Reporter Eutin

Am lokalen Mythos gekratzt

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Eutin (wh). Wer sich auf eine kulturbeflissene Reise zum „Weimar des Nordens“ vorbereiten und sich in Wikipedia schlau machen will, hat die Wahl zwischen gleich vier Orten, die sich diesen Ehrennamen zugelegt haben: Emkendorf (bei Rendsburg), Gotha (Thüringen), Anyksciai (Litauen) und Eutin. Ob es sich um einen allzu hoch gegriffenen Titel handelt, bleibt den jeweiligen Lokalhistorikern überlassen. Für Eutin hat Klaus Langenfeld schon vor Jahren festgestellt: „Eutin war kein Musenhof wie Weimar, der die Künste förderte, sondern halt eine Stadt der Dichter.“ Und: „Außerdem kommen die Eutiner Dichter dann doch nicht an Goethe und Schiller heran“.
Der das Eutinische Weimar des Nordens „mit der Seele suchende“ Tourist (sofern es den überhaupt gibt) liest bei Wikipedia: „Zwischen 1776 und 1829 erlebte Eutin eine kulturelle Blüte. Der Sturm-und-Drang-Lyriker Friedrich Leopold zu Stolberg, der Dichter und Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß, der Dramatiker Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi und andere weithin bekannte Schriftsteller lebten hier und bildeten den Eutiner Kreis. Matthias Claudius, Friedrich Gottlieb Klopstock, Wilhelm von Humboldt sowie andere bedeutende Persönlichkeiten kamen nach Eutin und suchten den Gedankenaustausch mit ihnen. Der weltberühmte romantische Komponist Carl Maria von Weber wurde 1786 hier geboren. Der Goethe-Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein lebte und wirkte seit 1808 bis zu seinem Tode 1829 in der Stadt.“
Unterschiede zwischen Weimar und Eutin sind jetzt in einem Buch nachzulesen, das in der Reihe „Eutiner Forschungen“ erschienen ist. Die Verfasser gehen dem lokalen Mythos auf den Grund und stellen das Ergebnis einer wissenschaftlichen Tagung vor, die im Mai 2017 aus der Kooperation des Kieler Lehrstuhls für Regionalgeschichte (Prof. Dr. Oliver Auge) und der Regionalforschung in der Eutiner Landesbibliothek (Dr. Anke Scharrenberg) hervorging. Man stellte sich unter anderem den Fragen: Was ist eigentlich mit „Weimar des Nordens“ genau gemeint? Wer hat diesen Titel vergeben? Wie sah das kulturelle Leben der Umgebung aus, und welche Einflüsse könnten eine Rolle gespielt haben? Neben neuen interessanten Erkenntnissen haben sich dabei auch neue Fragen aufgetan. Immerhin kommt Dr. Axel E. Walter in seinem Beitrag in dem Buch zu dem Schluss, es sei „unstrittig, dass die Zeit um 1800 in der Kulturgeschichte Eutins eine hervorragende Episode gewesen ist, deren Andenken gepflegt und weiterhin wissenschaftlich ausgearbeitet werden sollte. Diese Episode kann (...) einen zentralen Platz im kulturellen Gedächtnis der Region beanspruchen. Den Titel eines Weimar des Nordens (…) braucht man dafür eigentlich nicht.“ Dennoch sei dieses Motto „wohl nicht auszurotten“, meinte resigniert schmunzelnd Dr. Auge bei der Buchpräsentation. Jedenfalls hat die Landesbibliothek, wie Dr. Walter bei gleicher Gelegenheit feststellte, mit diesem Band wieder einmal „etwas Gutes für die Eutiner Geschichte auf die Bühne gestellt“. Der an lokaler Geschichte interessierte Leser werde mit vielen bisher unbekannten Details belohnt.
In dem facettenreichen und gut lesbaren Buch haben außer Prof. Auge, Dr. Scharrenberg, Dr. Axel E. Walter und Dr. Frank Baudach noch eine Anzahl weiterer Teilnehmer des im Mai 2017 abgehaltenen Seminars die Spuren ihrer Forschung hinterlassen. Das 205seitige Buch „Auf dem Weg zum Weimar des Nordens? Die Eutiner Fürstbischöfe und ihr Hof im 18. Jahrhundert“; Herausgegeben von Oliver Auge und Anke Scharrenberg; Eutiner Forschungen, Bd. 15; ISSN 2626-8876 ISBN 978-3-939 643-21-0 ist für 24 Euro im Buchhandel und in der Eutiner Landesbibliothek erhältlich.


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