Reporter Eutin

Rätsel der Archäologie

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Heikendorf (los). Wer anderen eine Grube gräbt... Der Heikendorfer Krischansberg gleicht derzeit mehr einem Schweizer Käse als einem Acker und künftigem Bauland.
Die Löcher und Senken sind das Ergebnis intensiver Grabungsarbeiten im Auftrag des Archäologischen Landesamtes. Dessen Mission ist es, Bodendenkmalen auf die Spur zu kommen. Rund 20.000 Quadratmeter wurden bei den Grabungen aufgemacht, schätzt Ausgrabungsleiter Eric Müller. Spannend sind die Befunde, die von den sachkundigen Händen seiner Mitarbeiter seit März 2022 entdeckt wurden. Denn sie sind nicht nur ungewöhnlich zahlreich, sondern geben etwas äußerst Ungewöhnliches aus dem Leben der stein-, bronze- und eisenzeitlichen Heikendorfer preis. Etwas, das in der Archäologie seinesgleichen sucht, und Rätsel aufgibt. Und das, kaum das es dokumentiert ist, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht werden wird, der längst verplant ist. So geschieht es regelmäßig, wenn Flächen bebaut werden sollen: „Sobald Fundstellen bekannt sind, müssen wir tätig werden“, erläutert Eric Müller. Zugleich bedeute dies, dass ein Bodendenkmal zerstört werde. Jetzt im November finden die letzten Arbeiten statt, denn „wir müssen uns an die zeitlichen Vereinbarungen halten“, erklärt Eric Müller, der hier mit einem sechsköpfigen Kernteam sowie FSJlern und Praktikanten gräbt. Das ganze Jahr über sei die Arbeit schwierig gewesen, sagt er. Insbesondere die Trockenheit 2022 machte den lehmigen Boden hart und schwer zu bearbeiten. Und wandelt sich der Arbeitsplatz durch Niederschlag in eine Matschgrube, bekomme das Ausgrabungsteam ebenfalls Probleme.
Zunächst rollten Bagger auf dem künftigen Bauland an, haben Erde zu Wällen zusammengeschoben und Gräben ausgehoben. Dann starteten probeweise Ausgrabungen. „Wenn Befunde in den archäologischen Voruntersuchungen auftauchen, müssen wir eine Hauptuntersuchung durchführen“, beschreibt Müller die festgelegten Abläufe. Und Befunde gab es in Heikendorf. Überraschend für die Archäologen: „Wir haben viel mehr gefunden, als erwartet.“ Vor allem Spuren und Siedlungsbefunde aus der vorrömischen Eisenzeit, „zirka 500 bis 250 v. Chr.“, aber auch aus der Bronze- und sogar aus der Steinzeit spürten sie auf, sicherten, sammelten und dokumentierten sie. Darunter Vorratsgruben, „wie wir sie in einer solchen Anzahl in Siedlungen noch nicht hatten“, berichtet Müller - Gruben die das Überleben sichern sollten. Aufgrund ihrer in der Tiefe breiten und sich nach oben verjüngenden Form werden sie Kegelstumpfgruben genannt, in denen „in der Regel Getreide gelagert wurde“. Dafür hätten die Siedler auf dem späteren Krischansberg die Wände mit Steinen oder auch mit Flechtwerk ausgekleidet. Das Prinzip, dass die Körner unverdorben erhält, ist einfach: Sind die Grubenöffnungen in der lehmigen Erde luftdicht verschlossen, enthält die restliche Luft um den eingelagerten Getreidehaufen noch genug Sauerstoff, sodass die äußere Körnerschicht zu schimmeln beginnt. Bei diesem Prozess gibt der wachsende Pilz Kohlenstoffdioxid (CO2) ab. Dieses reichert sich an, während der Sauerstoffanteil abnimmt. Mikroorganismen können sich dann nicht mehr entwickeln, verdeutlicht Müller. Und so wirkt die umgebende Luftschicht konservierend. Das Korn unterhalb der angeschimmelten Lage bleibt brauchbar. Einziger Haken: „Will man Getreide entnehmen, muss man es komplett herausnehmen und wieder lagern.