Reporter Eutin

Wenn Geschichten Geschichte schreiben

Diedrichsdorf (kud). „Leider ist es inzwischen fast schon Tradition, dass es bei meinen Führungen regnet“. Leicht genervt wirft Sönke Petersen einen Blick an den seit Tagen wolkenverhangenen Himmel. Petersen steht unter dem Dach der Paul-Gerhard-Kirche und freut sich, dass nach und nach sieben Wetterfeste eintrudeln, die trotz Regen mehr darüber erfahren wollen, wie aus einem Bauerndorf eine Arbeitersiedlung mit Anspruch wurde. Sönke Petersen, der gelernte Vermessungstechniker, lebt seit 50 Jahren in Diedrichsdorf und bietet seit mehr als 20 Jahren seine Stadtteilführungen an.
 
Neugier und berufliches Engagement ließen Petersen vor vielen Jahren den Weg des Hobbyhistorikers einschlagen. Inzwischen hat er seine Wissensschätze auch in einem Buch festgehalten. Die Gruppe ist komplett. Nur ein gemeldeter Gast hatte wohl keine Lust, dem Schietwetter zu trotzen. Sönke Petersen sprudelt los und erzählt zur Einführung erst einmal von dem kleinen Bauerndorf, das Diedrichsdorf einst war. Eine Kirche gab es noch nicht, aber Bauernstellen, die fest in den Händen alt eingesessener Familien ruhten und sich um den Dorfteich scharten, der noch heute ein kleines Zentrum des inzwischen eingemeindeten Kieler Stadtteils bildet. Familiennamen wie „Ivens“ gehören wie der Dorfteich zum Stadtteil.
 
Ansonsten ist es schwierig, die Besucher, die diesmal fast ausschließlich selbst Diedrichsdorfer sind und mehr über ihre Wohnumgebung erfahren möchten, mit Altem vertraut zu machen. Sönke Petersen:“ Die Werft war in beiden Kriegen, besonders im zweiten, natürlich Ziel vieler Bomben. Und so blieb auch vom alten Diedrichsdorf ebenso wenig stehen wie von ganz Kiel“. Ein paar wenige Kleinodien gibt es aber doch noch. So wie das Gebäude am Boksberg, das 1898 als Arbeiterhaus erbaut wurde. Wer genauer hinsieht, stellt leicht irritiert fest, dass dieses Haus gleich zwei Hausnummern trägt. „18“ und „245“. Petersen hat natürlich auch dafür eine Erklärung. „Früher wurden die Häuser einer Straße nicht wie heute durchnummeriert. Wurde ein Haus im Ort gebaut, erhielt es eine eigene Nummer.
 
Dieses Gebäude war das 245., das in Diedrichsdorf gebaut wurde“. Ehrgeizig und vor allem auch nach heutigen Städtebaumaßstäben modern: die Pläne des Ortsvorstehers Hermann Schoepe. Ihm schwebte Anfang des 20. Jahrhunderts ein Diedrichsdorf vor, das alle Bedürfnisse seiner Bewohner berücksichtigen sollte. Einen Marktplatz sollte es geben, ein Rathaus, eine Kirche, Schule und Volksbadeanstalt, eine Feuerwache. Nicht alles konnte der aufgeschlossene Kommunalpolitiker realisieren. Die Badeanstalt aber kam wirklich zustande. Hintergrund: In ihren Arbeiterhäuschen hatten die Bewohner keine eigenen Bäder und Toiletten. Beides befand sich für je eine Hausgemeinschaft meistens in den Hinterhöfen.
 
Mit der neuen Badeanstalt änderte sich der für heutige Ansprüche unhaltbare Zustand. Für 50 Pfennige konnte sich jeder eine Badewanne erster Klasse mit Seife und Handtuch mieten, in der zweiten Klasse kostete es nur 23 Pfennige. Ein Brausebad gab es schon für 15 Pfennige. An vier Tagen durften die Männer die Badeanstalt nutzen, die Frauen an drei Tagen. Hochbetrieb, weiß Sönke Petersten, herrschte meistens an den Wochenenden, wenn sich die Männer den Dreck der Arbeitswoche einmal in Ruhe vom Körper waschen konnten. Die Turnhalle nebenan teilten sich Schüler, ein bürgerlicher sowie ein Arbeiterturnverein. Petersen:“ Diese beiden gesellschaftlichen Gruppierungen gab es, Bürgerliche und Arbeiter. Und beide legten großen Wert darauf, unter sich zu bleiben.“ 23 Jahre lang war Sönke Petersen Ortsbeiratsvorsitzender von Neumühlen – Diedrichsdorf – Oppendorf. Viele politische und städtebauliche Entwicklungen hat er verfolgt.
 
Auch die Umbenennung von Straßen im so genannten „Afrika-Viertel“, in dem nicht etwa Afrikaner wohnten, mit dem vielmehr angebliche Afrikaforscher geehrt werden sollte. „Aber viele von denen waren Betrüger und haben sich in Afrika wenig segensreich hervorgetan“. Nach und nach sind einige dieser Namen verschwunden. Verschwunden wie so vieles, dass das ehemalige Bauerndorf ausgemacht hat. Das alles ist nachzulesen in Sönke Petersens Buch „Arbeiterbewegung, Kommune und Howaldtswerke“.



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