Reporter Eutin

Drangsal, Hass und Einsamkeit

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Eutin (t). In Vorbereitung der Verlegung von Stolpersteinen am Montag, dem 20. Mai (wir berichteten) informiert die Eutiner Bürgergemeinschaft zu den Biographien von Carl Ullrich, Alice Nathan und Jenny Nathan. Zur Lebensgeschichte von Alice und Jenny Nathan gibt Lawrence Stokes in „Meine kleine Stadt steht für tausend andere…“ wertvolle Informationen. Die Wiedergutmachungsakte von Frau Alice Nathan, sie gehörte durch ihre Ehe zu der prominentesten jüdischen Familie der Stadt, ist eine „Empfangsbescheinigung“ für die Summe von RM 1300, die von Alice und ihrer Schwägerin Jenny Nathan unterzeichnet wurde. Es handelte sich um eine Rate, ein Beitrag zum sogenannten „Sühneopfer“, der den Juden auferlegten Geldstrafe, die nach der Pogromnacht 1938 bezahlt werden musste. Der Beleg trug für beide den Zusatznamen „Sara“. Diese demütigende Maßnahme - Männer mussten den Namen „Israel“ annehmen - wurde hier angewandt bis Alice Nathan erklärte: „Ich teile hierdurch mit, daß ich den Vornamen ‘Sarah’ bereits besitze.“ Abgesehen von dieser beabsichtigten Demütigung stellte die finanzielle Maßnahme eine wichtige Stufe in dem Verarmungsprozess des deutschen Judentums dar.
Die Nathans, deren Vorfahren schon 1801 aus Moisling nach Eutin übersiedelt waren, hatten den Arzt und Landtagsabgeordneten Dr. N.N. Nathan (1813-1894) als ihr prominentestes Mitglied. Von dieser einflussreichen und wohlhabenden Familie blieben nach 1933 lediglich die recht betagten Frauen Jenny Nathan (geb. 1856, die ledige Tochter des Mediziners) sowie ihre verwitwete Schwägerin Alice (geb. Caro, geb. 1871 in Paris) in der Stadt zurück.
Die Drangsalierungen in Eutin begannen für sie mit der Verwüstung des familieneigenen Judenfriedhofes, die „in der plumpsten und gemeinsten Art und Weise vorgenommen und [... ] von lichtscheuen staatsschädigenden Elementen ausgeführt“ wurde. Später erfolgte eine von einem benachbarten Nationalsozialisten, einem SA Obersturmführer und früheren Ortsgruppenpropagandaleiter der Partei, inszenierte Demonstration gegen die Personen der Familie Nathan - im „Anzeiger“ als „Judenbagage“ bezeichnet -, die letztendlich erfolglos bezweckte, die zwei Frauen so einzuschüchtern, dass der Nachbar das Haus erwerben könnte. Als aber der Druck zur Auswanderung stetig zunahm entschied Alice, das Reich Hitlers zu verlassen. Mit einem von dem Bürgermeister Eutins gültig ausgestellten, und mit einem großen „J“ versehenen Reisepass durfte sie im April 1939 zum Besuch ihres Sohnes nach Frankreich fahren. Unter Zurücklassung ihres gesamten Hab und Gutes kehrte sie nicht wieder zurück. Sie verbrachte die Kriegszeit im deutschbesetzten Paris, wo sie ab Juni 1942 auch den Judenstern trug. Als Alice Nathan im März 1944 von der Gestapo abgeholt werden sollte, bekam sie durch die Vermittlung eines Pariser Rabbiners eine gefälschte „Carte d’ldentite“, die ihr erlaubte, das gelbe Kennzeichen abzulegen und sich unauffällig in der Umgebung der Hauptstadt eine Unterkunft zu besorgen. Dort überlebte sie ihre nationalsozialistischen Verfolger. Die Schwägerin Jenny blieb damit allein ihren Peinigern ausgeliefert. Mittlerweile schikanierten gewisse Kaufleute der Stadt die alte Frau in Bezug auf schon rationierte Lebensmittel. Anfang des Krieges zog man dann ihren Rundfunkapparat ein.
Damit war die Isolierung Jenny Nathans von der Außenwelt fast vollständig. Sie wagte sich kaum mehr auf die Straßen ihrer Geburtsstadt. Hinzu kam die Drohung, bei jeglicher Übertretung der zahllosen Judenanordnungen in ein Konzentrationslager eingewiesen zu werden. Außerdem gab es wiederholt Kürzungen der Nahrungs- und Heizungsmittel für „Nichtarier“. Deshalb überraschte es nicht, dass gegen Ende des Jahres 1940 das fast 85-jährige, letzte am Ort wohnende Mitglied der ältesten jüdischen Familie Eutins vereinsamt und ausgehungert in ihrem kalten Haus bewusstlos aufgefunden wurde. Fräulein Jenny Nathan starb am 29. Dezember 1940 an einer Lungenentzündung. Ihre Asche wurde auf dem Begräbnisplatz ihrer Verwandten beigesetzt. Der Grabstein soll mehrmals während des Krieges von Unbekannten in den Eutiner See geworfen worden sein. Sowohl ihr bereits 1938 erfasstes Vermögen als auch der Hausrat wurden beschlagnahmt und das Mobiliar später auf Anweisung der Gestapo versteigert.
Auf diese Weise machte das NS-Regime die Allgemeinheit, speziell Teile der Einwohnerschaft Eutins, zu Nutznießern des Schicksals ihrer jüdischen Mitbürger.


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