Reporter Eutin

„Ich wollte wissen, wie es sich mit einem Baby anfühlt“

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Eutin (ed). Sulaf ist erstmal durch mit dem Baby-Thema. Der kleine Lien sei zwar total süß, aber erholsamer Schlaf und Zeit für sich selbst seien auch was Schönes, sagt die 13jährige Wisser-Schülerin. Sie ist eine der acht Schülerinnen, die für vier Tage der vergangenen Woche „Eltern auf Probe“ waren. Vier Tage mit Baby, zu zweit oder „alleinerziehend“ – einfach um auszuprobieren, wie das so ist, das Elternsein. Festzustellen, ob das überhaupt etwas für sie ist – ob demnächst oder erst viel später. Anstrengend, müde, schwierig sind Worte, die sie alle mal wählen – aber alle sind sich auch einig, dass sie, wenn das ginge, noch Zeit mit dem „Baby“ dranhängen würden.
Auf Initiative der Schulsozialpädagogin der Wisser-Schule Heike Junge hat das FamilienZentrum Eutin der Schule „Eltern auf Probe“ mit Daniela LeGrand und Jeannette Brandt vermittelt. Seit 2008 schon bietet Daniela LeGrand Schulen das Projekt an und hat wahrscheinlich schon die eine oder andere frühe Schwangerschaft verhindert.
Zusammen mit ihrer Kollegin erklärt Daniela LeGrand den Schülerinnen, was sie über ihre Babys und den Umgang mit ihnen wissen müssen – „das Wichtigste ist, das Köpfchen zu stützen“, sagt Annelie (15) und wiegt ihren kleinen Leon – weist sie in die Technik ein, macht deutlich, was Babys brauchen, was alles passieren kann, was nicht passieren darf. So richtig auf sich allein gestellt sind die Mädels ohnehin nicht, denn sie dürfen die beiden Kursleiterinnen rund um die Uhr anrufen, wenns brenzlig wird – musste aber keine. „Die Mädels machen das wirklich toll“, freut sich Daniela LeGrand, „und nehmen das alle sehr ernst.“ Eltern auf Probe“ sei eine super Zeit, um einen realistischen Eindruck vom Leben mit einem Baby zu bekommen, weiß die Projektleiterin. „Die Mädels lernen, sich selbst einzuschätzen, sie sehen, ob ihnen das überhaupt liegt, das Elternsein, und oftmals können sie ganz gut ein paar Vorstellungen korrigieren…“
Die Schülerinnen geben ihren Babys Namen, können dann wählen, welchen der drei Schwierigkeitsgrade sie an welchem Tag haben wollten. Carla (14) hat für ihren kleinen Yannick an allen Tagen „schwer“ gewählt, weil sie aber quasi alleinerziehend ist, „war das jetzt doch ganz schön anstrengend.“ Je nach Schweirigkeit weckt das Baby seine Mama nachts mal mehr oder weniger häufig, quengelt mehr oder weniger, will noch vorsichtiger behandelt werden als ein rohes Ei. Ohnehin seien die Babys extrem sensibel allen Erschütterungen gegenüber – „oder wenn man das Köpfchen nicht stützt“, so Daniela LeGrand, „es ist eine wirklich gute Übung für den Umgang mit einem Neugeborenen oder Säugling.“ „
Isabella (14) und Denisa (15) haben sich das Leben absichtlich schwer gemacht und für die Tage 2, 3 und 4 den höchsten Schwierigkeitsgrad gewählt. „Wir dachten, wir kriegen das hin, wir sind ja zu zweit“, sagt Denisa. Hingekriegt haben sie es natürlich, aber anstrengend war es schon, denn ihre kleine Luana ist kein Sonnenschein.
„Sie hat Hunger, dann muss sie ihr Bäuerchen machen, dann ist die Windel voll und dann hat sie wieder Hunger“, lacht Isabella und verdreht die Augen. Sina (14) und Sulaf sorgen für ihren kleinen Lien zu zweit und steigern von Tag zu Tag die Schwierigkeit. Die Babys wachen nachts auf und wollen gefüttert oder einfach nur gewiegt werden, das müssen die Mädels erkennen lernen – wie im echten Leben ist auch Elternsein auf Probe ein Vollzeitjob, plötzlich ist alles aufs Baby ausgerichtet, selbst wenns kein echtes ist. Sie wollen alles richtig machen und nehmen das Projekt sehr ernst.
Die Teilnahme an „Eltern auf Probe“ ist freiwillig und arbeitsintensiv – und wer mitmachen wollte, musste sich dafür „bewerben“ und den Wunsch begründen. Isabella erzählt, sie habe eine Freundin, die mit 15 ein Baby bekommen habe und einfach wissen wollen, wie sich das anfühlt, in dem Alter ein Baby zu haben. Auch die anderen wollten wissen, wie es sich anfühlt, das Elternsein. „Und ums Anfühlen geht es hier“, erklärt Daniela LeGrand, „wie es sich anfühlt, für jemanden Verantwortung zu tragen.“ Immer dran zu denken, das Köpfchen zu stützen, zu lernen, welches Geräusch Hunger ist, welches eine volle Windel und welches einfach nur Aufmerksamkeit einfordert. Festzustellen, dass man auch beim sechsten Schreien nachts aufstehen muss, weil es nicht still ist – und jede Unachtsamkeit, jede Unaufmerksamkeit auf dem winzigen Chip vermerkt, den diese hochtechnologisierten Baby-Computer in sich tragen. Der wird am Tag darauf ausgelesen und besprochen.
Es ist ein „Wie geht Elternsein-Komplettpaket“, das Daniela LeGrand und Jeannette Brandt den jungen Frauen da mitgeben. Neben dem „Alltag mit Baby“ stehen ein Besuch auf der Wochenstation, im Kreißsaal (inklusive Hebamme und Ultraschall) und in der Kinderklinik auf dem Programm und natürlich Gespräche über Verhütung und Schwangerschaft im Besonderen, Elternsein im Allgemeinen, um Sexualität, die Pille danach, Alkohol in der Schwangerschaft oder das Shakin’ Baby-Syndrom. Außerdem waren sie alle zusammen in der Stadt, um rauszufinden, was so eine Baby-Erstausstattung kostet. „Nimmt man einen günstigen Kinderwagen für nur 400 Euro“, sagt Daniela LeGrand, nachdem sie alles aufgelistet und ausgerechnet hat, „sind das 2.400 Euro.“
Manchmal sind auch die Reaktionen ihres Umfelds schwierig für die jungen „Mamas“, aber ihre Eltern seien nur ein bisschen irritiert gewesen, der eine oder andere Vater habe seine Tochter ausgelacht. Aber als zum Beispiel die kleine Luana bei McDonalds angefangen habe zu schreien, seien alle total nett gewesen. So richtig blöde Erfahrungen haben die Mädels nur mit den Jungs ihrer Schule gemacht, die doofe Sprüche bringen und auch sonst ziemlich albern und abfällig über die „Babys“ reden. Fast alle gewinnen sie ihre “Babys“ lieb, aber demnächst ein eigenes? Das man nicht mehr abgeben kann? Lieber erstmal nicht…das finden jedenfalls Denisa und Isabella, Carla und Sina, Sulaf, Annelie, Niveen und Angelina.


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