“ Dafür seien erhöhte Plattformen auf Pfosten mit einer Dachkonstruktion errichtet worden. Diese besonders luftige Methode der Lagerung blieb sogar bis in die jüngere Vergangenheit gebräuchlich: „In Südosteuropa waren solche Plattformen noch bis ins 20. Jahrhundert üblich“, sagt Eric Müller. Und auch Möglichkeiten der Kühlung kannten die Menschen. So wurde Fleisch in Kühlgruben aufbewahrt, erläutert Müller. Die Tiefe, vor allem die Feuchte des Erdreichs und entstehende Verdunstungskälte sorgten für so niedrige Temperaturen, dass es nicht verdarb. Der Steinboden und die mit Stein verkleidete Wand der Grube bewirke im Zusammenspiel mit der Erdfeuchte Kühlung, denn „die Steine nehmen die Feuchtigkeit auf“, verdeutlicht er. Zusätzlich verdunsteten die Keramikgefäße mit der verderblichen Ware Feuchtigkeit als zusätzlichen Kälteeffekt. Das ergebe eine Temperatur von nur „zwei, drei Grad im Sommer, je nach Feuchtigkeit“, erkärt Müller. Wie die Menschen überlebten, ist somit beantwortet. Wie sie lebten, bleibt ein Rätsel. Denn trotz der zahlreichen Vorratsgruben gibt es keine Grundrisse, keine Hinweise auf Häuser, was jedoch auch „an der Bauweise“ liegen könnte, vermutet er. Allerdings gebe es bezüglich der Wohngebäude generell kaum Befunde aus der Zeit.
Doch dass es Gebäude auf dem Krischansberg gegeben haben müsste, scheint logisch: „Man läuft nicht kilometerweit, um sich sein Getreide aus der Vorratsgrube zu holen“, unterstreicht er. Ein möglicher Grund für den Verlust von Spuren könne ein Kuppenabtrag des Hügels in der Nachkriegszeit sein, als ein Bombentrichter auf dem Krischansberg planiert wurde.
Auch Baukeramik wurde den Befunden nach hergestellt. So fand das Grabungsteam mit Ziegeln eingefasste Herdstellen, Ziegel, die für das Auskleiden von Böden und Wänden hergestellt worden waren. Die nötigen Fundgruben zur Herstellung des vorrömischen Baumaterials wurden bei den Arbeiten ebenfalls entdeckt: „Es wurde Lehmabbau in Gruben nachgewiesen“, erzählt Eric Müller. Lehm, der abgebaut und gebrannt wurde. Und der wegen des hohen Bedarfs an Brennmaterial eine massive Abholzung von Wald erfordert haben dürfte. Andererseits konnten so neue Flächen beackert werden.
Das Außergewöhnlichste, das die Archäologen freigelegt haben, ist eine „in der späten Bronzezeit“ bearbeitete natürliche Senke. Ein Toteisloch aus der letzten Eiszeit, die vor rund 12.000 Jahren zu Ende ging, und auf der Kuppe vom Krischansberg ein großes Stück Gletschereis zurückließ. Das schmolz auf der lehmigen Jungmoräne aufgrund des Kühlfaktors durch Verdunstung nur langsam ab und formte die Senke. Wo das Eis wich, wuchs Moor. Aus dem Toteisloch entstand vor Jahrtausenden ein sumpfiger Pfuhl, der sich dem Ausgrabungsteam als unterirdische Schwarztorfschicht offenbart hat. Aber vor allem der bauliche Aufwand, der an den Ufern des Tümpels vor langer Zeit betrieben worden war, scheint unerklärlich. Fest steht angesichts der unternommenen Bauanstrengungen an dem Tümpel nur: Eine Nutzung als Tränke oder Wasserentnahmestelle scheidet aus, ist sich Eric Müller sicher. Denn der Schwarztorf verrät das Sumpfloch als saures Milieu.
