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Zeitreise durch die Geschichte der Automobil-Werbung

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Eutin (ed). „Weil er zu mir passt!“, „So viel Auto wie man heute braucht“ – markante Slogans, plakative Fotos, starke Farben, schöne Frauen und natürlich eine ganze Menge toller Autos. So könnte man die neue Ausstellung „Der Deutschen liebstes Kind“, die seit gestern im Dachgeschoss des Ostholstein Museums zu sehen ist, in ganz wenigen Worten zusammenfassen. Das Schöne aber ist: Diese Ausstellung ist viel mehr als nur die rund 60 Werbeplakate aus der Autoindustrie – sie ist echte Zeitgeschichte.
Schon im Treppenhaus empfängt eine zauberhafte Werbung von Volkswagen die BesucherInnen: Eine junge Frau mit Glockenhut hält verträumt ihren Autoschlüssel in der Hand und drüber steht: „Weil er zu mir passt“. „Und es ist ganz klar, dass es hier um den Käfer geht“, lacht Dr. Julia Hümme, die Leiterin des Ostholstein Museums. „Denn bei der Volkswagenwerbung der 60er und 70er ging es immer vor allem um den Käfer.“ Besonders schön ist das Plakat im ersten Stock, das in Jeansblau und mit einem gestickten Käfer in Orange die komplette Ausstattung des deutschen Kultautos bewirbt – und obwohl es fast eine Abhandlung ist statt der sonst üblichen markigen Slogans, ist es doch irgendwie kein Wort zuviel sondern erinnert an das Gefühl, in einem klapprigen Käfer durch die Lande zu sausen. Zumindest, wenn man alt genug dafür ist, sich an die Zeit der Käfer zu erinnern – für Kinder der 60er, 70er und 80er ist diese Ausstellung eine Reise in ihre Kindheit. Dazu muss man weder Auto- noch Kunst-Fan sein, denn Autowerbung war (und ist) allgegenwärtig und veränderte sich mit der Gesellschaft und der Politik, mit Zeitgeist und -geschehen. „“Obwohl die Autoindustrie sicherlich mit das größte Budget für Werbung zur Verfügung hat und das auch einzusetzen weiß“, so Dr. Julia Hümme, „unterliegt sie doch auch wie kaum eine andere gesellschaftlichen und politischen Strömungen. So gesehen sind diese Plakate echte Zeitdokumente.“
Die Ausstellung beginnt zeitlich noch ein ganzes Stück vor dem Käfer – die ersten Plakate sind von 1956 und 1957 und werben für den Karmann Ghia und die Isabella von Borgward. „Die ersten der Plakate sind noch Zeichnungen, so wie auch die Werbung für den Opel Kapitän“, sagt Dr. Julia Hümme, „aber danach geht es schnell mit den Fotos los.“ Aus noch früheren Zeiten stammt der Reprint aus den 30ern „Sieh die Welt aus Deinem Mercedes“ – „in den Nachkriegsjahren, den 50er und 60er Jahren dann stand die Autowerbung dafür, dass man wieder reisen, sich etwas leisten konnte“, so die Museumsleiterin. „Dafür stand unter anderem der Käfer.“ Und den britischen Zeitgeist der 60er verkörpert auf bezaubernde Weise die Werbung für den ersten Mini. Vor allem waren die Autos aber Statements – wie der Opel Kapitän. Mit den 70ern dann wurden dank der Ölkrise die Autos kleiner, leichter, sparsamer, Citroën baute die Ente, auch Renault, Fiat, Honda und Co bauten kleiner.
„Autowerbung funktioniert durch Slogans, manchmal aber auch nur über die Marke und ein Foto, plakativ in Szene gesetzt“, so Julia Hümme – wie bei der Alfa Romeo Werbung, die italienischer Fahrspaß pur ist. Oder beim Citroën Visa, bei dem schlicht „L’auto“ als Slogan steht. Aber manchmal spricht die Werbung auch durch eine ganze Szene, die die Zielgruppe anspricht. So wie das Paar, das sich an seinem Hochzeitstag über einen Renault freut, oder der Honda Civic, der Ende der 70er, Anfang der 80er „so viel Auto, wie man heute braucht“ war, ob für Paare oder ganze Familien, in diesen Autos hatten alle Platz. So kommt der Simic 1000 gut gelaunt daher und verspricht Lebensfreude schon ab 6590 Francs… Bevor in den späteren 80ern und 90ern das Autofahren dann wieder für Luxus und Sportlichkeit stand – das zeigt auf etwas arrogante Weise die Porsche-Werbung sehr schick. Lustigerweise auch die Dame im Pelzmantel, die so luxuriös für den Toyota Celica wirbt. Ohnehin spiegelt das Frauenbild in der Automobilwerbung so sehr den Zeitgeist wider wie die Werbung selbst – schöne Frauen werben für schnelle Autos, fahren aber nicht selbst? Und was macht eigentlich die Ballerina auf der Motorhaube des Fiat Uno… Die Plakat-Auswahl reicht bis in die 2000er und lädt auf unterhaltsame, nostalgische und auch humorvolle Weise zu einer Zeitreise der besonderen Art ein, sie zeigt, wie die Modelle, die Werbung und auch die Gesellschaft und der Zeitgeist sich verändert haben.
Die Plakate stammen aus dem riesigen Fundus des Stadt- und Schiffahrtsmuseums in Kiel, das vor zwei Jahren eine sehr erfolgreiche Ausstellung damit gestaltete – „wir zeigen aus Platzgründen nur eine kleine Auswahl, aber die mussten es sein“, schmunzelt Julia Hümme. „Wir freuen uns sehr auf die Reaktionen der Besucher, ob Auto- oder Kunstliebhaber oder Menschen, die die Autos ihrer Kindheit mal wiedersehen möchten.“
Das Ostholstein Museum zeigt „Der Deutschen liebstes Kind“ noch bis zum 7. November 2021, in der Ausstellung ist ein Katalog der Kieler Ausstellung von 2019 erhältlich. Es gilt beim Besuch die 3G-Regel.


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