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„Alles fing ganz harmlos an?…”

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Dagmar Gertulla und Jörn Brücken von der Brücke Ostholstein mit einem Teil der Wanderausstellung „Wie geht’s?“ über psychische Gesundheit, die heute um 14 Uhr in der Kreisbibliothek mit vielen kleinen Aktionen und noch mehr Informationen eröffnet wird.

Dagmar Gertulla und Jörn Brücken von der Brücke Ostholstein mit einem Teil der Wanderausstellung „Wie geht’s?“ über psychische Gesundheit, die heute um 14 Uhr in der Kreisbibliothek mit vielen kleinen Aktionen und noch mehr Informationen eröffnet wird.

Eutin (ed). Heute Nachmittag um 14 Uhr wird eine Ausstellung in der Kreisbibliothek eröffnet, die es in sich hat – „Wie geht’s?“ heißt sie, und es ist keines dieser lapidaren „Wie geht’s?“, auf die man gar keine Antwort geben soll. Das „Wie geht’s?“ ist ernst gemeint und hakt nach. Denn es geht um psychische Gesundheit – und um die ist es gerade bei jungen Menschen oftmals nicht so gut bestellt. Leistungsdruck, Soziale Medien, Anderssein, Probleme zu Hause verarbeitet nicht jeder gleich (gut). Wer dann Hilfe sucht, ist kein Loser sondern ein Held. „Die Helden dieser Ausstellung“, sagt Dagmar Gertulla, Regionalleitung der Brücke Ostholstein und Mit-Initiatorin der Ausstellung, „sind junge Menschen, die selbst in einer seelischen Krise waren. Sie erzählen hier, was ihnen geholfen hat, da heraus zu kommen.“ Daher der Untertitel „Was mich stark macht“, denn die Ausstellung soll nicht runterziehen, sie soll zeigen, welche Ursachen seelische Erkrankungen haben, und was helfen kann.
Gestaltet wurde die Ausstellung vom Verein „Irrsinnig menschlich“ und sie gehört zu dessen Programm „Verrückt, na und?“, mit dem die Brücke Ostholstein an Schulen geht und auf besondere Weise über seelische Erkrankungen aufklärt. „Die Ausstellung ist für uns eine Möglichkeit, junge Menschen auch außerhalb der Schulen anzusprechen“, so Jörn Brücken von der Brücke Ostholstein, „und seelische Erkrankungen, Vielfalt und Anderssein ein bisschen weiter in die Mitte der Gesellschaft zu holen.“ Denn all das gehört zum Leben – ist normal, oder wie die 14jährige Lea es ausdrückt: „Glaubt Ihr, dass alle Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, bekloppte Typen sind? Dann habt Ihr Unrecht.“ Fast jeder macht mindestens einmal im Leben eine Erfahrung mit Depressionen oder anderen seelischen Erkrankungen, viele schaffen es ohne Hilfe, viele aber auch nicht. „So geht es auch ein Stück weit um die Entstigmatisierung der Menschen mit psychischen Erkrankungen“, erklärt Jörn Brücken, „die jungen Leute, die hier erzählen, wollen ihre Erfahrungen weitergeben und was ihnen persönlich geholfen hat.“
Angststörungen, Selbsthass und Selbstverletzung, Depressionen, Psychosen oder eine Sucht. Seelische Krisen gibt es verschiedenster Art, so verschieden wie ihre Ursachen und die Menschen, die daran erkranken – manche Ursachen kann man auch als Außenstehender bekämpfen, wie Mobbing oder Ausgrenzung. Indem man sich dem Opfer zur Seite stellt und die anderen zur Rede. Auch hierfür bietet die Ausstellung Tipps – denn Mobber brauchen Zuschauer und Bewunderer, bekommen sie stattdessen Gegenwind, macht das Mobbing keinen Spaß mehr und die Sache dreht sich ganz schnell ins Gegenteil. Sich gegen einen Mobber zu stellen, das erfordert Mut – und Einfühlungsvermögen. Denn Mobbing erkennt man vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick: „Alles fing harmlos an“, erzählt die 16jährige Jana, „neue Schule, neue Klasse, neue Clique. Und ich passte in keine rein. Zuerst gaben sie mir blöde Namen, dann klauten sie mir meine Sachen und lauerten mir auf, bis ich nicht mehr zur Schule gegangen bin. Es war die Hölle.“
Krisen gehören zum Leben dazu – und Jugendliche in der Pubertät sind sowieso ständig in der Krise. Kommen dann noch Probleme wie der immense Leistungsdruck oder Mobbing dazu, wird das Aus-der-Krise-kommen immer schwieriger. Vor allem, wenn dann keiner da ist, der hilft – „in unserer schnell-lebigen Zeit achtet keiner mehr so richtig auf den anderen“, so Dagmar Gertulla, „umso wichtiger ist es, einfach inne zu halten und nach sich und den anderen zu gucken.“ Das ist es auch, was die Brücke Ostholstein bei den „Verrückt, na und?“-Schultagen macht – junge Menschen für psychische Erkrankungen zu sensibilisieren, zu zeigen, dass es nicht uncool ist, sich Hilfe zu holen oder selbst zu helfen. Am besten im Klassenverband kollektiv zu zeigen: „Mobbing lassen wir hier nicht zu.“ „Beim Mobbing ist es wie bei allen Übergriffen“, so Jörn Brücken, „die Menschen gucken lieber weg, weil sie Angst haben, es könnte auch sie treffen. Umso wichtiger ist es, dass mehrere aufstehen und gemeinsam helfen.“ Mobbing gab es schon immer – nur wird es heute durch Soziale Medien potenziert, geht viel schneller herum, jeder kann mit- und es noch schlimmer machen. Oder eben nicht.
„Wir freuen uns sehr, dass wir die Ausstellung hier zeigen dürfen, wo sie für jeden zugänglich ist. Und auch, dass wir mit diesem Thema bei Beate Sieweke als Leiterin der Kreisbibliothek offene Türen einrennen konnten. Das war eine tolle Zusammenarbeit mit dem Team der Bücherei.“ Zehn bunte Roll-ups zeigen junge Menschen, die aus ihren seelischen Krisen herausgefunden haben, berichten, was ihnen geholfen hat. Es gibt zu jedem Thema O-Töne von Betroffenen, vor allem aber eine ganze Liste an Dingen, die helfen können. „Denn je früher man sich Hilfe sucht, desto besser“, macht Dagmar Gertulla deutlich. Zusammen mit Jörn Brücken ist sie zweimal pro Woche vor Ort in der Kreisbibliothek und steht für Fragen zur Verfügung. Mittwochs von 10 bis 13 Uhr und donnerstags von 16 bis 19 Uhr haben die beiden ein offenes Ohr, sprechen mit jungen (oder älteren) Menschen über psychische Gesundheit und alles, was dazugehört, von den Ursachen bis zum Ausweg – „wir haben einen Krisenauswegweiser dabei, in dem alles Wichtige steht, den geben wir gern Hilfesuchenden oder Hilfswilligen mit.“ Herzlich willkommen sind auch Lehrer und andere Erwachsene – denn es geht um Hilfe bei psychischen Erkrankungen ebenso wie um Solidarität mit seelisch erkrankten Menschen.


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