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„Nur die Menschen hier mag ich noch lieber als Bücher“

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Eutin (ed). An ihrem letzten Arbeitstag hat Bärbel Bierend natürlich ihre Gitarre dabei – auf Wunsch ihrer KollegInnen, sagt sie, aber so kommen natürlich auch die LeserInnen hier und da in den Genuss eines kleinen Privatkonzerts. Hinterm Tresen der Kreisbibliothek sitzt sie und singt Evergreens, wird nur unterbrochen von Abschiedsgrüßen und guten Wünschen für den Ruhestand, denn natürlich hat sich rumgesprochen, dass das Urgestein der Bücherei nach dreiundzwanzigeinhalb Jahren in Rente geht. In Kauf nehmen will das niemand so recht, denn Bärbel Bierend wird fehlen im Bücherei-Team. Dabei sah es mal gar nicht so aus, als würde sie je in der Kreisbibliothek landen.
Von Haus aus ist sie Verwaltungsangestellte, in Malente aufgewachsen zog sie 1979 nach Eutin, hat beim Kreis Ostholstein gearbeitet, ging dann für 14 Jahre in Elternzeit, und als sie zurückkam, wurde sie gefragt, ob sie es sich vorstellen könne, in der Kreisbibliothek Bücher einzuschlagen, zu sortieren und zu reparieren. „Das konnte ich mir prima vorstellen, denn gelesen habe ich schon immer gern“, erinnert sie sich, „also habe ich am 1. Januar 1999 hier angefangen.“ Eine ganze Zeit lang schlug sie also Bücher ein, reparierte und sortierte sie. „Aber dann hab ich irgendwann gefragt, ob ich nicht auch mal an den Tresen dürfte“, lacht Bärbel Bierend. „Denn ich liebe Bücher sehr, aber noch mehr liebe ich die Menschen hier, die herkommen und Bücher ausleihen.“ Und seitdem ist sie hinter dem Tresen schlecht wegzudenken – sie verbreitet unerschrocken gute Laune, hat für jeden ein Lächeln und ein freundliches Wort. „Oder eine Lebensweisheit“, sagt ihre Kollegin Simone Pooch, „die werden uns sehr fehlen. Und ihre herzliche Art im Team, ihre Sprüche. Und überhaupt alles.“ Das mag Bärbel Bierend gar nicht hören, aber jeder Nutzer der Kreisbibliothek wird das unterschreiben können – so wundert es nicht, dass eine Bibliotheksnutzerin sich an ihrem letzten Arbeitstag mit einer Blume von ihr verabschiedet – als sie vor einem halben Jahr nach Eutin gezogen war, erzählt sie, sei sie hier vorstellig geworden, natürlich um Bücher auszuleihen. „Und Sie haben mich angepflaumt“, strahlt sie – und beschreibt damit diese typische Bärbel Bierend, liebevoll und ohne Schnörkel, einfach ganz Herz und Humor. „Sie waren die Erste, die sich meinen Namen merken konnte und haben mir das Gefühl gegeben: Ich glaub, hier kannste bleiben.“ Ob Groß, ob Klein, ob schon ewig mit Bibliotheksausweis oder ganz neu, jeder ist ihr herzlich willkommen, über jeden freut sich sich und begegnet ihm auf der sprichwörtlichen Augenhöhe – engagiert, herzlich, hilfsbereit und für jeden ein offenes Ohr.
Für den Förderkreis der Kreisbibliothek sei sie immer eine große Unterstützung gewesen, bedankt sich dessen Vorsitzende Ute Griep von Herzen und mit einem feinen Frühstücksgutschein bei Bärbel Bierend. „ich weiß nicht, wieviele Stühle wir zusammen mit Deinem Mann für Veranstaltungen auf- und wieder abgebaut haben.“ Zudem sei die Familie Bierend bereits seit 2003 Mitglied des Förderkreises – und mit ihrer Band ein gern gesehener Stargast für Eröffnungen und Veranstaltungen.
Musik macht Bärbel Bierend übrigens noch gar nicht so lange – gesungen habe sie aber immer gern und 2008 mit 52 Jahren angefangen, Gitarrespielen zu lernen, erste kleine Konzerte mit ihrer Gitarrenlehrerin zu geben. 2010 habe die damalige Bibliotheksleiterin Erika Hofmann sie gefragt, ob sie nicht Lust auf eine plattdeutsche Veranstaltung in der Bücherei habe – und sie hatte, denn das Plattdeutsche liegt ihr im Blut und am Herzen. Seither hat Bärbel Bierend nicht nur ihre Lesungen zu echten Events op platt erweitert, begeistert mit ihren Rietfiedellüüd Klein und Groß, Alt und Jung.
65 Jahre und zehn Monate ist sie jung, auf dem Papier zumindest, theoretisch bestes Rentenalter, aber praktisch reißt sie eine ganz schöne Lücke hinterm Tresen der Kreisbibliothek, wird vermisst werden von ihren KollegInnen und den NutzerInnen der Bücherei. Und sie selbst kann sich auch nicht recht entscheiden, wie sie das nun findet, am Dienstag nicht zum Dienst anzutreten: „Vom Alter her ist es ja richtig, in den Ruhestand zu gehen“, sagt Bärbel ein bisschen wehmütig, „aber meine Seele möchte noch nicht in Rente gehen sondern hierbleiben.“ Aber ein Ruhestand wird es sowieso nicht, das weiß, wer sie kennt – „ich werde noch mehr lesen als bisher“, strahlt sie übers ganze Gesicht, „am liebsten englische Krimis und Bücher, die in der Arktis spielen. Und sehr viel proben, denn wir haben im Herbst eine Menge Auftritte.“ Denn das ist das Gute: Bärbel Bierend arbeitet zwar nicht mehr in der Kreisbibliothek – aber dank der Auftritte mit ihren Rietfiedellüüd verschwindet sie nicht von der Bildfläche und mit ihrer KollegInnen-Familie ist sie so eng verbunden, dass sie sich ohnehin nicht aus den Augen verlieren. Aber ein bisschen traurig sei sie schon, dass sie ab Dienstag nur noch vor dem Tresen und zu Gast in der Kreisbibliothek sein werde. Mit ihrer Band-Kollegin Simone Pooch zusammen schmettert sie dann „Griechischer Wein“ – in der letzten Zeile heißt es: „Wieder, in dieser Stadt werd’ ich immer nur ein Fremder sein, und allein.“ Aber egal, wie lang sie weg ist, hier wird Bärbel Bierend nie fremd sein oder gar allein: „Für Dich“, versichern ihre KollegInnen ihr, „ist hinterm Tresen immer ein Plätzchen frei.“


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