Trotzdem machten sich die frühen Siedler irgendwann um 500 v. Chr an die Arbeit. Ein Riesenprojekt: „Sie haben mit Spaten die Senke gegen den Hang gerade gemacht, um die Ränder des ehemaligen Toteislochs einzufassen“, erläutert Müller. Darüber hinaus ist es terrassenartig umlaufend ausgestaltet worden. Großflächig wurde zunächst Lehm aufgetragen „und alles dicht gepflastert, fast mosaikartig“, beschreibt Eric Müller die Senke. Sie misst rund 35 Meter im Durchschnitt. Ein ebenso kunstvoll gepflasterter Steindamm führt geradewegs hinab auf ihr Zentrum zu. Müller und seine Mannschaft haben ihn freigelegt.
Zahlreiche Fundstücke hat das ausgebaute Toteisloch in den vergangenen Monaten preisgegeben: Tierknochen, Keramikgefäße, Eisennadeln, einen Armring. Auch fand man „eine Auswahl weißer Steine, die ganz bewusst deponiert worden sind“, also aus bestimmten Gründen, vielleicht sakralen, nimmt Müller an. Zudem seien Trittsteine im moorigen Bereich gefunden worden. „Das heißt, man wollte an den Torf ran“, sagt Eric Müller. Der Zweck: unklar. „Man wollte offenbar nicht Torf entnehmen, nur da hin.“ Rätselhaft bleibt auch, warum sich Leichenbrand von Tieren auf dem mosaikartig verbauten Steinpflaster befanden, auch Gefäße darin deponiert waren und warum es auf den Steinen an einer Stelle offenbar regelmäßig Brände gab, die sie schwärzten.
Um mehr zu erfahren, seien bereits „jede Menge Proben“ an Geobotaniker, Bodenkundler und Dendrochronologen weitergegeben worden. So soll zum Beispiel den Resten im Untergrund verbauter Hölzer ihr Fälljahr entlockt werden. Denn an der Senke fand das Ausgrabungsteam „rostartige Konstruktionen aus Holz an den Rändern, um die Oberfläche zu stabilisieren“.
„In der Zeit kennen wir keine richtigen Dörfer, nur Gehöfte und Streusiedlungen“, erklärt Eric Müller. Dennoch spricht die Anlage für ein Zusammenwirken vieler Menschen am Ort. Und zwar „unter zentralherrschaftlicher Gesellschaftsstruktur“, so Müller. „Denn wenn man so etwas baut, müssen Personen freigestellt werden“, lautet seine Begründung. „So etwas kann nur passieren, wenn es jemanden gibt, der die Kapazitäten hat und das lenkt, ohne dass die Gesellschaft wirtschaftlich zusammenbricht.“ Denn eigentlich binden Ackerbau und Überleben alle Kräfte. Es muss also aus Sicht der Siedler gute Gründe für ihre bronzezeitliche Bauinitiative gegeben haben. Vor diesem Hintergrund könne als Arbeitshypothese angenommen werden, dass eine Siedlungsgemeinschaft für sich eine Art Versammlungsort ausgebaut hat.
Das Gebiet Krischansberg sei schon rund 3600 v. Chr. besiedelt gewesen, weiß Müller. Jene Siedler gehörten der Trichterbecherkultur an. Zudem zeigten die Befunde Siedlungen aus der Zeit von 800 bis 200 v. Chr. an. Somit tut sich am Krischansberg ein Zeitfenster von über 5000 Jahren auf. „Aufgrund dieser großen zeitlichen Tiefe ist anzunehmen, dass das Siedlungsareal viel größer ist und wir im Radius von 1000 Metern immer auf Siedlungsspuren stoßen.“ Denn Siedlungen verlagerten sich. Und das notwendigerweise, „weil die Böden auslaugen“. Grund ist der Anbau von Kulturpflanzen, die ohne Nachlieferung von Nährstoffen und organischem Material im Gegenzug die Böden zügig verarmen lassen. Die Alternative blieb die Nutzung neuer Ackerflächen. „Aber man würde drei Jahre brauchen und so viel Geld kosten, dass man es keinem Investor zumuten könnte. „Alles kriegt man nie mit“, sagt Eric Müller, „wir sind schon froh, dass wir die Untersuchung so machen konnten, wie wir es gemacht haben.“


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