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Kulturschock für Eutin: Festspiele vor dem Aus

Eutin (vg). Das darf man getrost als Worst Case oder wahlweise Super-GAU bezeichnen: Da hat die Stadt Eutin für rund 18 Millionen Euro eine neue Tribüne für die Eutiner Festspiele gebaut – und dann stampfen die Theatermacher von heute auf morgen den Betrieb ein. Am Mittwoch hat die Eutiner Festspiele gGmbH auf ihrer Homepage das Aus des Festivals bekannt gegeben. Die bereits geplante und beworbene 75. Jubiläumssaison wurde kurzerhand abgesagt. Für bereits gekaufte Tickets für das Musical „Hair“ und die Oper „Turandot“ gibt es eine Rückerstattung.


Nach der Spielzeit 2025 hatten Querelen um nicht bezahlte Rechnungen von Musikern, Künstlern und Saisonpersonal für Schlagzeilen gesorgt und die Festspiele in ein schlechtes Licht gerückt, ja stark an deren Image gekratzt. Aber nicht das Finanzgebaren hat nun für das Ende der Sommeroper gesorgt, sondern Geschäftsführer Falk Herzog gibt den schwarzen Peter an die Kommunalpolitik weiter: Die Stadtvertreter hätten eine engere Zusammenarbeit und schrittweise Übernahme der Trägerschaft abgelehnt. Die Stadt sollte Mehrheitseigner werden und die dringend benötigte Professionalisierung der Strukturen voranbringen, so das Ansinnen der Festspiel-Verantwortlichen. Vor allem ging es darum, mehr öffentliche Fördergelder in diesen Kulturbetrieb zu stecken. Ein Anliegen, das nicht verwunderlich ist: Andere Kommunen und Regionen geben teilweise Millionenbeträge in die Festival-Förderung, die Eutiner Festspiele erhalten von Land, Kreis und Stadt zusammen nur rund 240.000 Euro.


Die Idee der Eutiner Festspiele: Die Stadt Eutin wird zum starken Partner der Festspiele und stellt einen hauptamtlichen Geschäftsführer, der mit einer den Festspielen und ihrem Erfolg angepassten Förderkulisse weitere notwendige personelle und inhaltliche Entscheidungen verantwortet. „Bei der Stadt stießen wir auf offene Ohren und danken dem Bürgermeister und der Verwaltung für ihre Bemühungen. Aber alle Angebote, die wir der Politik unterbreitet haben, fanden keine Mehrheit“, erklärt Falk Herzog, der die Geschäfte der Festspiele seit Herbst 2017 ausschließlich ehrenamtlich führt. Als Verantwortlicher des mittlerweile erfolgreichsten Kulturevents des Sommers in der Region habe er versucht, die Stadt als größten Profiteur für mehr Beteiligung an den Festspielen zu gewinnen, „denn für eine ehrenamtliche Geschäftsführung ist der Kulturbetrieb längst zu groß“, so Herzog. Doch es sei nicht gelungen, die Kommunalpolitik vom Wert der Eutiner Festspiele für die Stadt Eutin zu überzeugen.


Tatsächlich ist es Herzogs großem Engagement zu verdanken, dass die Festspiele in den vergangenen acht Jahren eine beeindruckende Erfolgsgeschichte geschrieben haben – mit Besucherrekorden und vielgelobten Produktionen. Doch jetzt zieht Herzog die Reißleine: Er bedauere den Schritt, „aber ohne hauptamtliche Geschäftsführung und die nötigen Finanzmittel hat ein saisonaler Kulturbetrieb in dieser Größe und der heutigen Zeit keine Chance“, so Falk Herzog und fügt hinzu: „Wie die bewegte Geschichte der Eutiner Festspiele zeigt, gab es bislang nach jedem Wendepunkt ein kleines oder großes Wunder und es ging weiter. Das würde ich mir auch für dieses Mal wünschen. Aber meine Zeit als ehrenamtlicher Geschäftsführer bei den Eutiner Festspielen ist vorbei.“ Er hat sich zusammen mit Mitgesellschafter Joachim Scheele für das Abwickeln der gemeinnützigen GmbH entschieden.


Den Vorsitzenden der Wirtschaftsvereinigung Eutin (WVE), Hans-Wilhelm Hagen, hat die Nachricht kalt erwischt. In einer ersten Stellungnahme gegenüber dem „reporter“ sagte er: „Ich muss das auch erst mal realisieren – bin davon sehr überrascht. Es ist eine Katastrophe, und es wird sicher nicht einfach, eine Lösung zu finden. Wir müssen mit der Stadt – mit Verwaltung und Politik – über eine neue Gesellschafterstruktur sprechen und darüber, ob der Betrieb für 2026 irgendwie noch gerettet werden kann. Es bedarf sicher zunächst einer Bereitschaft aller wichtigen Akteure, sich professionell mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Eutin habe mit seinen kulturellen Highlights ein Alleinstellungsmerkmal in Norddeutschland. Alleine die Festspiele würden 65.000 Besucher anziehen, die eine wichtige wirtschaftliche Kraft entfalten. „Vom touristischen Impuls profitieren – nachgewiesen durch Studien – die Wirtschaft und Beschäftigung und in Folge die Stadt aufgrund von Steuereinnahmen“, so der WVE-Chef.


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