe untereinander prägten diese wertvollen Zusammentreffen im Unterwegssein. So begegnete ich Gary und Jery, einem Radlerpaar aus Amerika, Minnesota, die von Schweden bis Prag radelten und zurück, über 3000km. Unvergessliche Momente bei einem gemeinsamen Morgenkaffee zum Sonnenaufgang mit Blick auf den Fluss. Bis heute sind wir in freundschaftlichem Kontakt miteinander und ich wurde sogar nach Minnesota eingeladen.
Bei Havelberg schloß sich für mich ein Kreis, da ich genau an den Koordinaten angelangt war, wo ich vor Jahren von der Havel auf die Elbe mit dem SUP unterwegs war und meine erste Vision der ELBE SUP Tour geboren wurde. Ein erhebender Moment, der allerdings auf den nächsten Kilometern durch starken Gegenwind und plötzlich auftretenden hohen Wellen schlagartig ernüchtert wurde. Zum ersten Mal lief ich Gefahr in einer Außenkurve mit erheblicher Strömung zu kentern. Voller Adrenalin rettete ich mich mit aller Kraft aus diesem Sog heraus ans Ufer. Nach einer Ruhepause paddelte ich weiter, schaffte allerdings an diesem Tag aufgrund des Windes nicht mein Ziel Wittenberg, sondern musste zum ersten Mal an einem urigen Ufer „wildzelten“. Eine nette Grundstückseigentümerin erlaubte mir auf meine Anfrage gerne das Zelten für eine Nacht.
Das Wetter begann umzuschlagen und ich wurde in der Nähe des ersten ehemaligen Grenzturmes Cumlosen auf einem Sportbootvereinsplatz 2 Tage und 1 Nacht festgehalten, da dunkle Gewitterwolken, heftige Windböen und Regen einander abwechselten. Ich nutzte die unvorhergesehene Ruhezeit um mich mit der Geschichte des ehemaligen Grenzdorfes und seiner Menschen vertraut zu machen. Ich durchwanderte wunderschöne weitläufige Elbtalauen, die früher betonierte Sperrzone waren mit Stacheldraht, Minen und Selbstschussanlagen. Es berührte mich sehr von den Schicksalen einiger Flüchtlinge zu lesen bzw. von Anwohnern zu hören, die von der ehemaligen DDR – meiner Heimat – in die BRD über den Fluss geschwommen sind, bzw. sich U Boote gebaut haben oder getaucht sind. Nur wenigen ist ihre Flucht gelungen, viele wurden gefaßt, bzw. erschossen. Wieviel Unmenschlichkeit sich Mitmenschen, die im Grunde durch Liebe und dem Bedürfnis nach Freiheit verbunden sind, sich gegenseitig antun können…
In den nächsten Tagen paddelte ich auf dem ehemaligen Grenzfluss auf dem „Grünen Band“ und durchlebte innerlich noch einmal die gewaltsame Trennung und Wiedervereinigung des deutschen Volkes, es berührte mich im Herzen. Wie froh war ich dass ich heute so unbehelligt auf diesem wunderschönen Flussabschnitt ungehindert paddel darf. Wir dürfen so dankbar sein für diesen gemeinsamen Schritt der deutsch-deutschen Versöhnung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Wie wertvoll dieser Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist, durfte ich hautnah erfahren.
Unterwegs begegnete ich endlich den ersten Kajakfahrern auf der sonst kaum beschiffbaren Elbe. Es war die „Internationale Elbefahrt“ mit 35 Kajakfahrern aus der ganzen Welt, die innerhalb von 3 Wochen von der Grenze bis nach Geesthacht paddelten. Ich unterhielt mich mit Australiern, Neuseeländern und Holländern, sie drückten mir ihren Respekt aus mit dem SUP Board diese Tour zu wagen. So manche Tagesstrecke legten wir gemeinsam zurück, winkten uns zu wenn sie mich mal wieder überholten und hatten abends sinnerfüllte Gespräche am Strand.
In dieser letzten Woche frischte der Wind auf, dunkle Wolken zogen über die Elbe und der Regen prasselte aufs Zelt. Täglich legte ich bis zu 37km zurück, manchmal 11h paddelnd auf dem Wasser, jeden Abend erschöpft vom stetigen Kampf mit dem Gegenwind. Lauenburg mein Ziel näherte sich rasch. Der letzte Tag war der härteste, da die Elbe sich westwärts wand und immer breiter wurde, hatte ich auf über 20km vollen Gegenwind von vorn. Jetzt kam es nicht nur auf physische Stärke an, sondern vor allem auf mentales Duchhaltevermögen. Als langjährige Läuferin und Trainerin bewährten sich jetzt Ausdauer, Zähigkeit und mentale Stärke. Mit letzter Kraft und körperlich sehr erschöpft erreichte ich endlich mein Ziel: Lauenburg an der Elbe, wo ich von meinem lieben Mann Jörg freudig in Empfang genommen wurde.
Nach 300km von Magdeburg bis Lauenburg hatte ich mein Ziel erreicht.
Somit habe ich in diesem und letzten Jahr insgesamt 700km mit dem SUP Board auf der Elbe zurückgelegt, von Usti nad labem bis Lauenburg. Ich erlebte eine tiefe Befriedigung und Freude, daß ich es durchgestanden hatte und nicht aufgegeben habe an mein Ziel zu glauben. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Es ist wunderschön vom Fluss getragen zu werden, auf ihm unterwegs zu sein, nie war mir langweilig, immer gab es etwas zu beobachten oder einfach die Stille und Natur zu genießen.
Die Herausforderung hat mich stärker gemacht. Ich weiß was mir möglich ist: Grenzen zu überwinden mit dem tiefen Vertrauen an die uns innewohnende universelle Kraft. Von Herzen DANKE."
Anne Kraatz, Flusswanderin


